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tat, und eine weitläufftige Erzählung von den Geschichten des van Steen, seiner Helena, Nörgels und anderer mehr machte, und endlich kam er auf die letzten Streiche, so ich in Leuwarden gespielet hatte, wuste aber nicht, dass ich es gewesen, sondern erzählete nur, dass der van Steen neulichst von unbekandter Hand einen Brief nebst einem Kästlein mit Kleidungs-Stücken und andern Sachen, die seiner Frau gehöreten, und davon sie ausgegeben, dass sie ihr gestohlen worden, erhalten. Er hätte sich ganz rasend darüber angestellet, wenig Stunden darnach aber seine Frau nebst ihrem Aufwarte-Mägdgen in ein finsteres Gewölbe verschlossen, und ihnen 3. grosse Brodte nebst einem Fässgen voll wasser hinein gesetzt. Hierauf wäre er mit dem Boten, welcher den Brief gebracht, nach Harlingen gereiset, und andern Tages sehr verdrüsslich wieder zurück gekommen, hätte auch allen seinen Leuten hart verboten, von allen dem, was sie in seinem haus etwa höreten und merckten, kein Wort auszuplaudern; ferner wäre der van Steen immer unruhig geblieben, bald zu diesem bald zu jenem guten Freunde gelauffen, und endlich hätte man unter der Hand vernommen, dass der Notarius Nörgel in eines andern Kauffmanns-haus bei Nachts-Zeit sehr grausam wäre geschlagen und verwundet worden, so, dass man ihn in einer Sänffte hätte nach haus tragen müssen, der van Steen hätte im Gesicht und an den Händen ebenfalls die Wahrzeichen gehabt, dass er in einer Schlägerei gewesen wäre, bald hernach aber wäre die Helena nebst ihrer Magd, früh Morgens vor Tage, in einen Wagen gesetzt worden, den man verschlossen, und sie unter Begleitung von 4. unbekandten Reutern fortgeführt, wohin, wisse niemand eigentlich. Nörgel, fuhr dieser Kauffmanns-Diener fort, ging, so bald er wieder curirt war, herüber nach Engelland, und zwar auf eben dem Schiffe, worauf ich mich befand, liess sich auch eines Tages dieser verwegenen Reden gegen mich verlauten: ich trage diesen meinen Kopff zum erstenmahle nach Engelland, weiss aber nicht, ob ich denselben wieder heraus bringen werde, doch frage ich nichts darnach, wenn ich nur so glücklich bin, mich an einem gewissen Feinde zu rächen, der mir den ärgsten Possen auf der Welt gespielt hat, kan ich nur ihn in die andere Welt schaffen, so will ich gern sterben.

Aus allen diesen Reden des Kauffmanns-Dieners nun, konnten ich und meine Liebste bald schliessen, dass Nörgel unser Geheimnisse ausgeforschet haben, und kein anderer als er mein Meuchel-Mörder gewesen sein müsse, denn es kamen noch viele andere Umstände dazu, welche ich, Weitläufftigkeit zu vermeiden, verschweigen will.

Inzwischen verging meiner Liebsten bei so gestalten Sachen alle Lust in Engelland zu bleiben, denn nachdem sie noch dazu verschiedene schreckliche Träume gehabt, blieb sie bei den gedanken, unsere Feinde würden nicht ehe ruhen, biss sie uns vom Brodte geholffen, deswegen wurden wir schlüssig, unser Geld und Gut zusammen zu packen, und mit ersterer gelegenheit nach Jamaica zu seegeln. Ich kam in etlichen Wochen nicht aus meinem Logis, um nicht von neuen in Mörder-hände zu fallen, nachher, da der Herr Gillers uns die Nachricht brachte, dass er vor uns gesorgt, und auf ein nach Jamaica gehendes Schiff verdungen hätte, welches in wenig Tagen abseegeln würde, schafften wir unsere Sachen darauf, und traten, nach wehmütig genommenen Abschiede, die Reise nach der neuen Welt an. Meine Liebste war sehr vergnügt, dass wir diese Resolution ergriffen hatten, zumahlen, da uns Wind und Wetter sehr favorable waren; allein, das grausame Verhängniss hatte beschlossen, uns auf eine jämmerliche Art von einander zu trennen, denn da wir bereits eine ziemliche Weite über die Insul Madera hinaus waren, überfiel uns ein entsetzlicher Sturm, welcher uns auf die lincke Seite nach den Insuln des grünen Vorgebürges zutrieb, wir sahen dieselben schon vor Augen, konnten sie aber nicht erreichen, indem unser Schiff um die Mittags-Zeit ganz plötzlich zerscheiterte, und mit seiner ganzen Ladung zu grund ging. Ich und meine Liebste konnten nicht so glücklich werden, dass man uns mit in ein Boot genommen hätte, denn es waren schon beide überflüssig besetzt, deswegen muste uns nur so wohl als vielen andern zum Troste dienen, dass wir einen starcken Balcken erhaschen, und uns auf demselben erhalten konnten. Allein, was halff es, in folgender finstern Nacht schlug eine ungeheure Welle meine Allerliebste von dem Balcken herunter, und hörete ich noch, dass sie rieff: JEsus! Gute Nacht, mein Schatz. Mir vergingen vor Wehmut alle gedanken, und wundere ich mich über nichts, als wie ich mich bei solchen höchst-schmertzlichen Leid-Wesen noch habe auf dem Balcken an- und erhalten können, inzwischen, da ich mich in etwas besonnen, konte ich doch keine Hand vor Augen sehen, andern Tages gegen Mittag aber befand mich an dem Ufer der Insul St. Lucia, welches eine von den Insuln des grünen Vorgebürges ist, und wurde errettet. Viele Tage habe ich auf dieser Insul mit lauter Winseln und Wehklagen über den kläglichen Verlust meiner Allerliebsten zugebracht, weiln mit ihr alles mein Vergnügen, ja meine ganze Glückseeligkeit im Meere ertruncken war, endlich, weil ich noch etwa 100. und etliche spec. dukaten in meinen Kleidern vernehet bei mir trug, kam mir in die gedanken, mit einem Portugiesischen Schiffe nach Brasilien zu gehen, auch aus Verzweiffelung so lange hie und dahin zu fahren, biss ich auch