Um Mitternachts-Zeit klopffte jemand ganz sanffte an meine Tür, und da ich dieselbe leise eröffnete, trat ihre Magd herein, brachte ein Compliment von der Madame van Bredal, welche bitten liesse, ob ich nicht die Güte haben, von meiner Ruhe etwas abbrechen, und auf ein wichtiges Gespräch zu ihr kommen wolte? Ich folgte der Magd so gleich nach, und traff die beiden Frauenzimmer auf 2. Schlaff-Stühlen sitzend an, zwischen welchen ein Tisch stunde, auf welchem sich ein paar Bouteillen Wein nebst Confect befanden. So bald sie mich bewillkommet und zu sitzen genötiget, fing die van Bredal an, sehet, meine liebste Baase, dieses ist der Herr, welcher mir mit seiner grössten Lebens-Gefahr zu meiner Freiheit verholffen, die zu erkauffen, vielleicht keine Million hingereicht haben würde. Die Baase war eine artige Jungfer von 19. biss 20. Jahren, und nennete sich Gillers, war eines aufgeweckten Geistes, stunde auf und sagte: mein Herr, erlaubt mir, dass ich euch vor die übergrosse gefälligkeit, die ihr meiner allerliebsten Freundin auf dieser Welt, und zugleich mir erwiesen habt, die Hand küssen darff. Indem ich mich nun dessen weigerte, und sehr beschämt befand, küssete sie mich in der Geschwindigkeit dergestalt derb auf den Mund, dass ich mich fast selbst schämete, und ganz Feuerrot im gesicht wurde.
Die van Bredal fing hertzlich darüber an zu lachen, sagte aber: Kinder! wir müssen die wenigen Stunden, so wir beisammen bleiben können, mit ernstafften Gesprächen zubringen. Demnach fing sie an, mir alles zu erzählen, wie es ihr allhier ergangen, die HauptPuncte aber waren diese: 1.) Hätte sie anfänglich absolut prætendirt, ihren Mann, den van Steen, wieder zu haben, derselbe aber hätte vielleicht nicht so wohl aus übeln Verdacht, sondern vielmehr darum, weil ihm seine Helena stündlich um den Halse gelegen, sich absolut geweigert, sie wieder anzunehmen, und die Helena fahren zu lassen, weswegen es denn endlich dahin verglichen worden, dass sie nunmehr vor 9. Tagen einen gerichtlichen Scheide-Brieff bekommen, mit der Clausul, sich ebenfalls wieder verheiraten zu dürffen, an wem sie wolte. 2.) Wäre der van Steen dahin genötiget worden, ihr vor ihr eingebrachtes Gut benebst den Abtritts-Geldern 10000. Holländische Gulden zu bezahlen, welche sie auch heutiges Tages durch ihren Procuratorem in Empfang nehmen lassen. 3.) Die Erb-Portion von ihren Eltern à 1600. fl. wäre ihr gleichfalls schon ausgezahlt, und nunmehr 4.) da sie frei und ledig wäre, wolte sie diesen ihr unglückseligen Boden verlassen, und mit dieser ihrer Baase nach Engelland übergehen.
Ich hatte mit grosser Verwunderung und bangen herzen zugehöret, blieb aber, da sie inne hielt, abermals in tieffen gedanken sitzen, und war nicht einmal gewahr worden, dass sich Mademoiselle Gillers mit der Magd hinaus begeben hatte um noch Caffée zu kochen. deswegen fing Madame van Bredal von neuen zu reden an: nunmehr, sagte Sie, mein Herr van Blac, habe ich es noch mit euch zu tun, um euch die mir treu geleisteten Dienste zu belohnen, ist euch mit baarem Gelde gedienet, so stehen noch 3000. Tlr. von dem Meinigen zu euren Diensten, wollet ihr euch aber gefallen lassen, diese meine Baase, welche doch gewiss ein schönes Frauenzimmer zu nennen ist, zur Frau zu nehmen, so versichere, dass ihr nicht allein meine, euch jetzt versprochenen 3000. Tlr. sondern auch von ihrem Vermögen wenigstens noch gedoppelt so viel empfangen sollet; denn ich vor meine person bin entschlossen, meine übrige Lebens-Zeit im ledigen stand zuzubringen, mein Geld und Gut auf Zinsen auszutun, und in der Stille vor mich zu leben.
Diese Worte waren ein Donnerschlag in meinen Ohren und herzen, jedoch ich stunde ganz gelassen auf vom stuhl, und sagte: Madame! Dero Generositée ist jederzeit grösser gewesen gegen mich, als meine wenigen Dienste, ich habe noch ein starckes Capital davon aufzuweisen, will aber selbiges weit vergnügter wieder zurück geben, als noch mehr von ihnen annehmen. Vor die vorgeschlagene Mariage dancke ich gehorsamst, nicht zwar etwa aus Verachtung gegen diese Liebens-würdige person, sondern nur darum, weil mir nicht möglich ist, etwas anders zu lieben, so lange ich weiss, dass die Madame van Bredal lebt; Geld und Gut ist nicht capable mich zu vergnügen, weil ich aber Dero Entschluss vernommen, so will mich aus ihren Augen verbannen, und mein künfftiges Schicksal mit Gedult ertragen. Adieu Madame! Der Himmel lasse sie jederzeit vergnügt leben. Mein wertester Freund, versetzte sie hierauf, indem sie mich bei dem Kleide zurück zohe, bedencket doch euer Bestes, ich will euch 3. Tage Zeit dazu lassen. Ich gab zur Antwort! Madame! 3. Jahr, 3. Tage, 3. Minuten oder 3. Secunden sind mir in diesem Stücke einerlei, weil ich weiss, dass mein Gemüte in diesem Stücke so unveränderlich ist, als ich unglücklich bin, erlauben sie nur, dass ich mich retiriren, und Dero Complaisançe nicht länger missbrauchen darff. Sie hielt mich noch vester, und sagte: Mein Herr, in der Rage lasse ich euch nicht von mir gehen, erweget aber, ob ihr, als ein Junggeselle, der sich davor ausgiebt, noch kein Frauenzimmer gewisser massen berührt zu haben, nicht wohl tätet, wenn ihr meine Baase oder