1731_Schnabel_088_37.txt

als seine Schein-Frau mehrenteils an der Seite, liebkoseten einander auch dermassen, dass ein jeder glauben muste, wir hielten einander als rechte Ehe-Leute von herzen wert. Einsmahls aber, da mich mein Herr im Tantze vor allen Zuschauern recht hertzlich geküsset, und nach vollführten Tantze an ein Fenster geführt hatte, kam ein junger artiger Kauffmann herzu, und sagte zu meinem Liebsten: Mein Herr van Leuven, ich verspüre nunmehr, dass ihr mir die Concordia Plürs mit gutem Recht gönnen könnet, weil ihr an dieser eurer Gemahlin einen solchen Schatz gefunden, den euch vielleicht viele andere Manns-Personen missgönnen werden. Mein liebster Freund, antwortete mein Heer, ich kan nicht läugnen, dass ich eure Liebste, die Concordiam, von Grund der Seelen geliebet habe, und sie nur noch vor weniger Zeit ungemein gern zur Gemahlin gehabt hätte, weiln aber unsere beiden Väter, und vielleicht der Himmel selbst nicht in unsere Vermählung einwilligen wolten; so habe nur vor etliche Monaten meinen Sinn geändert, und mich mit dieser Dame verheiratet, bei welcher ich alle diejenigen Tugenden gefunden habe, welche ihr als Bräutigam vielleicht in wenig Tagen bei der Concordia finden werdet. Ich vor meine person wünsche zu eurer Vermählung tausendfaches Vergnügen, und zwar so, wie ich dasselbe mit dieser meiner Liebsten beständig geniesse, beklage aber nichts mehr, als dass mich meine Angelegenheiten so eilig wiederum nach haus treiben, mitin verhindern, eurer Hochzeit, als ein fröhlicher Gast, beizuwohnen.

Der junge Kauffmann stutzte, und wolte nicht glauben, dass der Herr von Leuven so bald nach Antwerpen zurück kehren müsse, da er aber den Ernst vermerckte, und seinen vermeinten Schwieger-Vater Plürs, unsern Wohltäter, herzu ruffte, ging es an ein gewaltiges Nötigen, jedoch der Herr von Leuven blieb nach vielen dargetanen Entschuldigungen bei seinem Vorsatze, morgenden Mittag abzureisen, und nahm schon im Voraus von der ganzen Gesellschafft Abschied.

Es war die ganze Land-Lust auf 8. Tage lang angestellet, da aber wir nur den 3ten Tag abgewartet hatten, und fort wolten, erboten sich die meisten uns das Geleite zu geben, allein der Herr von Leuven nebst denen Hoffnungs- vollen Schwieger-Söhnen des Herrn Plürs brachten es durch vieles Bitten dahin, dass wir des folgenden Tages bei zeiten abreisen durfften, ohne von jemand begleitet zu werden, daher die ganze Gesellschafft ohngestöhrt beisammen blieb.

So bald wir wiederum in Londen in unsern Quartier angelanget waren, liess mein Herr einen schnellen Post-Wagen holen, unsere Sachen in aller Eil aufpakken, und Tag und Nacht auf Douvres zu jagen, wo wir des andern Abends eintraffen, unsere Sachen auf ein parat liegendes Schiff schafften, und mit guten Winde nach Calais abfuhren.

Vor selbigen Hafen wartete allbereit ein ander Schiff, weswegen wir uns nebst allen unsern Sachen dahinein begaben, das vorige Schiff zurück gehen liessen, und den Weg nach Ost-Indien erwehleten. Es war allbereit Nacht, da ich in das neue Schiff einstieg, wo mich der Herr von Leuven bei der Hand fassete, und in eine Cammer führte, worin eine ungemein schöne Weibs-person bei einer jungen 24. jährigen Manns person sass. Mein liebster Albert Julius! sagte der Herr von Leuven zu mir, nunmehr ist der Haupt-Actus von unserer gespielten Comœdie zum Ende, sehet, dieses ist Concordia Plürs, das schönste Frauenzimmer, welches ihr gestern vielmahls habt erwehnen hören. kurz, es ist mein liebster Schatz, dieser bei ihr sitzende Herr ist ihr Bruder, wir reisen nach Ceilon, und hoffen daselbst unser vollkommenes Vergnügen zu finden, ihr aber, mein lieber Julius, werdet euch gefallen lassen, an allen unsern Glücksund Unglücks-Fällen gleichen teil zu nehmen, denn wir wollen euch nicht verlassen, sondern, so GOtt will, in Ost-Indien reich und glücklich machen.

Ich küssete dem Herrn von Leuven die Hand, grüssete die nunmehr bekandten Frembden, wünschte Glück zu ihren Vorhaben, und versprach als ein treuer Diener von ihnen zu leben und zu sterben.

Wenige Tage hierauf liess sich der Herr van Leuven mit mir in grössere Vertraulichkeit ein, da ich denn aus seinen Erzehlungen umständlich erfuhr, dass seine Sachen folgende Beschaffenheit hatten: Der alte Herr van Leuven war unter den krieges-Völckern der vereinigten Niederländer, seit vielen Jahren, als ein hoher Officier in Diensten gewesen, und hatte in einer blutigen Action den rechten Arm eingebüsset, weswegen er das Soldaten-Handwerck niedergelegt, und in Antwerpen ein geruhiges Leben zu führen getrachtet; weil er ein Mann, der grosse Mittel besass. Seine 3. ältesten Söhne suchten dem ungeachtet ihr Glück unter den krieges-Fahnen und auf den krieges-Schiffen der vereinigten Niederländer, der jüngste aber, als mein gütiger Herr, Carl Franz van Leuven, blieb bei dem Vater, sollte ein staates-Mann werden, und wurde desswegen in seinen besten Jahren hinüber nach Engelland geschickt, wo er nicht allein in allen Adelichen Wissenschafften vortrefflich zunahm, sondern auch seines Vaters Engelländisches Negotium mit ungemeiner Klugheit führte. Hierbei aber verliebt er sich ganz ausserordentlich in die Tochter eines Englischen Kauffmanns, Plürs genannt, erweckt durch sein angenehmes Wesen bei derselben eine gleichmässige Liebe. kurz zu sagen, sie werden vollkommen unter sich eins, schweren einander ewige Treue zu, und Mons. van Leuven zweiffelt gar nicht im geringsten, so wohl seinen als der Concordiæ Vater dahin zu bereden, dass beide ihren Willen zur baldigen Ehe-Verbindung geben möchten. Allein