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bequemer Eingang zur Insul gewesen, doch hätte nunmehr vor langen Jahren ein unbändig grosses Felsen-Stück denselben verschüttet, nachdem es zerborsten, und plötzlich herab geschossen wäre, wie er uns denn in den Verfolg seiner Geschichts-Erzehlung dessfals nähere Nachricht zu erteilen versprach. Immittelst war zu verwundern, und lustig anzusehen, wie, dem ungeachtet, der starcke Arm des Flusses seinen Ausfall allhier behalten, indem das wasser mit gröster Gewalt, und an vielen Orten etliche Ellen hoch, zwischen dem Gesteine heraus stürtzte. Ohnfern vom Flusse betrachteten wir das vortreffliche und so höchst-nutzbare Saltz-Gebürge, in dessen gemachten Gruben das schönste Sal gemmæ oder Stein-Saltz war, und etwa 100. Schritt von demselben zeigte man uns 4. lachen oder Pfützen, worin sich die schärffste Sole zum Saltz-Sieden befand, welche diejenigen Einwohner, so schön Saltz verlangten, in Gefässen an die Sonne setzten, das wasser abrauchen liessen, und hernach das schönste, reinste Saltz aus dem Gefässe heraus schabten, gewöhnlicher Weise aber brauchten alle nur das feinste vom SteinSaltze. Sonsten fand sich in dasigen Feldern ein Wein-Gebürge von sehr guter Art, wie sie uns denn, nebst allerhand guten speisen, eine starcke probe davon vortrugen, durch den Wald war eine breite Strasse gehauen, wo man von der Alberts-Burg her, auf das unten am Berge stehende Wacht-haus, gegen Westen sehen konte. Wie denn auch oben in die Felsen-Ecke ein Schilder-haus gehauen war, weil aber der Weg hinauf gar zu unbequem, stiegen wir dieses mahl nicht hinauf, zumahlen auch sonsten nichts gegen Westen zu sehen, als ein steiler biss in die offenbahre See hinunter steigender Felsen.

Nachdem wir nun solchermassen zwei Drittel des Tages hingebracht, und bei guter Zeit zurück gekehret waren, besichtigten wir die Arbeit am KirchenBau, und befanden daselbst die Zeichen solcher eifferiger Anstalten, dergleichen wir zwar von ihren Willen hoffen, von ihren Kräfften aber nimmermehr glauben können. Denn es war nicht allein schon eine ziemliche Quantität Steine, Kalck und Leimen herbei geschafft, sondern auch der Grund allbereits sehr weit ausgegraben. Unter unsern sonderbaren Freudens-Bezeugungen über solchen angenehmen Fortgang, rückte die Zeit zur Abend-Mahlzeit herbei, nach deren Genuss der Altvater in seinem Erzehlen folgender massen fortfuhr:

Ich hatte mich, wie ich gestern Abend gesagt, auf dieser meiner Insul zur Ruhe gelegt, und zwar auf einem kleinen Hügel, der zwischen Alberts- und Davids-Raum befindlich ist, jetzt aber ein ganz ander Ansehen hat. Indem die Einwohner nicht allein die Sträucher darauf abgehauen, sondern auch den mehresten teil davon abgearbeitet haben. Meine Ruhe war dermassen vergnügt, dass ich mich nicht eher als des andern Morgens, etwa zwei Stunden nach Aufgang der Sonnen, ermuntern konte. Ich schämete mich vor mir selbst, so lange geschlaffen zu haben, stunde aber hurtig auf, nahm meine 5. gestern geschossene Rebhüner, schoss unter weges noch ein junges Reh, und eilete dem Wege zu, welcher mich zu meiner verlassenen Gesellschafft führen sollte.

Mein Rückweg fand sich durch unverdrossenes Suchen weit leichter und sicherer als der gestrige, den ich mit Leib und Lebens-Gefahr hinauf gestiegen war, deswegen machte ich mir bei jeder Umkehrung ein gewisses Zeichen, um denselben desto eher wieder zu finden, weil die vielen Absätze der Felsen von natur einen würcklichen Irrgang vorstelleten. Mein junges Reh wurde ziemlich bestäubt, indem ich selbiges wegen seiner Schwere immer hinter mir drein schleppte, die Rebhüner aber hatte mit einem Bande an meinen Halss gehenckt, weil ich die Flinte statt eines Wander-Staabs gebrauchte. Endlich kam ich ohn allen Schaden herunter, und traff meine zurück gelassene Gesellschafft, eben bei der Mittags-Mahlzeit vor der Felsen-Herberge an. Mons. van Leuven und Concordia sprangen, so bald sie mich nur von ferne erblickten, gleich auf, und kamen mir entgegen gelauffen. Der erste umarmte und küssete mich, sagte auch: Monsieur Albert, der erste Bissen, den wir seit eurer Abwesenheit gegessen haben, steckt noch in unsern mund, weil ich und meine Liebste die Zeit eurer Abwesenheit mit Fasten und gröster Betrübniss zugebracht haben. Fraget sie selbst, ob sie nicht seit Mitternachts-Zeit viele Tränen eurentwegen vergossen hat? Madame, gab ich lachend zur Antwort, ich will eure kostbaren Tränen, in Abschlag mit 5. delicaten Rebhünern und einem jungen Reh bezahlen, aber, Monsieur van Leuven, wisset ihr auch, dass ich das schöne Paradiess entdeckt habe, woraus vermutlich Adam und Eva durch den Cherub verjagt worden? Monsieur Albert, schrye van Leuven, habt ihr etwa das Fieber bekommen? oder phantasirt ihr auf andere Art? Nein, Monsieur, wiederredete ich, bei mir ist weder Fieber noch einige andere Phantasie, sondern lasset mich nur eine gute Mahlzeit nebst einem Glase Wein finden, so werdet ihr keine Phantasie, sondern eine wahrhafftige Erzehlung von allen dem, was mir GOtt und das Glücke gewiesen hat, aus meinem mund hören können.

Sie ergriffen beide meine arme, und führeten mich zu dem sich kranck zeigenden Lemelie, welcher aber doch ziemlich wohl von der zugerichteten SchildKröte und See-Kalbe essen konte, auch dem WeinBecher keinen Zug schuldig blieb. Ich meines Teils ersättigte mich nach Notdurfft, stattete hernachmahls den sämtlichen Anwesenden von meiner getanen Reise den umständlichen Bericht ab, und dieser setzte meine gefährten in so grosse Freude als Verwunderung. Mons. van Leuven wolte gleich mit, und das