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will ich mich mit euch an den Tisch setzen, und meine ganze Geschicht erzählen, denn weil ich weiss, dass ihr mir niemals im geringsten lasterhafft, sondern jederzeit redlich und getreu begegnet habt, so kan ich euch auch wohl mein ganzes Hertze offenbaren, damit ihr ein Licht in der Sache bekommet, wisset aber, dass Morgen früh um 9. Uhr Dostart sich eine ganz geheime Visite bei mir, und sonderlich dabei ausgebeten hat, euch ein paar Stunden auf die Seite zu schaffen, allein, das ist mein Wille nicht, sondern ich will euch in diesem Cabinet die Zeit über verschlossen halten, damit ihr alle seine Reden mit anhören könnet.

Ich küssete ihr hierauf die Hand, verschloss das Cabinet, und legte mich haussen in der stube hinter einer Spanischen Wand auf meinem Bette auch ein wenig zur Ruhe. Allein, an statt des Schlaffs stiegen mir allerhand gedanken in den Kopff, denn ich gedachte: Wenn der eigensinnige Mann in Leuwarden seine Frau nicht wieder haben wolte, sollte das nicht ein schönes Fütterchen vor mich werden können, denn sie war in Wahrheit ein ungemein schönes Bild, und mit Recht eine von den allerschönsten Frauen in ganz Holland zu nennen, wie ich mich denn gleich anfänglich, so bald ihr Portrait empfing, noch mehr aber, da ich das Original selbst sah, sterblich in sie verliebte, allein, ihre strenge Tugend, Gottesfurcht und Frömmigkeit, nebst unsern gefährlichen Umständen, hatten mich bisshero beständig abgehalten, das geringste von dem, in meiner Brust verborgenen Feuer mercken zu lassen, hergegen hatte ich ihr jederzeit mit der sittsamsten Aufrichtigkeit und Treue begegnet. kurz: da sie, seit unserer erstern Bekanntschafft und Umgangs an, nicht die geringste geile oder leichtfertige Mine, sondern die grössten Zeichen der Keuschheit von sich blicken lassen, so ahmete ich ihr in allen Stücken nach, und unterdrückte die mir zuweilen aufsteigenden Affecten, nicht so wohl aus Blödigkeit, sondern vielmehr aus besonderer Hochachtung vor eine solche tugendhaffte Seele, welches mich denn in solchen Credit bei ihr setzte, dass sie öffters, jedoch in ihren Kleidern, wie schon in Mequinez im Juden-haus geschehen, ganz ruhig und sicher an meiner Seite schlieff. Dieses alles, wie schon gemeldet, kam mir auf einmal in die gedanken, nachher aber wuste ich nicht, ob ich wünschen möchte, dass sie von ihrem mann wieder angenommen, oder verstossen, und mir zu Teile werden sollte. Solchergestalt blieb mein vorgenommener Schlaff ganz aussen, es stelleten sich aber dagegen die Annehmlichkeiten meiner schönen Landsmännin immer mehr und mehr vor meine Augen, so, dass ich biss auf den höchsten Grad verliebt in sie wurde, und weiter an nichts anders gedachte, biss sie endlich ihr Cabinet eröffnete, durch die stube hinweg ging, und das Aufwarte-Mädgen ruffte, welches sich aber auch in einem ganz kleinen Cabinet ein wenig zur Ruhe gelegt hatte, und so gleich zum Vorscheine kam.

Ich stunde ebenfalls gleich auf, und fragte: Wie sie sich befände? und, ob sie wohl geschlaffen hätte? Es ist, antwortete sie, kein Schlaff in meine Augen gekommen, sondern ich habe nur meinem zukünfftigen Schicksale beständig entgegen gedacht, jedoch letztlich alles der Fügung des himmels anheim gestellet, und mich gefasst gemacht, alles Unglück mit der grössten Gelassenheit zu ertragen, wenn ich nur bleiben kan, wo Christen sein, um mich mir GOttes Wort und dem Rate guter Freunde zu trösten.

Dieses ist eine Resolution, versetzte ich, welche nur bloss allein tugendhaffte Seelen, so, wie die Ihrige beschaffen ist, ergreiffen können; bleiben Sie dabei, und lassen im übrigen den Himmel walten. Allein, was ist zu Dero Diensten, denn ich habe gehöret, dass sie der Magd geruffen? Nichts weiter, replicirte sie, als dass sie auf die Apoteque gehen, und mir ein Hertz-Pulver holen soll, denn ich weiss nicht, wie es kommt, dass ich so gar mattertzig bin. Ich bat mir sogleich aus, diesen Dienst selbst zu verrichten, und etwas zu bringen, wodurch der Leib wiederum gestärckt und das Gemüte aufgeräumt gemacht wurde; zohe auch gleich meinen Ober-Rock an, und liess mich durch sie nicht an meinem hurtigen Fortgehen verhindern. Bei der Wirtin bestellete ich erstlich eine delicate Abend-Mahlzeit nebst ein paar Bouteillen des allerbesten Weins, hernach ging ich auf die Apotecke, liess ein herrliches Cordial, auf ihren Zustand gerichtet, zurechte machen, und brachte es so hurtig, als möglich, zurück.

Ihr seid allzu dienstfertig, Mons. van Blac, sagte sie hierzu, (nachdem sie einige Löffel voll davon zu sich genommen, und es kräfftig befunden hatte,) und wenn es noch so lange währen sollte, als es gewähret hat, dürffte mein ganzes Vermögen nicht zureichen, euch eure Liebe und Treue zu belohnen. Die letzteren wenigen Worte machten, dass mir die Tränen in die Augen stiegen, weswegen ich mich an ein Fenster wandte, um den Affect nicht mercken zu lassen, konte auch kaum mehr als so viel Worte vorbringen: Madame! ich verlange keine Vergeltung von Geld und Gut, sondern bin vergnügt, wenn sie nur bei dem Glauben bleiben, dass ich redlich bin. Sie mochte etwas an mir mercken, deswegen nahm sie noch ein wenig von dem Cordial, und begab sich stillschweigend wieder in ihr Cabinet, ich aber besann mich, und sah nach der Küche, ging eine Zeitlang im nahe daran liegenden Garten spatzieren herum