ich auf Einraten vieler erfahrner Männer, die mich examinirt hatten, in meinem 17den Jahre nämlich um Ostern 1723. auf die Universität Kiel nebst einem guten Anführer reisen konte. Ich legte mich auf die Jurisprudentz nicht so wohl aus meinem eigenen Antriebe, sondern auf Begehren meiner Mutter, welche eines vornehmen Rechts-Gelehrten Tochter war. Allein ein hartes Verhängnis liess mich die Früchte ihres über meine guten Progressen geschöpfften Vergnügens nicht lange geniessen, indem ein Jahr hernach die schmertzliche Zeitung bei mir einlieff, dass meine getreue Mutter am 16. Apr. 1724. samt der Frucht in Kindes-Nöten todes verblichen sei. Mein Vater verlangte mich zwar zu seinem Troste auf einige Wochen nach haus, weiln, wie er schrieb, weder meine eintzige Schwester, noch andere Anverwandte seinen Schmertzen einige Linderung verschaffen könnten. Doch da ich zurücke schrieb: dass um diese Zeit alle Collegia aufs neue angingen, weswegen ich nicht allein sehr viel versäumen, sondern über dieses seine und meine Hertzens-Wunde ehe noch weiter aufreissen als heilen würde, erlaubte mir mein Vater, nebst übersendung eines Wechsels von 200. spec. dukaten noch ein halbes Jahr in Kiel zu bleiben, nach Verfliessung dessen aber sollte nach haus kommen über Winters bei ihm zu verharren, so dann im Früh-Jahre das galante Leipzig zu besuchen, und meine studia daselbst zu absolviren.
Sein Wille war meine Richt-Schnur, daher die noch übrige Zeit in Kiel nicht verabsäumete mich in meinen ergriffenen studio nach möglichkeit zu cultiviren, gegen Martini aber mit den herrlichsten Attestaten meiner Professoren versehen nach haus reisete. Es war mir zwar eine hertzliche Freude, meinen werten Vater und liebe Schwester nebst andern Anverwandten und guten Freunden in völligen GlücksStande anzutreffen; allein der Verlust der Mutter tat derselben ungemeinen Einhalt. kurz zu sagen: es war kein einziges divertissement, so mir von meinem Vater, so wohl auch andern Freunden gemacht wurde, vermögend, das einwurtzelende melancholische Wesen aus meinem Gehirne zu vertreiben. deswegen nahm die Zuflucht zu den Büchern und suchte darinnen mein verlohrnes Vergnügen, welches sich denn nicht selten in selbigen finden liess.
Mein Vater bezeigte teils Leid, teils Freude über meine douce Aufführung, resolvirte sich aber bald, nach meinen Verlangen mich ohne Aufseher, oder wie es zuweilen heissen muss, Hofmeister, mit 300. fl. und einem Wechsel-Briefe auf 1000. Tl. nach Leipzig zu schaffen, wo ich den 4. Mart. 1725. glücklich ankam.
Wer die Beschaffenheit dieses in der ganzen Welt berühmten Orts nur einigermassen weiss, wird leichtlich glauben: dass ein junger Pursche, mit so vielem baaren Gelde versehen, daselbst allerhand Arten von vergnügten Zeit-Vertreibe zu suchen gelegenheit findet. Jedennoch war mein Gemüte mit beständiger Schwermütigkeit angefüllet, ausser wenn ich meine Collegia frequentirte und in meinem Museo mit den toten conversirte.
Ein Lands-Mann von mir, Mons. H. – – – genannt merckte mein malheur bald, weil er ein Mediciner war, der seine Hand allbereit mit gröster raison nach dem Doctor-hut ausstreckte. deswegen sagte er einmahls sehr vertraulich: Lieber Herr Lands-Mann, ich weiss ganz gewiss, dass sie nicht die geringste ursache haben, sich in der Welt über etwas zu chagriniren, ausgenommen den Verlust ihrer seel. Frau Mutter. Als ein vernünfftiger Mensch aber können sie sich dieserwegen so hefftig und langwierig nicht betrüben, erstlich: weil sie deren Seeligkeit vollkommen versichert sind, vors andere: da sie annoch einen solchen Vater haben, von dem sie alles erwarten können, was von ihm und der Mutter zugleich zu hoffen gewesen. Anderer motiven voritzo zu geschweigen. Ich setze aber meinen Kopff zum Pfande, dass ihr niedergeschlagenes Wesen vielmehr von einer übeln Disposition des Geblüts herrühret, weswegen ihnen aus guten herzen den Gebrauch einiger Artzeneien, hiernächst die Abzapffung etlicher Untzen Geblüts recommendirt haben will. Was gilts? rieff er aus, wir wollen in 14. Tagen aus einem andern Tone mit einander schwatzen.
Dieser gegebene Rat schien mir nicht unvernünfftig zu sein, deswegen leistete demselben behörige Folge, und fand mich in wenig Tagen weit aufgeräumter und leichtsinniger als sonsten, welches meinen guten Freunden höchst angenehm, und mir selbst am gefälligsten war. Ich wohnete ein- und anderm Schmause bei, richtete selbst einen aus, spatzirte mit auf die Dörffer, kurz! ich machte alles mit, was honette Pursche ohne prostitution vorzunehmen pflegen. Jedoch kan nicht läugnen, dass dergleichen Vergnüglichkeiten zum öfftern von einem bangen HertzKlopffen unterbrochen wurden. Die ursache dessen sollte zwar noch immer einer Vollblütigkeit zugeschrieben werden, allein mein Hertz wolte mich fast im voraus versichern, dass mir ein besonderes Unglück bevorstünde, welches sich auch nach verfluss weniger Tage, und zwar in den ersten Tagen der MessWoche, in folgenden Briefe, den ich von meinem Vater empfing, offenbarete:
Mein Sohn,
Erschrecket nicht! sondern ertraget vielmehr mein uñ euer unglückliches Schicksal mit grossmütiger Gelassenheit, da ihr in diesen Zeilen von mir selbst, leider! versichert werdet: dass das falsche Glück mit dreien fatalen Streichen auf einmal meine Reputation und Wohl-Stand, ja mein alles zu Boden geschlagen. Fraget ihr, wie: und auf was Art: so wisset, dass mein Compagnon einen Banquerott auf 2. Tonnen Goldes gemacht, dass auf meine eigene Kosten ausgerüstete Ost Indische Schiff bei der Retour von den See-Räubern geplündert, und letztlich zu completirung meines Ruins der Verfall der Actien mich allein um 50000. Tl. spec. bringet. Ein mehreres