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wie halb rasend, aus dem Bette sprunge, den Brief mit Füssen trat, und sich im Eiffer folgender Worte vernehmen liess: "Ha! ist es so bestellet? warte, Ungetreue – – ich will dir nicht 10. biss 12000. Tlr. wert umsonst ausgebeutelt haben, sondern meinem Hohn an dir rächen, und wenn es auch mein Leben kosten sollte." Hierauf muste ich die andern Bedienten ruffen, um ihn anzukleiden, sie konnten es ihm zwar alle ansehen, dass er Grillen hatte, und zornig war, allein, er konte sich doch auch in so weit bezwingen, einem jeden, was er auf heute zu befehlen hatte, mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen. nachher rieff er den Secretarium und Cammer-Diener in sein Cabinet, besprach sich mit beiden länger als eine Stunde in Geheim, und fuhr darauf, indem er nur einen eintzigen Laqueien und mich zur Bedienung mit sich genommen, zu einem guten Freunde aufs Land. Wir waren daselbst sehr willkommen und wohl tractiret; nach Mittags aber, da der haus-Herr mit seinem GerichtsHalter in einem Ober-Zimmer etwas geheimes zu tractiren hatte, und mein Herr mitlerweile allein mit der haus-Frauen das Bretspiel zum Zeitvertreibe genommen hatte, merckte ich, der ich allein im Zimmer aufwartete, doch gar zu bald, dass beide einander schon besser kennen müsten. Denn mein Herr küssete und caressirte diese Dame ohngescheuet; und ob sie gleich anfänglich wegen meiner Gegenwart in etwas darüber erschrack, so gab sie sich doch bald zufrieden, als ihr mein Herr, vielleicht meinetwegen, nur wenig Worte ins Ohr gesagt hatte; blieb ihm auch keinen Kuss und Gegen-Caresse schuldig, ja sie wurden gar so dreuste, in ein kleines Cabinet, worin nur ein Schlaf-Stuhl und ein Tisch stunde, zu gehen, ob sie nun da ebenfalls ein Damen-Spiel spieleten, oder nur zum Fenster hinaus in den Lust-Garten sahen, das weiss ich nicht, jedoch kamen beide, ehe jemand anders ins Zimmer kam, wieder heraus, und spieleten nunmehr recht ernstafft im Brete fort.

Abends, nach der Mahlzeit, begab sich mein Herr mit dem Haus-Herrn in ein besonderes Zimmer, wo sie über 3. Stunden ganz alleine geblieben, so dann zur Ruhe gingen, mit anbrechenden Tage aber hatte sich der Haus-Herr mit nur einem Bedienten auf eine Reise begeben, und mein Herr trunck den Tée mit der Dame in einem abgeschlossenen Zimmer über 2. Stunden lang ganz alleine. Gegen Mittag stelleten sich 2. benachbarte Edelleute nebst ihren Gemahlinnen und einem Officier ein, welche, wie ich bei den ersten Complimenten vernehmen konte, der HausHerr auf seinen Hof bitten lassen, um während seiner Abwesenheit meinem Herrn die Zeit passiren zu helffen. Die Haus-Frau liess deswegen noch eine fräulein, die vielleicht nicht weit von ihr wohnen mochte, herzu bitten, um auch ein Frauenzimmer zur Conversation vor den Officier zu haben, allein, dieser hatte seine Augen mehr auf die Wirtin, als auf das fräulein, gerichtet, welche zwar wohl gewachsen, jedoch eben nicht fein von gesicht, dahingegen die erstere recht schön war. Es wurde in allen Stücken recht propre tractiret, sie gingen Spatziren, spieleten allerhand Spiele, wobei jedoch mein Herr jederzeit die Wirtin zur Seiten hatte, welches dem Officier, allem Vermercken nach, verdrüsslich fiel, allein, er muste Respect brauchen, weil ihn mein Herr an stand und Vermögen weit übertraff. Endlich aber, da es Nachts schon weit hin war, kamen doch mein Herr und der Officier, der Haus-Frauen wegen, (ich kan aber nicht eigentlich sagen, welchergestalt) in einen spitzfündigen WortStreit, der aber durch die andern Gäste beigelegt, und so gleich Schicht gemacht wurde. Mein Herr legte sich, so bald er in sein angewiesenes Zimmer kam, augenblicklich zu Bette, befahl auch mir, nur gleich einzuschlaffen, weil ich Morgen bald aufstehen müste. Ich legte mich demnach in das, hinter einer Spanischen Wand stehende Feld-Bette; war aber kaum eingeschlaffen, als die Seiten-Tür des Zimmers eröffnet wurde, durch welche eine person, in einem langen weisslichen Schlaff-Rocke, herein getreten kam, weswegen ich, etwas furchtsam, Wer da? rieff, mein Herr aber antwortete: Schlaf nur geruhig, Wilhelm, und kehre dich an nichts. Weiln nun die Spanische Wand weit offen stunde, konte ich in der Dämmerung doch so viel observiren, dass diese Machine auf meines Herrn Bette zu ging, und hinter seinen Guardinen verschwand, ich wuste nicht, ob es ein würcklicher körper oder ein Geist war, konte deswegen vor vielen Scrupuliren kein Auge zu tun, bemerckte auch, dass mein Herr sehr unruhig lag, sich öffters bewegte und herum warff, doch endlich schlieff ich drüber ein, und ermunterte mich nicht eher, biss der helle Tag schon angebrochen war, mich also erinnerte, aufzustehen. Indem ich nun aus dem Bette steigen wolte, rieff mein Herr: Wilhelm! es ist noch zu früh allhier aufzustehen, schlaff nur noch ein paar Stunden, biss ich dich selbst aufruffe. Ich gehorsamete, konte aber, weil ich mich schon gewöhnet, früh munter zu sein, nicht wieder einschlaffen, sondern lag mit offenen Augen, hörete auch, dass mein Herr in seinem Bette mit jemanden ein leises Gespräch hielt, von welchen ich aber sehr wenig verstehen konte, und endlich, da schon die aufgehende Sonne ihren ersten