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beiderlei Geschlechts, welche, um die Lust vollkommen zu machen, Music bestellet hatten, auch eines Kauffmanns Sohn dabei ein, den ich zwar öffters von ferne gesehen, aber Zeit-Lebens noch kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Er hiess Emanuel van Steen, war sehr wohl gebildet und gut gewachsen, voritzo aber zeigte sein ganzes Wesen etwas melancholisches an, denn er machte sich gar kein Vergnügen aus der Music, sondern liess die andern schertzen und tantzen, kam also mit meinem Humeur vollkommen überein, denn ich konte diesen Tag ohnmöglich lustig sein. Um aber von der lustigen Compagnie, die so wohl ihn als mich zum öfftern vexirte, abzukommen, ging er auf jene Seite des Gartens weit darvon spatziren herum, ich aber ging mit einem alten Befreundten auf dieser Seite, und redete von verschiedenen Sachen mit demselben, biss endlich meine Befreundtin den van Steen an der Hand zu mir geführt brachte, und sagte: Ich kan kein besser Werck stifften, als wenn ich jene bei ihrer Lust lasse, und diese beiden Missvergnügten zusammen bringe, vielleicht kan eins das andere trösten. Demnach brachte sie uns zusamen in eine grüne Laube, blieb erstlich eine Weile da, ging aber, unter dem Vorwande einiger Verrichtungen, hinweg, und liess mich mit dem van Steen ganz alleine sitzen. Dieser fing unter niedergeschlagenen Augen zu sprechen an: Mademoiselle, warum nehmen dann sie keinen teil an den Lustbarkeiten bei der Music? Monsieur, antwortete ich, mir ist selbsten nicht bewust, warum ich heute keinen Appetit zu dergleichen Lustbarkeiten habe, da ich doch sonst keine Verächterin, sondern vielmehr eine grosse Liebhaberin der Music bin. Ich wolte, sagte er weiter, die ursache dessen wohl erraten, kan aber versichern, dass derjenige Kummer, welcher Sie, mich gedoppelt quälet. Ich wüste eben nicht, versetzte ich, was mich vor ein besonderer Kummer quälete. Ich weiss es aber wohl, versetzte er, bitte nur, meine Frei mütigkeit nicht im üblen zu vermercken, wenn ich sage, dass wohl nichts anders, als die verdrüssliche Heirat, welche sie gezwungener Weise mit dem Dostart eingehen sollen, Schuld daran ist, deswegen laboriren wir an einer Kranckheit, und zwar ich gedoppelt, weiln diejenige person, welche ich mir ausersehen, nunmehr schon in eines andern Armen liegt, und ich von meinen Eltern ebenfalls, so wie sie, bestürmet werde, eine zwar reiche, aber desto hässlichere Ehe-Gattin zu erwählen.

Wie nun ich mich ziemlich bei diesen Reden betroffen fand, so konte nicht gleich mit einer geschickten Antwort fertig werden, weswegen er nochmahls zu fragen anfing: Habe ich nicht Recht, Mademoiselle, dass wir beide fast einerlei Schicksal haben? Mein Herr! gab ich zur Antwort, meine Not haben sie wohl erraten, weil dieselbe kein geheimnis mehr ist, wiewohl es soll mich keine menschliche Gewalt zu einer widerwärtigen Heirat zwingen; von ihren Affairen aber habe nicht die geringste Wissenschafft. Er fing hierauf an, mir eine weitläufftige Erzählung von seiner liebes-Geschicht mit der Helena Leards zu machen, welche ich aber nur kurz fassen, und so viel davon melden will, dass er dieselbe, ob sie gleich nicht sonderlich schön von Gesicht, jedoch eines lebhafften Geistes und sonst guter Gestalt, vor andern Frauenzimmer geliebt, auch Hoffnung bekommen hätte, von ihr keinen Korb zu erhalten, allein, die Eltern auf beiden Seiten hätten in diese Heirat nicht willigen wollen, und also wäre Helena vor wenig Wochen an einen Procurator verheiratet worden. Er hingegen sollte bloss nach dem Willen seiner Eltern die Catarina van Nerding heiraten, welche ihm doch so stark zuwider wäre, als der blasse Tod.

Indem wir nun meine Befreundtin von ferne auf uns zukommen sahen, brach er seinen fernern gespräche ab, und sagte nur noch dieses: Mademoiselle, die dritte Ursache meiner heutigen Unruhe will ich ihnen, wo es mir erlaubt ist, Morgen schrifftlich melden, denn ich mercke, dass wenig gelegenheit heute sein wird, unsern Discours fortzuführen. Ich konte hierauf nicht antworten, weiln nicht allein meine Befreundtin, sondern auch andere von der Compagnie schon so nahe da waren, und zu nötigen nicht abliessen, biss wir mit ihnen zur andern Gesellschafft gingen, welche das Tantzen bereits eingestellet hatte, und nur einer angenehmen Music zuhörete, wobei einige Arien gesungen wurden. Mit anbrechender Demmerung machte ich den Aufbruch, konte aber dem van Steen nicht abschlagen, mich in Begleitung meiner Brüder nach haus zu führen, welche ihn auf morgenden Tag zu sich in unser haus nötigten, weiln ohnedem unsere Eltern zu einem Hochzeit-Schmause fahren wolten. Van Steen stellte sich, versprochener massen, um gehörige Zeit ein, meine Brüder hatten unter sich und vor die dazu erbetenen Gäste ein Lust-Spiel angestellet, ehe sich aber van Steen in selbiges einliess, passete er die gelegenheit ab, mir einen Brief in die hände zu practiciren, dessen Inhalt dieser war: wie er als ein vollkommener aufrichtiger Mensch zwar nicht leugnen könnte, dass er seit wenig Jahren seine Augen auf die Helena geworffen, allein, es wäre dieses zu einer solchen Zeit geschehen, da er nicht gewust, dass meine Gestalt und ganzes Wesen (seinen Schreiben nach) weit angenehmer, vollkommener und Liebens-würdiger sei, als der Helenæ. Hierbei tat er mir einen förmlichen liebes-Antrag, und versicherte, daferne ich mich wolte erbitten und bewegen lassen, statt des alten Dostarts, ihn, den van Steen, zum Liebsten anzunehmen,