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anwiese, mit dem Bedinge: dass er dahin besorgt sein sollte, damit ihm seine Gelder richtig gezahlt, und par Wechsel nach Franckreich, oder wo er dieselben sonst hin verlangte, übermacht werden möchten. Hierauf teilete mein Herr abermals reichliche Geschencke aus, die besten aber mochte die Frau von E.* wohl in Geheim von ihm empfangen haben, ohne das allerbeste Angedencken, welches sie seit der neulichsten Anwesenheit meines Herrn unter ihrem herzen trug, und ihm solches offenhertzig bekannt und darbei gesagt hatte, dass ihr solches am allerliebsten wäre, da sie in ihrem 6. jährigen Ehestande noch niemals so glücklich gewesen, hohes Leibes zu sein. Eben dieses machte, dass sie beim Abschiede, alle Kräffte anspannen muste, ihren Jammer und Tränen zu verbergen, der Herr von E.* aber gab uns, da wir des Nachts bei Mond-Scheine fort reiseten, das Geleite mit 2. seiner Bedienten, weiter, als 3. Meil Weges; kehrete hernach um, wir beide aber reiseten so eiligst, als möglich war, fort, biss wir unsere Leute an dem bestellten Orte antraffen. Allhier ruhete mein Herr nur einen Tag aus, nahm so dann eine Extra-Post, den Cammer-Diener und mich mit sich, und setzte die Reise auf Paris fort, der Jäger aber nebst den Reut-Knechten und Pferden sollten sachte nachkommen. ungeachtet nun viel schöne Städte unterwegs zu besehen waren, so hielt sich doch mein Herr nirgends lange auf, weiln ihm recht innigst verlangte, das weltberühmte Paris zu sehen.

Endlich wurde seine sehnsucht gestillet, denn wir kamen gleich in der schönsten Zeit, nämlich im May-monat, in diese kleine Welt, und zwar so wählete mein Herr keins der schlechtesten Quartiere darinnen, sondern ein solches, wo kurz vorher nur ein Deutscher Printz logirt hatte, weswegen viele auf die gedanken gerieten, er wäre ein würcklicher Printz, und wolte sich des Ceremoniells und der Kosten wegen nur unter verdeckten Nahmen daselbst aufführen. Demnach ist leichtlich zu erachten, dass er bald in Gesellschafft geraten, und in derselben, nach Fanzösischer Manier, von jedermann complaisant tractiret worden, sonderlich aber von dem Frauenzimmer, denn er sah im gesicht vor eine Manns-person sehr schön, war von leib wohl gewachsen, und sonst in der Aufführung ein vollkommener staates-Mann. Von seinen Divertissements aber kan ich eben so viel nicht melden, weil ich selten darbei gewesen, denn er, mein Herr, welcher alle Mittags ausging oder ausfuhr, war so gütig, mich bei einem Sprach-Meister zu verdingen, welcher mich recht perfect Französisch reden und schreiben lehren sollte, ich hatte auch in der Tat hierzu mehr Lust, als alle Abende dem Lermen, Schwermen, Tantzen, Spielen und dergleichen zuzusehen, gab auch meinem Sprach-Meister noch etwas Geld aus meinem Beutel, dass er die Lateinische Sprache und die Rechen-Kunst mit mir repetiren muste. Solchergestalt verstrich mir viel gelegenheit, in böse Gesellschafft zu geraten, hergegen konte ich hoffen, dass mir mein fleissiges Lernen dermahleins guten Nutzen schaffen könnte; denn ich war dazumahl noch nicht einmal 18. Jahr alt. Als wir nun etwa 3. monat in Paris gewesen, kam mein Herr eines Abends, wider unser Vermuten, zeitiger als sonst gewöhnlich nach haus, da mir aber seit einigen Tagen nicht gar zu wohl gewesen, hiess er mich zu Bette gehen, und der Cammer-Diener muste alleine bei ihm bleiben, weil er noch nicht Lust hatte, schlaffen zu gehen. Nach verschiedenen Gesprächen, die er mit dem CammerDiener geführt, und die ich, weil nur eine Bret-Wand zwischen unserer und seiner Schlaf-Cammer war, deutlich hören konte, fing mein Herr nach einem langen Stillschweigen folgender massen zu dem Cammer-Diener zu reden an: Heute hat mein Leben an einer Haare gehangen, und ihr hättet mich fast nicht wieder zu sehen bekommen. Ei! da sei der Himmel darvor, (sagte der Cammer-Diener) gnädiger Herr, wie wäre denn das zugegangen. Ich bin, verfolgte der Herr seine Rede, Zeit meines Lebens nicht hefftiger erschrocken, als heute, werde mich aber auch Zeit meines Lebens über keine Begebenheit mehr verwundern, als über die heutige. Ihr habt doch gesehen, dass mir die Marquise von R. – – heute früh ein Billet zugeschickt, deswegen begab ich mich zur MittagsMahlzeit zu ihr, denn ihr Mann war, wie sie mir schrieb, auf etliche Tage verreiset. Ich kan nicht läugnen, dass ich diese Liebens-würdige Dame, mit der ich gleich anfänglich in Bekandtschafft geraten, sehr liebe, weil ich die stärcksten Proben habe, dass sie mich vollkommen und ohne eintziges Interesse liebt, ja ich glaube, wenn ich es verlangte, ihr ganzes Vermögen mit mir teilete, allein, ich bin damit vergnügt, dass ich ihr ganzes Hertze habe, und so offt es sich nur schicken will, das allerangenehmste liebes-Vergnügen bei ihr geniessen kan, denn ihre Caressen sind extraordinair delicat. Heute Nachmittags nun, da wir beisammen sassen und spieleten, sagte ihr lustiges Cammer-Mädgen: O! wer wolte doch bei so überaus angenehmen Wetter im Zimmer sitzen, und die lumpichte Karte in Händen rum werffen? Wäre es nicht besser, wenn man ein wenig in den Garten hinaus spatziren führe? Es ist auch wohl wahr, sagte die Marquise, gefällt es euch, mein Herr! so soll augenblicklich mein Wagen angespannet