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schöne Paradiess in meiner Gesellschafft besehen, allein, meine Müdigkeit, Concordiens gute Worte und des Lemelie Faulheit, fruchteten so viel, dass wir solches biss Morgenanbrechenden Tag aufschoben, immittelst aber desto sehnlicher auf ein vorbei seeglendes Schiff achtung gaben, welches zwar immer in unsern gedanken, auf der See aber desto weniger zum Vorscheine kommen wolte.

So bald demnach das angenehme Sonnen-Licht abermals aus der See empor gestiegen kam, steckte ein jeder an Lebens-Mitteln, Pulver, Blei und andern Notdürfftigkeiten so viel in seine Säcke, als er sich fortzubringen getrauete. Concordia durffte auch nicht ledig gehen, sondern muste vor allen andern in der Hand eine scharffe Radehaue mitschleppen. Ich führte nebst meiner Flinte und Rantzen eine Holtz-Axt, und suchte noch lange Zeit nach einem kleinen HandBeile, womit man dann und wann die verhinderlichen dünnen Sträucher abhauen könnte, weil aber die HandBeile, ich weiss nicht wohin, verlegt waren, und meine 3. gefährten über den langen Verzug ungedultig werden wolten, beschenckte mich Lemelie, um nur desto eher fortzukommen, mit einem artigen, 2. Finger breiten, zweischneidigen und wohlgeschliffenen Stillet, welches man ganz wohl statt eines Hand-Beils gebrauchen, und hernachmahls zur Gegenwehr wider die wilden Tiere, mit dem Griffe in die Mündung des Flinten-Lauffs stecken konte. Ich hatte eine besondere Freude über das artige Instrument, danckte dem Lemelie fleissig davor, er aber wuste nicht, dass er hiermit ein solches kaltes Eisen von sich gab, welches ihm in wenig Wochen den Lebens-Faden abkürtzen würde, wie ihr in dem Verfolg dieser geschichte gar bald vernehmen werdet. Doch da wir uns nunmehr völlig ausgerüstet, die Reise nach dem eingebildeten Paradiese anzutreten, ging ich als Wegweiser voraus, Lemelie folgte mir, Concordia ihm, und van Leuven schloss den ganzen Zug. Sie konnten sich allerseits nicht gnugsam über meinen klugen Einfall verwundern, dass ich die Absätze der Felsen, welche uns auf die ungefährlichsten Stege führeten, so wohl gezeichnet hatte, denn sonsten hätte man wohl 8. Tage suchen, wo nicht gar Halss und Beine brechen sollen. Es ging zwar immer, je höher wir kamen, je beschwerlicher, sonderlich weil uns Concordiens Furchtsamkeit und Schwindel sehr viel zu schaffen machte, indem wir ihrentwegen hier und dar Stuffen einhauen mussten. Doch erreichten wir endlich die alleroberste Höhe glücklich, allein, da es an den Sprung über die Felsen-Klufft gehen sollte, war aufs neue Not vorhanden, denn Concordia konte sich aus Furcht, zu kurz zu springen und hinunter zu stürtzen, unmöglich dazu entschliessen, ungeachtet der Platz breit genug zum Ausholen war, deswegen mussten wir dieselbe sitzen lassen, und unten im nächsten Holtze einige junge Bäume abhauen, welche wir mit gröster Mühe den Felsen wieder hinauf schleppten, Queer-Höltzer darauf nagelten und bunden, also eine ordentliche brücke über diesen Abgrund schlugen, auf welcher nachher Concordia, wiewohl dennoch mit Furcht und Zittern, sich herüber führen liess.

Ich will die ungemeinen Freudens-Bezeugungen meiner gefährten, welche dieselben, da sie alles weit angenehmer auf dieser Gegend fanden, als ich ihnen die Beschreibung gemacht, mit Stillschweigen übergehen, und ohne unnötige Weitläufftigkeit ferner erzehlen, dass wir nunmehr ingesamt anfingen das ganze Land zu durchstreichen, wobei Mons. van Leuven glücklicher als ich war, gewisse Merckmahle zu finden, woraus zu schliessen, dass sich unfehlbar vernünfftige Menschen allhier aufgehalten hätten, wo selbige ja nicht noch vorhanden wären. Denn es fand sich jenseit des etwa 12. biss 16. Schritt breiten Flusses an dem Orte, wo jetzt Christians-Raum angebauet ist, ein mit zugespitzten Pfälen umsetzter GartenPlatz, in welchen sich annoch die schönsten GartenGewächse, wiewohl mit vielen Unkraut verwachsen, zeigten, wie nicht weniger schöne rare Blumen und etliche Stauden von Hülsen-Früchten, Weitzen, Reiss und andern Getrayde. Weiter hinwarts lagen einige Scherben von zerbrochenen Gefässen im Grase, und Sudwerts auf dem Wein-Gebürge, welches jetzt zu Christophs- und Roberts-Raum gehöret, fanden sich einige an Pfähle fest gebundene Wein-Reben, doch war dabei zu mutmassen, dass das Anbinden schon vor etlichen Jahren müsse geschehen sein. Hierauf besahen wir die See, aus welcher der sich in 2. arme teilende Fluss entspringet, bemerckten, dass selbige nebst dem Flusse recht voll Fischen wimmelte, kehreten aber, weil die Sonne untergehen wolte, und Concordia sehr ermüdet war, zurück auf vorerwehntes erhabene Wein-Gebürge, und beschlossen, weil es eine angenehme Witterung war, daselbst über Nacht auszuruhen. Nachdem wir zu Abends gespeiset hatten, und das schönste wild häuffig auf der Ebene herum spatziren sahen, beurteilten wir alles, was uns heutiges Tages zu Gesicht kommen war, und befunden uns darinnen einig, dass schwerlich ein schöner Revier in der Welt anzutreffen wäre. Nur wurde beklagt, dass nicht noch einige Familien zugegen sein, und nebst uns diese fruchtbare Insul besetzen sollten. Lemelie sagte hierbei: Ich schwere bei allen Heiligen, dass ich Zeit Lebens allhier in Ruhe zu bleiben die gröste Lust empfinde, es fehlen also nichts als zwei Weiber, vor mich und Mons. Albert, jedoch Monsieur, (sagte er zu Mons. van Leuven) was sollte es wohl hindern, wenn wir uns bei dergleichen Umständen alle 3. mit einer Frau behülffen, fleissig Kinder zeugten und dieselbe sodann auch mit einander verheirateten. Mons. van Leuven schüttelte den Kopff, weswegen Lemelie sagte: ha Monsieur, man muss in solchen Fällen die