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, und verirrete mich dergestalt tieff in meinen gedanken, dass ich mich nicht heraus finden konte, biss mich endlich die Wirtin ruffte, und fragte, ob sie das Essen auftragen sollte? Ich befahl ihr, nicht damit zu säumen, weil wir heute wenig genossen, ging hinauf, und fand meine Landsmännin in der stube herum gehend, dem Scheine nach, ziemlich wohl disponirt, es gefiel ihr auch, dass ich einige gute Tractamenten hatte zurichten lassen, indem sie alle mit Appetit versuchte.

Wie sauer es aber ihr, vielleicht nur meinetwegen, werden mochte, ihre Bekümmerniss zu verbergen, so schwer kam es mir auch an, meine Affecten zu unterdrücken, allein, da wir erstlich eine Bouteille von dem vortrefflichsten Weine getruncken, öffnete sich der Mund auf beiden Seiten einiger massen, jedoch redeten wir von ganz indifferenten Sachen, biss sie endlich, nachdem alles abgetragen, und das Mädgen zur Ruhe gegangen war, von selbsten anfieng, und sagte: Mons. van Blac! ich habe euch heute etwas zu erzählen versprochen, deswegen höret an die

Lebens-Geschicht der unglücklichen Charlotte

Sophie van Bredal.

Ich bin unter 11. Kindern meiner Eltern das jüngste, und deren erste und letzte Tochter, denn meine Vorgänger sind lauter Söhne gewesen, deren ich bei meiner Abreise noch 8. lebendig gesehen. Mein Vater trieb zwar die Handlung, hatte aber wenig Mittel, weswegen er alles sehr genau einfädeln muste, denn bei einer solchen starcken Familie wurden, wie leicht zu erachten, auch starcke Ausgaben erfodert, zumahlen da sich kein eintziger von meinen Brüdern zur Handlung appliciren, sondern ein jeder viel lieber ein Handwerck lernen wolte, weswegen mein Vater fremder Leute Kinder zu Jungen und Handels-Dienern annehmen muste. Ich will mich aber hiebei nicht lange aufhalten, sondern nur von meiner eigenen person erwehnen, dass, da ich kaum das 13te Jahr erreichte, mich einige Leute vor schön ausgeben wolten; daher fanden sich fast täglich nicht nur die Söhne der reichsten Kauff-Leute, sondern auch weit Vornehmere, bei meinen Brüdern ein, um zu schauen, ob bei mir etwas schönes anzutreffen wäre. Ich weiss nicht, was dieser oder jener gefunden, doch bekam ich bald von diesem, bald von jenem, nicht nur die verliebtesten Briefe, sondern auch verschiedene Galanterie-Waaren.

Ich armes Kind wuste gar nicht, was dieses zu bedeuten haben sollte, klagete es deswegen meiner Mutter, und zeigete ihr alles offenhertzig, welche dazu lächelte, und sagte: Meine Tochter! zerreiss die NarrenBriefe, die Geschencke aber kanst du als ein Andencken aufheben, damit es die Personen, so sie dir geschickt, nicht vor einen Hochmut auslegen, inzwischen entziehe dich ihrer aller Gesellschafft, so viel du kanst, und mache dich mit niemanden familiair, er sei so reich als er immer wolle.

Ich folgte meiner Mutter Lehren, kam aber bald in das Geschrei, als ob ich mir auf meinen Spiegel etwas einbildete, und gewaltig eigensinnig wäre. Dem ungeachtet gaben sich die reichsten und vornehmsten Junggesellen viele Mühe, sich in meine Gunst zu setzen, allein, ich fühlete damahls in meinem herzen noch nicht den geringsten Trieb zur Liebe, ob schon mein 15tes Lebens-Jahr bei nahe verstrichen war. Wie man mich aber um selbige Zeit schon vor mannbar halten wolte, so meldete sich eben dieser, bereits ziemlich bejahrte Kauffmann Dostart, bei meinem Vater, und hielt um mich an. Mein Vater mochte zwar wohl den grossen Unterscheid unserer Jahre betrachtet haben, indem ich die 1. vor der 5. er dieselbe aber bereits hinter derselben hatte, weil er aber ein sehr wohl bemittelter Mann, auch ohne Kinder und andere Erben war, so wurde mir gar bald angetragen, denselben zu meinem künfftigen Ehe-mann zu erwählen.

Ich hätte des Todes sein mögen über diese Anmutung, indem ich mich selbst noch ein Kind zu sein schätzte; wurde aber um so viel desto mehr bestürtzt, da meine Mutter selbst, dieses Seil mit zu ziehen, anfing, und mir nicht allein zu dieser Heirat riet, sondern auch die besten Lehren gab, wie ich mich künfftig hin im Ehe-stand zu verhalten hätte. Bei so gestalten Sachen aber, war meine erste Ausrede, dass ich mich als ein Kind noch unmöglich zum Heiraten resolviren könnte, sollte es aber ja mit der Zeit einmal geschehen, so würde ich gewiss meine Freiheit nicht an einen solchen alten eigensinnigen Mann verkauffen, denn es fänden sich ja wohl noch jüngere und geschickte Manns-Personen, ob sie gleich nicht so viel Mittel hätten, als der alte Dostart. Das redete ich so in meiner Einfalt aus aufrichtigen herzen her, da ich aber auf meiner Eltern ferneres vorstellen und Zureden immer bei dieser Meinung blieb, wurde mein Vater endlich gestrenger, gab mir auch Dostarts wegen einmal würcklich ein paar Ohrfeigen, wodurch sich denn die Liebe um so viel weniger wolte aufwecken lassen, hergegen ein würcklicher Hass bei mir gegen diesen Mann erwuchs. Bei dem allen aber liessen meine Eltern nicht ab, mir die Lust zum Heiraten, und sonderlich zu diesem eckelhafften mann einzuflössen, welchen letzteren ich aber durchaus nicht leiden konte, weswegen mein Vater endlich Mine machte, mich mit Gewalt zu dieser widerwärtigen Heirat zu zwingen. Viele Leute hatten Mitleiden mit mir, da die Sache Stadt-kündig wurde; eines Tages aber, da ich mit zweien von meinen Brüdern von einer Befreundin in ihren Garten eingeladen war, fand sich unter andern jungen Leuten