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mein Chatoull und der rote Coffre, mit allen dem, was drinnen ist, soll deine sein, hiervon aber solst du meine Begräbniss-Kosten bezahlen, und das im roten Coffre blau laquirte Kästlein an die bewuste person liefern, ich traue deiner Redlichkeit schon so viel zu, dass du dieses ohne fernere Weitläufftigkeiten bewerckstelligen wirst; was sonsten noch von meinen unversiegelten Sachen umher stehet und liegt, soll nach meinem tod ebenfals alles deine sein.

Nachdem er hierüber die anwesenden Herrn zu Zeugen angeruffen, bat er, man möchte ihn mit dem Geistlichen etwas alleine lassen; dieser blieb also bei ihm, biss er abermals in einen Schlummer verfallen war, aus welchen er sich denn auch nicht ermunterte, sondern ein paar Stunden nach Mittags seinen Geist aufgab.

Ich sparete keine Kosten, meinen erblasseten Herrn Standes-mässig zur Erden bestatten zu lassen, indem ich baares Geld genug dazu fand, mit dem Uberbliebenen aber wohl zufrieden sein konte. Indem ich nun Anstalten zu unserer Reise nach Deutschland machte, kam mir eines Tages ein Billet, folgendes Inhalts, zu Handen:

Monsieur Wilhelm!

Damit ihr den Verdacht wegen Entleibung eures Herrn nicht etwa auf eine unrechte person werffen möget, so wisset und glaubet, als eine sichere Wahrheit, dass niemand anders, als die Frantzösische Marquise von R. Schuld daran sei; denn diese hat, nachdem sie vernommen, dass ihr Gemahl von ihm erstochen worden, so gleich 3. Banditen erkaufft, und mit dem Befehle, ihn in ganz Italien aufzusuchen, und das Lebens-Licht auszublasen, fortgeschickt. Es ist in Rom, Neapolis und Venedig erliche mahl fehl nach ihm geschossen, auch an viel andern Orten auf ihn gelauret worden, er ist uns aber jederzeit zu gescheut gewesen, biss es uns allhier in Mayland endlich doch geglückt, die andere Helffte unseres versprochenen Recompenses zu vedienen, ohne ihn biss nach Deutschland zu verfolgen. Nun reiset ihr so glücklich, als wir drei es uns wünschen.

Adieu!

Ich lasse es dahin gestellet sein, ob es wahr, dass die Marquise so einen gar grausamen Hass auf meinen erblasseten Herrn gelegt, zumahlen er derselben mit Entleibung ihres Mannes vielleicht keinen Tort getan, vielmehr wolte wohl sagen, wie ich mehr glaubte, dass mir der Frantzösische Duc diesen Brief zupracticiren lassen, nachdem er vielleicht die Banditen selbst zu dieser Mordtat erkaufft, und was mich in diesem Glauben stärckt, ist dieses, dass ich nachher erfahren, wie eben offt gemeldeter Duc, nach seiner Heimkunfft die Marquise von R. geheiratet hat.

Dem allen aber sei nun wie ihm wolle, genug! wenn mein Herr sich von der Weiber-Liebe nicht allzu sehr betören lassen, so wäre er einer der glückkseeligsten Cavaliers gewesen, und lebte vielleicht diese Stunde noch, denn er hatte eine vollkommen gesunde und ungemein starcke natur, so aber war bloss das Frauenzimmer Schuld und ursache an allen seinen Wiederwärtigkeiten, Unglücks-Fällen und endlichen frühzeitigen tod.

nunmehr war vor mich nichts weiter zu tun, als den Weg ins Vaterland zu suchen, deswegen nahm ich, nachdem mir die Deutschen Cavaliers tüchtige Pässe ausgewürckt, Wagen und Maul-Tiere zur Miete, um meines Herrn Sachen darauf fort zu schaffen, der Jäger und die zwei Reut-Knechte blieben bei mir, der neulichst angenommene Cammer-Diener aber, wolte sich in Italien einen andern Herrn suchen. Nach einer sehr beschwerlichen und verdrüsslichen Reise, gelangeten wir endlich auf dem Ritter-Sitze des Herrn von E.* an, den ich zwar nicht sogleich selbst zu haus antraff, von der Frau von E.* aber ganz wohl aufgenommen wurde, als welche eine wahrhaffte Betrübniss und Wehmut über den jämmerlichen tot meines Herrn empfinden mochte, wie sie denn auch gegen mich kein besonderes geheimnis daraus machte, sondern sehr vertraut nach allen Umständen fragte. Weil ich nun schon bescheidet war, dass in dem blau laquirten Kästgen der Schatz verwahret lag, der der Frau von E.* vor sie selbst und ihren kleinen Sohn zugedacht war, (welcher Knabe meines Herrn ganze person, wie er geleibet und gelebt, en Mignature præsentirete) so säumete ich mich nicht, ihr dieses ganz und gar mit Gold und Jubelen angefüllete Kästgen zu überreichen, wo vor sie mir denn zum Gratial, ehe noch ihr Herr nach haus kam, 100. spec. dukaten aufdrunge. Es war aber noch eine andere grosse Kiste mit vielen Italiänischen Kostbarkeiten vor den Herrn und die Frau von E.* unter den mitgebrachten Sachen von meines Herrn Verlassenschafft, welche ich, da der Herr zu haus gekommen, demselben einhändigte. Beide mochten vor sich so viel darinnen finden, dass sie ursache hatten, darüber vergnügt zu sein, und meines seeligen Herrn Generositee zu bewundern, mir aber schenckte der Herr von E.* vor meine Mühe und getreue Einlieferung 200. Tlr. an lauter Lüneburgischen Gulden. Die übrige Verlassenschafft wurde nach meines seeligen Herrn gemachter Disposition, unter seines, schon vor längst verstorbenen Bruders Kinder geteilet, welche wohl in Wahrheit lachende Erben zu nennen waren, indem sie zwar mit den Kleidern traureten, allem Ansehen nach aber im herzen jauchzeten. Ich bekam, weil ich bei ihnen keine Dienste nehmen wolte, von allen insgesammt nicht mehr als 100. spec. Tlr. ein Kleid und ein Pferd mit Sattel und Zeuge zum Recompense, war auch gesonnen, gewisser Ursachen wegen eine Reise nach Wien zu tun, allein, mein Landes-Herr liess mich eines Tages zu sich ruffen, und