sie von Jugend auf mehr als meine Seele geliebt, ihrer Gegen-Gunst aber niemals habe teilhafftig werden können. Vielleicht hätte ich jetzt ihre person mit Güte ganz und gar gewinnen können, allein, der Satan hat mich zu Gewalttätigkeiten verleitet.
Mein Herr, gab ich zur Antwort, vergebet mir das, was ich an euch getan habe, um meiner Landsmännin und Reise-Gefährtin Ehre zu beschützen und zu retten, welche der Himmel selbst in der Barbarei beschützet und gerettet hat. Ihr nennet sie zwar jetzt meine Liebste, allein ich weiss nicht, wie ich das verstehen soll, indem sie bereits an einen Ehe-Mann verbunden ist, und ich ihr nachsagen muss, dass sie ihre Keuschheit, Zucht und Tugend jederzeit mehr als zu genau in Acht genommen hat, eure andern Reden verstehe ich nicht, will mich auch um meiner Reise-Gefährtin geschichte so genau nicht bekümmern, im übrigen nur bitten, dass ihr euren Fehler bereuen möget, wie ich denn denselben bei ihr bestens zu excusiren suchen werde, wovor ich aber in Zukunfft keine andere Erkänntlichkeit, als eine redliche Freundschafft von euch verlange, daferne wir ja etwa weiter mit einander zusammen kommen sollten.
Er gab mir die Hand darauf, bat mich inständig, dem alten Dostart von dieser Rencontre nur nichts wissen zu lassen, und Morgen einen eintzigen gang nach seinem Logis zu tun, um seinen Diener anhero zu führen, damit er demselben ein und andere Befehle, seine Handlungs-Affairen betreffend, erteilen könnte, um nicht in allzu grossen Schaden zu kommen. Ich versprach ihm, alle Gefälligkeiten, so er von mir verlangte, zu erweisen; wünschte ihm gute Nacht, und begab mich in aller Stille an gehörigen Ort, weil ich glaubte, dass meine Reise-Gefährtin vor Verdruss schon eingeschlaffen sein würde. Allein, ich traff dieselbe annoch ganz munter, jedoch in gröster Betrübniss an, indem sie sehr weinete, darbei über grosse Schmertzen in allen Gliedern klagte. Ich hörete, dass sie auf dem Eiffer und Erschröcken nichts eingenommen hatte, schickte deswegen die bei ihrem Bette sitzende Magd zur Apoteque, um ein Schreck-Pulver zu holen. Mittlerweile fing sie an: ist es nicht wahr, Mons. van Blac, dass ich die unglückseligste person von der Welt bin? sehet, so wird meine Tugend bestürmt, auch an solchen Orten, wo ich mich sicher zu sein schätze. Madame! gab ich zur Antwort, wird die Tugend gleich bestürmt, so ist sie deswegen doch nicht so gleich zu überwältigen, dergleichen Stürme bringen mehr Ehre als Schande, wenigstens bei vernünfftigen Leuten. Ach! fuhr sie zu reden fort, was soll ich in Holland machen, wenn ich keinen bessern Trost darinnen zu finden weiss. Wollen sie denn nicht, war meine Antwort, dem guten Rate folgen, den ihnen heute Herr Dostart gegeben, und sich dabei selbst zu den allerstärcksten Gefälligkeiten anheischig gemacht hat? sie schienen ja nicht abgeneigt, weil die angenehme Resolution drauf erfolgte. Mein Herr! hiervon wird sich ein mehreres sprechen lassen, wenn ich erstlich in meiner Vater-Stadt angelangt bin, etc. Madame, ich vor meine person will ihnen ferner nicht verhinderlich sein, sondern viel lieber einen andern Weg erwählen, als zu Dero Verdruss bei ihnen bleiben. Ja, ja! sagte sie, ich habe es wohl gedacht, dass ich noch nicht genug gekränckt wäre, nun aber, da auch ihr anfangen wollet, mir Hertzeleid zuzufügen, sehe ich wohl, dass mich die ganze redliche Welt verlassen will. Unter diesen Worten liess sie ihr Haupt zurück sincken, fing von neuen an bitterlich zu weinen, ja es schien gar, als wenn ihr eine Ohnmacht zustossen wolte, indem sie so blass als eine Leiche ward. Weil nun nichts anders, als frisches wasser bei der Hand wuste, lieff ich gleich hin, tauchte ein SchnupffTuch ein, und bestrich ihr Gesicht und hände damit, wodurch sie in etwas wieder zu sich selber kam, auch etwas von der Artzenei einnahm, welche die Magd eben herzu brachte. Sie drehete sich auf die andere Seite herum, und stellte sich, als ob sie schlaffen wolte, jedoch die Magd und ich traueten dem LandFrieden nicht, sondern befürchteten, dass sie etwa eine würckliche Ohnmacht bekommen möchte, allein, sie schlieff bald ganz sanfft ein, weswegen sich denn die Magd zu unterst des Bettes auf die Erde niederlegte, und als ein Ratz zu schnarchen anfing, ich aber blieb vor dem Bette sitzen, und wachte. etwa um Mitternachts-Zeit fuhr sie, als von einem schweren Traume erschreckt, zusammen, warff sich herum, und sagte, da sie mich erblickte: Seid ihr noch da, Falscher? warum gebet ihr euch einer Unglückseeligen wegen so viel Mühe, eure eigene Ruhe zu unterbrechen? Madame! antwortete ich, meine Ruhe kan durch nichts stärcker unterbrochen werden, als wenn ich weiss, dass sie unruhig sind, und sich kranck befinden. Sie seuffzete hierüber, und tat die Augen wieder zu, da ich aber gewahr wurde, dass ihr dem ungeachtet dis Tränen heraus drangen, und über die Wangen lieffen, wischete ich ihr dieselben mit einem Tuche sanffte ab, wurde zwar bei dieser Arbeit selbsten sehr wehmütig, wuste aber nicht, wo ich auf einmal die Courage her bekam, ihr einen derben Kuss auf den Mund zu drücken, worüber sie auffuhr, und sagte: Verwegener! was soll das bedeuten? Ich war gleich mit der