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aus, eben als wenn es Jungfer Charlottchen aus den Augen geschnitten wäre." "Ja, (sagte die Magd lachend) es hat sich nunmehr noch was zu jungfern; nun heist es sch – – – in die Jungferschafft." "Ha! Possen! (replicirte die Frau) weiss es doch kein Mensche, als wir unter uns, und zum grössten Glücke ist auch eben ihr Bräutigam, Monsieur Horn, verreiset. Ach! macht nur, (regte die Magd an) dass ihr fort kommet, ehe es zu späte wird, und wartet ja meiner hier bei der Laterne, biss ich auch wieder zurück komme." Hierauf gingen beide hinaus auf die Strasse, machten die Tür hinter sich zu, und liessen die Laterne im Stalle brennend stehen. Wie mir bei dieser geschichte zu Mute gewesen, mag ein jeder selbst bedencken, denn es waren kaum 4. monat, da ich meine liebste Charlotte zum ersten mahle von ferne gesehen hatte. Erstlich wolte ich bald hinter den Weibs-Bildern herlauffen, da ich aber bedachte, dass sie das Kind nur weg- jedoch nicht ums Leben bringen wolten, resolvirte mich, unter der Treppe stecken zu bleiben, um anzuhören, was diese beiden nach ihrer Zurückkunfft weiter sprechen würden. Lange durffte ich nicht warten, denn erstlich kam die Frau, und noch keine halbe Stunde hernach die Magd zurück, welche, so bald sie den Stall zugeschlossen, zur Frauen sagte: "GOtt Lob u. Danck, es ist schon gefunden und aufgehoben, eine Blitz-Kröte, ein Junge, der einen Herrn mit der Fackel heim leuchtete, ward den Korb am ersten gewahr, deckte ihn auf, und machte Lerm, worauf so gleich noch 5. biss 6. Leute dazu kamen, welche es wieder warm zudeckten, biss es von den Gerichts-Personen aufgehoben und fortgetragen wurde. Nun haben wir unser Trinck-Geld redlich verdient, und ein gut Gewissen dabei behalten, unser Charlottchen aber muss hinführo doch vor Jungfer passiren, biss sie Monsieur Horn zur Frau macht." "Bei mir (sagte die Frau,) soll es wohl verschwiegen bleiben, denn ich will meinen Eid nicht brechen, den ich der Frau N. und Charlottchen geschworen habe. Und ich auch nicht, sagte die Magd;" Worauf beide mit der Laterne nach dem Vorder-haus zu gingen, ich aber schlich mich auch sachte fort, in das Quartier, welches ich mir in der Stadt gemietet hatte. Folgenden Morgens war die ganze Stadt voll, dass auf dem Marckte, am Wege nach dem Spring-Brunnen zu, in vergangener Nacht ein FindelKind wäre aufgenommen worden, ich verwunderte mich so wohl mit darüber, als andere Leute; es kam viel unschuldiges Frauenzimmer darüber in Verdacht, allein, ich glaube, es wusten wenig Manns-Personen in der Stadt das, was ich wuste, wie ich denn auch nachher auf eine wunderbare Art erfahren, wer eigentlich Vater zu diesem Findlinge gewesen. Unterdessen war mein erster gang auf das Schloss, um meinem Herrn von meinen Verrichtungen Rapport abzustatten, er war damit vergnügt, weiln ich aber in vergangener Nacht vor Chagrin kein Auge zugetan, zudem auf der Reise mich ziemlich strapaziret hatte, sagte der Herr gleich zu mir: Euch ist nicht wohl, man siehet es an eurer blassen Farbe; dieses machte ich mir so fort zu Nutze, gab vor, ich hätte unterwegs einen kleinen Sturtz mit dem Pferde getan, solches zwar anfänglich nichts geachtet, aber nunmehr müste ein starckes Stechen in der Brust empfinden. Bei so gestalten Sachen befahl mir mein Herr, nach haus zu eilen, und nicht ehe wieder auszugehen, biss ich vollkommen restituiret wäre. Demnach begab ich mich in mein Logis, legte mich zu Bette, und stellte mich würcklich kräncker, als ich war, um zur Lust abzuwarten, was meine bissherige Liebste angeben würde, zu welcher ich meinen Jungen abschickte, derselben meine kränckliche Zurückkunfft melden und darbei vernehmen liess, ob sie sich noch bei guten Wohlsein befände. Die alte Frau Muhme nimmt meinen Jungen gleich auf die Seite, und spricht unter einer ängstlichen Stellung: Ach, das GOTT erbarm, mein Sohn! wir haben es leider! schon gehöret, dass euer Herr unglücklich gewesen, und mit dem Pferde gestürtzt ist; weil aber meine arme Charlotte auch seit etlichen Tagen fast tot-kranck gewesen, so halte vor das beste, dass wir ihr gar nichts darvon sagen, sondern viel lieber tun, als ob euer Herr noch gar nicht wieder gekommen wäre, damit sie nicht etwa aus Schrekken wieder in die vorige Kranckheit verfällt; unterdessen wünsche ich eurem Herrn baldige Besserung, dass er sie selbst besuchen kan, und ich glaube, dass sie alsdenn alle beide auf einmal wieder gesund werden, wenn sie nur erstlich einander wieder gesehen haben.

So listig konte das verzweiffelte Weibes-Volck seine Streiche spielen, mich zu übertölpeln, allein, es war ein Glück, dass mich der Himmel noch zu rechter Zeit hinter solche Bossheiten kommen lassen. Indessen schwieg ich mit allem Fleisse noch eine Zeit lang stille, um der Jungfer Wöchnerin in den ersten Tagen kein Schrecken einzujagen, und sie etwa um ihre Gesundheit, oder gar um ihr keusches Leben zu bringen; die Complimenten-Träger aber gingen täglich ab und zu, und endlich empfing ich von der Madame Charlotte ein also lautendes Schreiben:

Mein allerliebster Schatz!

Heute ist mir erstlich gesagt worden, dass