hinweg gegangen war, fing unser Alt-Vater, indem er sich aus dem gewöhnlichen Schlummer jählings zu ermuntern schien, auf einmal recht frisch zu sprechen an? Wisset ihr, mein Herr Sohn! was ich mir vor einen Leichen-Text erwählet? Wie nun Herr Mag. Schmeltzer hierauf mit Nein! antwortete, fuhr der Alt-Vater im Reden fort: Den ganzen 23sten Psalm: Der HErr ist mein Hirt, etc. etc. Hierauf könnet ihr nur immer im voraus studiren, weil ich doch weiss, dass ihr mir eine Gedächtniss-Predigt halten werdet. Herr Mag. Schmeltzer wünschte, dass GOtt den Alt-Vater wieder stärcken, damit er diese Gedächtniss-Predigt erstlich nach Verlauff noch vieler Jahre tun möchte; allein, dieser antwortete weiter nichts darauf, sondern verfiel wieder in seinen gewöhnlichen Schlummer, blieb auch folgenden Dienstag und Mitwochen bei dieser Weise, und redete sehr wenig, ausgenommen, wenn wir ihm zum speisen nötigten, und vor seinem Bette Bet-Stunde hielten.
Hierbei kan ungemeldet nicht lassen, dass wir Montags Nachts zwischen den 2ten und 3ten Octob. einen grausamen Sturm auf der See anmerckten, diejenigen, so in der Tieffe auf unserer Insul wohneten, hatten zwar weiter keine Ungelegenheit davon, als etliche Tage nach einander einen gewaltigen PlatzRegen und einen mässigen Wind, auf der Albertus Burg aber stürmete der Wind etwas schärffer, so, dass auch die oberste Haube von dem Seiger-Turme abgeworffen wurde, die Etage aber, worin der Seiger war, unbeschädigt blieb. Einige, die auf die FelsenSpitzen gestiegen waren, konnten nicht gnungsam beschreiben, was vor ein entsetzliches Ungewitter auf der See sei, indem die Wellen höher stiegen als unser Kirch-Turm, ja sie wüsten sich von Jugend auf nicht zu besinnen, dass sich das Meer in dieser Gegend so gar sehr hefftig bewegt hätte. Wir sahen also, dass die Propheceiung des Alt-Vaters wegen des neulichen Erdbebens accurat eintraff, hofften aber, es sollte sich mit ihm bessern und er noch eine Zeitlang am Leben bleiben, indessen kamen Mittwochs Abends die 2. Särge auf der Albertus-Burg an, wir sagten aber dem Alt-Vater nichts darvon, biss er Donnerstags sehr früh mit einiger Ungedult fragte: Ob denn sein Sarg und Sterbe-Kleid noch nicht fertig wäre? Wir antworteten darauf mit Ja! und mussten also den Sarg so gleich in sein Zimmer bringen und gegen sein Bette über setzen lassen. Es waren diese beiden Särge von dem allerfeinesten Holtze, so auf dieser Insul anzutreffen war, verfertiget, mit einer braun-rötlichen Farbe angestrichen, das Leisten-Werck versilbert, schöne Sprüche und Sinn-Bilder darauf gemahlet, und die Rincken verzinnet. Der innere Sarg war eben so wie der grosse angestrichen und mit grünen Damast ausgefüttert, wie denn auch ein mit grünen Damast überzogenes Bett und Haupt-Küssen darinnen lag. Die Frau Mag. Schmeltzerin und meine Schwester brachten in Gesellschafft meiner Liebsten, der Frau Wolffgangin und vieler andern Frauenzimmer mehr, das von silber-farbenen Atlas verfertigte toten-Kleid, nebst einem Sterbe-Hembde, von der allerfeinesten Holländischen Leinwand gemacht, ingleichen eine Purpur-farbene Sammet-Mütze und ein paar weisse seidene Strümpffe, hingen auch diese Stücke, nach seinem Verlangen, ohnweit des Bettes an die Wand, vergossen aber viele Tränen darbei. Er hingegen machte ungemein freudige Gebärden und sagte: Meine lieben Kinder, es ist alles gar zu schön, zierlich und kostbar, allein, warum habt ihr euch so gar grosse Mühe gemacht, ich bin ja Erde und werde zur Erden werden. Alle Umstehenden antwortteten bloss mit Seuffzern und Tränen, weil ihm aber dieses verdrüsslich fallen mochte, legte er sich im Bette wieder nieder, und tat die Augen zu, weswegen der meiste Hausse zurück ging, und nebst der Frau Mag. Schmeltzerin nur wenige Manns-Personen bei ihm blieben.
Unter der Zeit, da unten Kirche gehalten wurde, schlug er die Augen auf und sah sich nach allen um, die im Zimmer waren, sprach darauf recht frisch: Ei, Kinder! tut mir doch mein toten-Kleid an, damit ich mich in dem grossen Spiegel, welchen mir mein Eberhardt mitgebracht hat, beschauen und sehen kan, ob es mir wohl stehet. Wir waren von Herrn Mag. Schmeltzern gestimmet, ihm in allen zu willfahren, deswegen halffen wir ihm aus dem Bette, und wunderten uns über seine erneuerten Kräffte. Herr Mag. Schmeltzers Liebste legte ihm das Kleid an, er trat vor den Spiegel, lachte, und sprach frölich: Mein grünes Bräutigams-Kleid, welches mir meine seelige Liebste, Concordia, vor nunmehr bei nahe 83. Jahren gemacht hatte, gereichte mir zum grössten Vergnügen auf der Welt, allein, dieses schöne Kleid, in welchem mein schwacher Leib, nachdem die Seele in den Himmel gefahren, in der Erde schlaffen soll, ergötzt mich noch tausend mahl mehr. Bald, bald werde ich zu meiner Liebsten Concordia kommen.
Wir mussten ihn wohl 10. mahl die stube auf- und abführen, und spüreten lauter Freude und Vergnügen an ihm, endlich aber liess er sich wieder entkleiden, und auf den Schlaff-Stul bringen, wo er mit zugeschlossenen Augen sass, biss sich die Herrn Geistlichen, benebst den Stamm-Vätern und vornehmsten Europäern vor dem Zimmer meldeten. Er nahm von jeden den Gruss und Hand-Kuss an, bat, dass sie erstlich speisen, und hernach