1731_Schnabel_088_412.txt

und Wetter da hinein gebracht waren, dergestalt böse, dass man sich vor dem Fallen sehr wohl in Acht nehmen muste; Mons van Blac aber, der vor mir her ging, sagte öffters lachend zu mir: Diss ist würcklich der Weg, von dem mich in vergangener Nacht geträumet hat. Endlich, nachdem wir fast 2. gute Stunden Berg- auf gestiegen waren, gelangten wir auf einem Hügel an, der oben ganz platt wie ein Tisch, und ziemlich dicke mit Moose und grünem Grase bewachsen war. Dieser angenehme Platz nötigte uns fast mit Gewalt zum Ausruhen, und etwas Speise und Tranck zu uns zu nehmen, indem wir ein ziemlich breites steinigtes Tal vor uns sahen, welches wir erstlich passiren mussten, wenn wir an den rechten Berg, auf welchem die entsetzlich hohe Felsen-Spitze stunde, gelangen wolten.

Allein, eine besondere Begebenheit setzte uns dahier in nicht geringe Verwunderung und Erstaunen: denn, da wir noch im besten speisen waren, und alle mit einander unsere Gesichter gegen den grossen Berg gewendet hatten, kam immer ein schwartzer grosser Vogel nach dem andern aus einer Klufft des Felsens heraus geflogen, wir zähleten deren accurat zwölffe, warteten aber vergeblich auf mehrere, hergegen schwungen sich diese hoch in die Lufft, machten, nachdem sie alle 12. zusammen gekommen, ein grässliches Geschrei, und nahmen ihren Flug nach Süden zu, weswegen wir in unserer Meinung gestärckt wurden, dass sich in selbiger Gegend nach dem Süd-Pol zu, noch mehr Land befinden müsse. Inzwischen konnten wir diese Vögel eine lange Zeit fliegen sehen und schreien hören; nachdem sie sich aber gänzlich aus unsern Gesicht und Gehör verlohren, sahen wir alle den Mons. van Blac an, und verwunderten uns höchlich, dass sein Traum auch in diesem Stücke so accurat eingetroffen wäre. Er hingegen schien sehr mutig zu sein, und sagte: Meine Herren und Freunde, ich bin in meinem herzen vollkommen versichert, dass wir in diesem Gebürge, nach der alten Art zu reden, ein besonderes Abenteuer antreffen werden, deswegen lasset uns, weil es noch hoch am Tage, auf die FelsenKlufft zu wandern; gönnet mir die Ehre, dass ich voraus gehe, und sehe, wie es in derselbigen beschaffen, indem ich, als ein Mensch, der viele Gefährlichkeiten ausgestanden, Courage genug dazu habe. Wir weigerten uns nicht, ihm zu folgen, und erreichten nach Verlauff einer guten halben Stunde mit vieler Beschwerlichkeit den Eingang zu der Felsen-Klufft, welchen wir aber ganz anders befanden, als er sich unsern Augen von ferne præsentirete, denn auf beiden Seiten hatte, dem Ansehen nach, die natur, so zu sagen, hohe Mauern oder Pfeiler gesetzt, zwischen welchen nur eine person auf dem schmalen Wege hingehen, und sonst nichts, als die hohen Felsen-Mauern neben sich, und den Himmel über sich sehen konte, so war auch dieser schmale Weg, der 3. Krümmen hatte, hundert und etliche 30. Schritte lang. Mons. van Blac, der sehr emsig im Gehen war, blieb endlich stehen, und rieff zurück: Halt! hier ist das Ende, weiter können wir nicht kommen. Demnach versamleten wir uns alle, als wir aus dem schmalen Gange heraus gekommen waren, um ihn herum, auf einem Ufer, welches nur 18. Schritt breit und etliche 40. Schritt lang war. Hier schien es, als ob diese Felsen mit aller Gewalt von dem grossen Klumpen abgerissen wären, und vor uns auf dem Fuss-Boden fanden wir einen Riss oder Schlufft, etwa 10. biss 12. Ellen breit. Es stunden einem, wenn man da hinunter in die Tieffe und dicke Finsterniss sah, die Haare zu Berge, über dieses machte das, in diesem Abgrunde wallende wasser, ein recht wunderlich und fürchterliches Getöse, weswegen niemand grosse Lust bezeigte, sich lange bei diesem terriblen Schlunde aufzuhalten. Auf der andern Seite aber sahen wir ebenfals wieder einen Riss oder Spalte von oben herunter in dem grossen Berge, zu welchem eine ordentliche Treppe von mehr als 30. Stuffen hinauf ging, welche wir schwerlich von natur also, sondern von Menschen-Händen ausgehauen und gemacht zu sein, beurteileten. O! wenn wir doch über den schändlichen Abgrund hinüber wären, sagte Mons. van Blac, denn ich mercke schon, diese Treppe führet an einen Ort, wo sich Curiositäten befinden. Allein, sein und unser aller Wünschen war vergebens, denn, weder zur rechten noch zur lincken Hand, konnten wir den Anfang noch das Ende, wegen der steilen Felsen, erforschen, und auf jener Seite war es eben so schlimm, auch nirgends aufzusteigen, als auf der ausgehauenen Treppe.

Dem ungeachtet stunden wir noch fast eine ganze Stunde daselbst, um alles desto genauer zu mercken, kehreten endlich durch den vorigen Weg zurücke, und kamen sehr ermüdet auf dem grünen platz an, wo wir etliche Stunden vorher gespeiset und den Ausflug der Vögel gesehen hatten, beschlossen auch, die Nacht über, welche sehr warm und angenehm war, allda zu verbleiben. Mons. van Blac hatte seine Grillen, dass nämlich in dem grossen Berge, vielleicht eine ausgehauene wohnung und andere Spuren von Menschen anzutreffen sein würden, einem jeden von uns allen dergestalt scharff eingeprägt, dass wir auch alle glaubten, es könnte und muste nicht anders sein, deswegen beratschlagten wir biss in die späte Nacht, was zu tun sei? Beschlossen erstlich, gleich morgendes Tages wieder zurück nach