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ausgeruffen wurden: GOTT sei uns gnädig, nun sind wir alle des Todes, verging so wohl mir als der Concordia der Verstand solchergestalt, dass wir als Ohnmächtige da lagen. Doch habe ich in meiner Schwachheit noch so viel verspüret, dass das Schiff vermutlich an einen harten Felsen zerscheiterte, indem es ein grausames Krachen und Prasseln verursachte, das Hinterteil aber, worin wir lagen, mochte sehr tieff unter wasser gekommen sein, weil selbiges unsere kammer über die Helffte anfüllete, jedoch alsobald wieder zurück lief, worauff alles in ganz verkehrten Zustande blieb, indem der Fuss-Boden zu einer Seiten-Wand geworden, und wir beiden Krancken uns in den Winckel der kammer geworffen, befanden. Weiter weiss ich nicht, wie mir geschehen ist, indem mich entweder eine Ohnmacht oder allzustarcker Schlaf überfiel, aus welchem ich mich nicht eher als des andern Tages ermuntern konte, da sich mein schwacher körper auf einer Sand-Banck an der Sonne liegend befand.

Es kam mir als etwas recht ungewöhnliches vor, da ich die Sonne am aufgeklärten Himmel erblickte, und von deren erwärmenden Strahlen die allerangenehmste Erquickung in meinen Gliedern empfieng. Ich richtete mich auf, sah mich um, und entsetzte mich gewaltig, da ich sonst keinen Menschen, als die Concordia, Mons. van Leuven, und den schiffes-kapitän Lemelie, ohnfern von mir schlaffend, hinterwärts einen grausamen Felsen, seitwärts das Hinterteil vom zerscheiterten Schiffe, sonsten aber nichts als Sand-Bäncke, wasser und Himmel sah. Da aber die Seite, auf welcher ich gelegen, nebst den Kleidern, annoch sehr kalt und nass war, drehete ich selbige gegen die Sonne um, und verfiel aufs neue in einen tieffen Schlaf, aus welchem mich, gegen Untergang der Sonnen, Mons. van Leuven erweckte. Er gab mir einen mässigen Topf mit Weine, und eine gute Hand voll Confect, welches ich noch halb schläferig annahm, und mit grosser Begierde in den Magen schickte, massen nunmehr fast in 4. Tagen weder gegessen noch getruncken hatte. Hierauff empfieng ich noch einen halben Topf Wein, nebst einem Stück Zwieback, mit der Erinnerung, dass ich mich damit biss Morgen behelffen müste, weiln ein mehreres meiner Gesundheit schädlich sein möchte.

Nachdem ich auch dieses verzehret, und mich durchaus erwärmt, auch meine Kleider ganz trucken befand, kam ich auf einmal wieder zu verstand, und bedünckte mich so stark als ein Löwe zu sein. Meine erste Frage war nach unsern übrigen Reise-gefährten, weil ich, ausser uns vier vorerwehnten, noch niemand mehr sah. Muste aber mit grössten Leidwesen anhören, dass sie vermutlich ingesammt würden ertruncken sein, wenn sie GOtt nicht auf so wunderbare Art als uns, errettet hätte. Denn vor Menschlichen Augen war es vergeblich, an eines eintzigen Rettung zu gedencken, weiln die Zerscheiterung des schiffes noch vor Mitternacht geschehen, der Sturm sich erstlich 2. Stunden vor Aufgang der Sonnen gelegt hatte, das Hinterteil des schiffes aber, worauff wir 4. Personen allein geblieben, mit aller Gewalt auf diese Sand-Banck getrieben war. Ich beklagte sonderlich den ehrlichen Mons. Anton Plürs, der sich bei uns nicht sicher zu sein geschätzt, sondern nebst allzuvielen andern Menschen, einen leichten Nachen erwehlt, doch mit allen diesen sein Begräbniss in der Tiefe gefunden. Sonsten berichtete Mons. van Leuven, dass er so wohl mich, als die Concordiam, mit gröster Müh auf die Sand-Banck getragen, weil ihm der eigensinnige und Verzweiffelungs-volle kapitän nicht die geringste Handreichung tun wollen.

Dieser wunderliche kapitän Lemelie sass dorten von ferne, mit unterstützten haupt, und an statt, dass er dem Allmächtigen vor die Fristung seines Lebens dancken sollte, fuhren lauter schändliche gottlose Flüche wider das ihm so feindseelige Verhängniss aus seinem ruchlosen mund, wolte sich auch mit nichts trösten lassen, weiln er nunmehr, so wohl seine Ehre, als ganzes Vermögen verlohren zu haben, vorgab. Mons. de Leuven und ich verliessen den närrischen Kopf, wünschten dass er sich eines Bessern besinnen möchte, und gingen zur Concordia, welche ihr Ehe-Mann in viele von der Sonne erwärmte Tücher und Kleider eingehüllt hatte. Allein wir fanden sie dem ungeachtet, in sehr schlechten Zustande, weil sie sich biss diese Stunde noch nicht erwärmen, auch weder Speise noch Geträncke bei sich behalten konte, sondern vom starcken Froste beständig mit den Zähnen klapperte. Ich zog meine Kleider aus, badete durch das wasser biss an das zerbrochene Schiff, und langete von selbigem etliche stücken Holtz ab, welche ich mit einem darauff gefundenen breiten Degen zersplitterte, und auf dem Kopffe hinüber trug, um auf unserer Sand-Banck ein Feuer anzumachen, wobei sich Concordia erwärmen könnte. Allein zum Unglück hatte weder der kapitän Lemelie, noch Mons. Leuvens ein Feuerzeug bei sich. Ich fragte den kapitän, auf was vor Art wir etwa Feuer bekommen könnten? allein er gab zur Antwort: Was Feuer? ihr habt Ehre genug, wenn ihr alle drei mit mir crepiret. Mein Herr, gab ich zur Antwort, ich bin vor meine person so hochmütig nicht. Besann mich aber bald, dass ich in unserer Cajŭte ehemals eine Rolle Schwefel hengen sehen, badete deswegen nochmals hinüber in das Schiff, und fand nicht allein diese, sondern auch ein paar wohl eingewickelte Pistolen, welche mir nebst dem Schwefel zum schönsten Feuerzeuge dieneten, an statt des Strohes aber brauchte ich meinen schönen Baumwollenen, in lauter Streiffen zerrissenen Brust-Latz,