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ich wolte euch auf künfftige Nacht wohl gelegenheit verschaffen, den begangenen Fehler zu verbessern, allein, in 2. Stunden muss ich mich auf einen Wagen setzen, und etliche Meilen wegfahren, denn meine Abgöttin hat mir eine Commission aufgetragen, welche ich ausrichten muss, werde auch wohl unter 8. Tagen nicht wieder zurück kommen; nach Verlauff derselben aber hoffe die Ehre zu haben, euch wieder allhier zu sprechen.

Mir hätte wohl nichts angenehmers als dieses zu Ohren kommen können, denn binnen der Zeit gedachte ich den angefangenen Streich, so bald ich nur der Madame van Bredal Gutbedüncken desswegen vernommen, vollends auszuführen, inzwischen, da Nörgel eine Kanne Chocolade, ich aber nur blossen Tee tranck, und ungefähr gewahr wurde, dass derselbe, vielleicht aus versehen, nicht nur der van Steen, sondern auch die 2. andern liebes-Briefe oder Citationes in seine Rock-Taschen, die ich anhatte, gesteckt, weswegen ich mich eiligst ein wenig auf die Seite begab, und diese nebst noch andern Zettuln in meine Bein-Kleider steckte, nachher das Kleid wieder mit ihm umtauschte, mich auch nicht lange aufhielt, sondern nach meinem Logis eilete, nachdem ich Abschied von Nörgel genommen, ihm eine glückliche Reise gewünschet, und versprochen, nach Verlauff der 8. Tage mich öffters an diesem Orte wieder finden zu lassen. ungeachtet ich nun diese Nacht sehr wenig geschlaffen, so trieb mich doch die Curiosität dahin, nunmehr bei Tage recht zu besichtigen, was ich diese Nacht erbeutet hatte, demnach fand ich erstlich 2. Frauenzimmer-Röcke, 1. Nacht-Camisol, 1. Schürtze, 1. Halss-Tuch, 1. Mütze, eine Anhänge-tasche mit einem silbernen Bügel, woriñen 4. spec. dukaten, 2. Louis d'or, und ungefähr 6. Gulden Silber-Müntze nebst 3. liebes-Briefen von verschiedenen Händen stacken, in den Ficken aber fand ich ihre Petschafft, 6. biss 8. Schlüssel, ein paar Messer und andere Kleinigkeiten, welches ich denn alles wohl betrachtete, und hernachmahls in meinen Reise-Couffre verwahrete.

Uber das Nachdencken dieser Intrique verging mir vollends aller Schlaff, weswegen ich mich an ein Fenster legte, und eine Pfeiffe Toback rauchte. Bald hernach kam eine Chaise gefahren, welche unter meinem Fenster stille hielt, und ich sah mit dem allergrösten Vergnügen die Madame van Bredal heraus steigen, die auch bald mit noch einem Frauenzimmer und einer Magd, die Treppe herauf gegangen kam, und wie ich durch mein Schlüssel-Loch sehen konte, mit ihrer Begleitung in ein Zimmer ging, das nicht gar weit von dem Meinigen war.

Wie nun nicht vor ratsam hielt, mich eher sehen zu lassen, biss ich ihr vorher meine Ankunfft in Geheim zu wissen getan, so wolte eben nachsinnen, wie dieses anzufangen wäre, als ich gewahr wurde, dass das andere Frauenzimmer mit der Magd hinunter ging, sie ihnen aber das Geleite biss an die Treppe gab. So bald sie demnach umkehrete, machte ich die Tür meines Zimmers auf, und ihr ein höfliches Compliment. Sie erschrack ziemlich über den jählingen Anblick, und wurde Blutrot, sagte aber bald: ich bin von herzen erfreuet, Mons. van Blac, euch allhier wohl zu sehen, und hätte nicht gemeinet, dass ihr so bald hier sein würdet, wisset aber, dass meine Affairen bereits völlig zum Ende sind, und ich von dem van Steen gänzlich abgeschieden bin, ein ferneres wollen wir zu gelegener Zeit mit einander reden, tut mir voritzo nur ein paar Tage den Gefallen, und stellet euch an, als ob ihr mich sonsten noch niemals gesehen hättet.

Madam! gab ich zur Antwort, ich bin schon einige Tage hier, habe mir aber nicht die Courage nehmen wollen, ihnen nachzureisen, und ob ich gleich ausser mir selbst war, da ich das Vergnügen hatte, Sie von dem Wagen steigen, und durch mein Schlüssel-Loch auf den Saal kommen zu sehen, so wolte mich doch vor andern Leuten nicht eher zeigen, biss ich erstlich Ordre von Ihnen erhalten, unterdessen möchte wünschen, dass ich allhier auf dieser Stelle nur eine eintzige Stunde Zeit haben möchte, ihnen eine gewisse Avanture zu eröffnen, worüber Sie sich ungemein verwundern werden. Mons. van Blac, sagte sie hierauf, ich habe diesen Tag noch wichtige Verrichtungen, und werde vor Abends nicht wieder hieher kommen, so bald aber in diesem Gast-haus alles zu Bette ist, will ich euch durch meine Magd in mein Zimmer ruffen lassen, meine Baase, welche jetzt mit derselben von mir gegangen, wird, wie bisshero, zwar auch bei mir sein, allein, ihr habt euch vor beiden nicht zu scheuen, denn sie sind mir sehr gewogen und getreue, ich werde mich auch ehester Tages mit beiden zu Schiffe setzen, und nach Engelland seegeln.

Ich wurde über diese letzteren Worte einiger massen in meinen gedanken verwirret, welches Sie wohl anmerckte, jedoch nichts mehr sagte, als: habt guten Mut, mein werter Freund, diesen Abend wollen wir deutlicher mit einander sprechen; hiermit begab sie sich in ihr Zimmer, und ich mich in das Meinige, stellte mich gegen meinen Aufwärter etwas unpass, und liess mir dieserwegen die speisen herauf bringen, kam auch den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer, merckte aber wohl an, dass die Madame van Bredal noch vor Essens ausging, und erstlich mit einbrechender Nacht wieder zurück kam.