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ihrer Frauen zurück, dass wir nicht eigensinnig sein, sondern zur Tafel kommen sollten, so bald als geblasen würde, worzu wir noch etwa eine halbe Stunde Zeit hätten. Demnach liessen wir uns durch unsere Bedienten aufs propreste in Blau mit einem hut, worauf eine rote Feder, ankleiden, und discourirten hernach unter dem Spazieren-gehen in dem Zimmer von ein und andern wichtigen Affairen, so lange bis uns Trompeten und Paucken zur Tafel citirten, da wir denn, ein jeder 2. von unsern propre montirten Laquais hinter sich habend, in das Tafel-Zimmer mit goldenen Degen und Stock eintraten, erstlich ein Compliment en generell, hernach aber en speciellement machten. Wir bemerckten, dass sich die Gesellschafft auf die 10. Personen, so wohl männliches als weibliches Geschlechts verstärckt hatte, demnach wurde des angekommenen Frauenzimmers wegen, deren ihrer 6. waren, eine kleine Veränderung des Ranges gegen gestern gemacht. Ehe wir uns noch zu Tische setzten, winckte uns beiden Brüdern die Frau Gouvernantin; wir stelleten uns vor sie, da sie denn sagte: Ei! sind das Patienten? Ich glaube, wenn jetzt ein Barbar ihnen entgegen käme, mit seinem besten Säbel, sie zögen dennoch die Fuchteln, und bohreten ihm das Hertz im leib durch. Ich antwortete: Madame! dass wir noch so ziemlich vigoreus vor Ihnen erschienen, haben wir nichts anders zu dancken, als Dero Gnade, die Befehl gegeben, uns aufs beste zu pflegen und zu warten. Wir machten anbei ein tieffes Compliment vor die Dame, küsseten ihr die Hand und Mund, und setzten uns so, wie die andern, zur Tafel. Hierbei ging es weit delicater und kostbarer zu als gestern, ja ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Tractamenten mehr als Fürstlich waren, hierbei wurde der Pocal und die kleinen güldenen Becher auch nicht müssig gelassen, und darbei das Pulver in den kanonen ganz und gar nicht menagirt, welches mich am allermeisten dauerte, sonsten aber delectirte mich nichts mehr, als die unvergleichliche Italiänische Tafel-Musique. Es ging aber ganz fein und lustig auch bei der Tafel zu, und zwar, wie man in Europa zu sagen pflegt, von Boben-Tal.

Mittlerweile erhub sich ein Streit über der Tafel, um zu wissen wie viel Uhr es wohl accurat sei? der Gouverneur selbst hatte eine kostbare Uhr, und seine Cavaliers und Officiers führeten auch Uhren bei sich, nach Proportion ihrer Güte, sie zeigten ihre Uhren alle auf, gewiss zu erfahren, wie hoch es wohl etwa an der Zeit sein möchte; endlich kam die Reihe an uns, und die Portugiesischen Capitains, welche ihre Uhren auch aufzeigten und bekanten, dass es etliche Minuten auf 3. Nachmittags wäre, aber der Gouverneur wolle damit nicht zufrieden sein, sondern statuirte, dass es vollkommen 3. Uhr wäre. Mein Bruder trat auf, und sagte: Meine Herren! ich bin ein geringer Matematicus, und ein rechter Uhren-Narre, führe also mehrenteils 2. 3. bis 4. Uhren bei mir; grif demnach in die Ficke, und langte seine Haupt-Uhr, in deren Gehäuse unten eine Magnet-Nadel gesetzt war, heraus, und sagte: Dieses ist meine Haupt-Uhr, schlecht von Ansehen, aber tüchtig vom verstand, denn es müste die Sonne nicht richtig gehen, wenn diese meine Uhr nicht richtig ginge, nach welcher sich alle meine andern Uhren, deren ich noch viele kostbare und schlechte habe, zu richten pflegen. Demnach ging diese Haupt-Uhr um die ganze Tafel herum, wurde auch von jeden besichtiget und bewundert; Da diese Uhr aber an ihren Mann zurücke kam, brachte derselbe eine dem Ansehen nach weit kostbarere güldene Repetir-Uhr hervor, die bis 300. Tlr. wert, indem sie stark mit Diamanten und andern Edelgesteinen besetzt war. Diese ging auch um die Tafel herum, und wurde von einem jeden bewundert, bis sie auch wieder an ihren Mann kam. Unterdessen mochte das älteste fräulein des Gouverneurs, ein Auge auf diese Uhr geworffen haben, weswegen sie meinen Bruder bat, seine Stelle zu verändern, und sich an ihre Seite zu setzen, um ihr die Vorteile bei einer Repetir-Uhr zu zeigen, denn sie hätte zwar viel hundert Uhren gesehen, aber noch keine rechte Repetir-Uhr. Mein Bruder gehorsamte ihren Bitten, setzte sich neben sie, machte die Uhr aus einander, und zeigte ihr alle Hand-Griffe und Vorteile, immittelst liess er noch 2. Uhren um die Tafel herum gehen, welche wegen ihrer Schönheit und Accuratesse von allen bewundert wurden. Das fräulein machte sich eine ungemeine Freude daraus, dass sie in kurtzer Zeit so fix repetiren gelernet, præsentirte aber meinem Bruder auf einem goldenen Teller die Uhr wieder zurück; Allein dieser war damahls so genereux, dass er sich weigerte, die Uhr wieder zurück zu nehmen, sondern sagte, weilen er vermerckt, dass das gnädige fräulein einiges Vergnügen an dieser Kleinigkeit gefunden, so offerire er die Uhr Deroselben zum Præsent und geneigten Andencken seiner wenigen person. Denn er hätte noch ein Paar dergleichen, und noch einige geringere in seiner Kiste. Sie richtete sich in etwas in die Höhe, und sagte, mit einer charmanten Mine, nicht mehr als diese Worte: Mein Herr, ich dancke vor dieses kostbare Præsent; Ich will mich revangiren.

Eben also ging es diesen Abend noch meinem Bruder, mit einer goldenen, mit Diamanten und andern