, denn die Zeit, euch im Reiche der toten zu wissen, währet viel zu lang
Dem
Marquis von R.
Mein Herr besprach sich also mit dem Cavalier, und es wurde wegen desto besserer Sicherheit, so wohl vor diesen als jenen teil, beschlossen, dass uns der Marquis biss nach Geneve folgen, und das Duell in selbiger Gegend vorgenommen werden sollte, weil sich daselbst die Frantzösischen, Savoyischen und Schweitzerischen Gräntzen scheiden. Mitlerweile gab mein Herr den Cavalier folgende Antworts-Zeilen zurück: Ihr seid von Haltung meiner Parole falsch berichtet, oder müsset nunmehr erstlich eine andere Ursache hervor gesucht haben, mit mir anzubinden. Wegen des erstern will meine Unschuld nicht mit Worten, sondern, damit ich nicht vor einen Zaghafften gehalten werden möge, gegen euch lieber mit dem Degen defendiren. Wegen Zeit und Orts, ist, eurem Belieben nach, mit Zurückbringern dieses, bereits Abrede genommen, und es kan nicht schaden, dass ihr euch auf dieser Reise biss an Franckreichs Ende, noch eine kleine Motion machet, bevor ihr von mir ins Reich der ohne eure Gemahlin erstlich wieder ausgesöhnt zu wissen, hat vor jetzt noch keine Lust
N.N.
Hiermit ging der Cavalier, wir aber setzten unsere Reise gleich tages hernach fort, und hielten keinen Rast-Tag, biss wir nach Geneve kamen. Zwei Tage waren wir schon da gewesen, als der Cavalier wieder kam, und nur eine Viertel-Stunde mit meinem Herrn in Geheim redete. abermals zwei Tage hernach ging das Duell auf Schweitzerischen grund und Boden vor sich. Der Marquis wurde erstlich zweimahl leichte von meinem Herrn blessirt, da er aber, ungeachtet alles Zuredens, nicht zufrieden sein, sondern meinem Herrn absolut tot haben wolte, jagte ihm dieser endlich seine Klinge dergestalt tieff in die Brust, dass er, ohne ein Wort zu sprechen, zu Boden sanck. Wir hielten uns also nicht lange bei seinem erblasseten körper auf, sondern eileten von dannen, und erreichten gar bald ein Savoyisches kleines Städtgen, und etliche Tage darauf die Haupt-Stadt Turin; wo mein Herr und wir alle von der beschwerlichen Reise ausruheten. Mir schwebte der entleibte Marquis stets vor Augen, und wunderte mich sehr, dass mein Herr sich dergleichen Blut-Schulden ganz und gar nicht zu Gemüte zohe, sondern in Turin erstlich als ganz von neuen sondern etlichen vornehmen Dames in ein geheimes liebes-Verständniss einliess, welches mir, als dem Brief- und Complimenten-Träger, zwar manchen schönen dukaten einbrachte, jedoch, weil ich nunmehr schon ziemlich zu verstand gekommen, und bemerckt, dass meines Herrn Lebens-Art recht Epicurisch, indem er sich weder um Beten, Singen, noch Religion etwas bekümmerte, auch so lange ich bei ihm gewesen, nicht zum Heiligen Abendmahle gewesen war, wünschte ich, dass er sich ändern, und nicht etwa einmal so in seinen Sünden dahin fahren, oder, dass ich bald von ihm hinweg kommen und solches Unglück nicht mit ansehen möchte. Weil ich aber etliche Tage Zeit dazu haben müste, wenn ich alle seine liebes- und andere zum teil sehr verwegene Streiche, die er in Italien gespielet, ordentlich erzählen wolte, so will nur, um kurz darvon zu kommen, noch so viel melden, dass, nachdem wir binnen 3. Jahren die vornehmsten Städte Italiens besehen, ihn das Angedencken einer wunderschönen Kauffmanns-Frau, zum andernmahle fast von der Gräntze zurück nach Mayland zohe. Allein, da er das vorige mahl mit derselben in der allergrösten Vertraulichkeit gelebt, muste er nunmehr erfahren, dass sie ihm sehr kaltsinnig begegnete, und endlich erfuhr er auch, dass ein ganz junger Frantzösischer Duc, seinen Posten bei ihr eingenommen hätte; deswegen sparete er weder Mühe noch Kosten, denselben wieder auszustechen, und das wollüstige Weib mag sich endlich wohl resolviren, ihre Gunst-Bezeugungen unter diese beiden Amanten gleich einzuteilen, um entweder ihre Geilheit recht zu ersättigen, oder vielleicht von Beiden starcken Profit zu ziehen. Demnach bringet sie es auf listige Art dahin, dass beide keine öffentliche Visiten ferner bei ihr ablegen dürffen, heimlich aber lässt sie, Wechsels-weise, bald den Franzosen, bald meinen Herrn zu sich kommen, welcher keine gelegenheit verabsäumete, dieser geilen Frauen aufzuwarten, ungeachtet ihm gesteckt wurde, dass dem Kaufmanne seinetwegen ein Floh ins Ohr gesetzt worden. Mittlerweile starb meines Herrn Cammer-Diener an einem hitzigen Fieber, woran wohl nichts anders als der Wein, welchen er gar zu gern trunck, ursache sein mochte. Mein Herr bedauerte denselben, wegen seiner treu-geleisteten Dienste, sehr, bekam zwar einen andern Deutschen feinen Menschen an dessen Stelle, hatte aber dennoch mehr Vertrauen zu mir als zu ihm, und gab mir das meiste von seinen kostbarsten Sachen unter meinen Verschluss; wie gern ich aber gesehen hätte, dass mein Herr, um nur von seiner gefährlichen Lebens-Art abzukommen, das verführerische Mayland einmal verlassen hätte, so gedachte er doch niemals daran, zumahlen da nicht allein aus Deutschland frische Wechsel einlieffen, sondern er auch von seinem Mit-Buhler, dem Frantzösischen Duc, welcher ihm eines Abends, in einer Assamblee beim Spiele stark forçirte, 1500. spec. dukaten baar Geld, und über dieses einen Wechsel-Brief auf 1000. dukaten, gewonne. Nach der Zeit stellte sich der Frantzmann sehr hochmütig gegen meinen Herrn, welcher selbiges zwar nicht sonderlich æstimirte, endlich aber erfuhr, dass der Duc gegen jemanden, der ihn wegen seines grossen Geld-