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uns wieder bei dem Alt-Vater ein, und höreten den

Verfolg von Mons. van Blacs Lebens-Geschicht.

Ich habe, fing er an, wohl vermerckt, dass ich gestern Abend etwas zu weitläufftig in Erzählung meiner Geschicht gewesen bin, allein, eines Teils habe ich die besondere Gabe der Beredsamkeit nicht, mit wenig Worten viel zu sagen, andern Teils wüste nicht, was ich sonderlich hätte weglassen können, wenn ich einen vollkommenen Bericht von meinen begebenheiten abstatten soll. Jedoch von nun an will ich mich befleissigen alles aufs kürtzeste, jedoch deutlichste vorzutragen.

Bei noch öfftern Zusammenkünfften schien mir der Englische Kauffmann immer gewogener zu werden, zumahlen, da ich ihm einige Jubelen von hohem Wert zeigte, denn meine Lands-Männin hatte mir nachher binnen 3. Wochen mehr als vor 10000. Tlr. an Golde und Geldes wert zugeschickt, auch nur nebst verschiedenen Kostbarkeiten, so viel an Gold-Stücken bei sich behalten, als sie sich in ihren Kleidern selbst mit fortzubringen getrauete. Endlich, da der Kayser sehr unpass, und fast jedermänniglich consternirt darüber war, hatte sie es abermals angestellet, dass ich ganzer 24. Stunden bei ihr bleiben, und vollkommen mündlichen Rapport von meinen gemachten Anstalten abstatten konte, denn ich hatte nicht allein dem Kauffmanne vor den Juden bereits 1500. spec. dukaten gezahlet, sondern ihm auch das meiste von meiner Landsmännin Gütern, in eine besondere Kiste versiegelt, anvertrauet, dargegen von ihm die völlige Versicherung erhalten, dass er vor alles sorgen wolte, wir müsten uns aber dabei gefallen lassen, nicht nur des Judens Rate in allen Stükken zu folgen, sondern auch, nachdem alles wohl eingerichtet, meine Schwester in Mannes-Sclaven-Kleidern so wohl als ich, jedes ein Maul-Tier biss nach Arzilla zu treiben, als wohin er seine Güter zu schaffen, erlaubnis hätte, und biss dahin sollte uns auch der Jude begleiten.

Solchergestalt waren ich und meine Landsmännin über unsere glücklich gemachten Anstalten biss dahin vollkommen vergnügt, nur das eintzige lag mir auf dem herzen, wie sie aus dem Seraglio heraus und in das Juden haus zu bringen sein würde, allein, sie machte sich hieraus keine sonderliche Beschwerlichkeit, sondern sagte, wie sie bei dunckler Nachts-Zeit, mir leichter Mühe, hinunter in einen der Gärten, auch zu einer verborgenen Tür durch die Mauer kommen könnte, als zu welcher sie den Schlüssel schon vor Jahr und Tage hinweg practiciret hätte, so dann dürffte sie weder Wache noch nichts passiren, sondern könnte so wohl in die Stadt als in das freie Feld kommen. Dieserwegen schöpffte ich bessern Mut, zumahlen mir der Jude schon die Schliche gewiesen, wie und wo wir uns bei nächtlicher Weile in die Juden-Stadt und in sein haus practiciren könnten.

Der alte Sultan hatte zur selbigen Zeit würcklich einen sehr gefährlichen Zufall, welcher wohl mehrenteils von dem Alter herrühren mochte, und ungeachtet er nachher noch etliche Jahre gelebt, so war es uns beiden doch damahls ungemein vorteilhafft, dass er jetzt so gar schwach war, weil dieserwegen so wohl meine Lands-Männin als ich, etwas mehr Freiheit hatten. deswegen, da ohnedem die dunckelsten Nächte eingebrochen waren, auch des Monden Licht zurücke blieb, hielten wir nicht vor ratsam, unsere Sachen länger aufzuschieben, sondern wagten das äuserste. Sie schrieb mir, dass ich in einer bestimmten Nacht, etwa eine Stunde vor Mitternacht, mich vor der bezeichneten verborgenen Pforte ausserhalb einfinden, vorher aber aller gelegenheit wohl erkundigen sollte, um ihre Ankunfft dürffte ich nicht besorgt, sondern versichert sein, dass sie accurat in der Mitternachts-Stunde die Pforte eröffnen, bei mir sein, und sich von mir weiter führen lassen wolte.

Da fing mir das Hertze abermals gewaltig zu klopffen an, jedoch ich hatte einen guten Säbel, ein paar treffliche Pistolen, und auch ein paar TaschenPufferte schon im Vorrat angeschafft, recognoscirte demnach binnen der Zeit etliche mahl selbige Gegend, und maass fast alle Fuss-Tritte ab; wie ich aber in der bestimmten Nacht kaum eine Stunde vor der verborgenen Pforten-Tür gelauret hatte, kam meine werteste Lebens-Erretterin heraus getreten, schloss die Tür sachte hinter sich zu, umarmte mich aus keuscher Liebe, und sagte: GOtt Lob! so weit bin ich nun frei; bat mich aber, die Strick-Leiter, welche sie von starcken seidenen Schnüren seit etlichen Wochen her selbst zusammen gewürckt, und woran sie sich herunter gelassen hatte, zu tragen. Wir konnten teils vor Freude, teils vor Angst und Zittern wenig mit einander sprechen, biss wir endlich an den Ort kamen, wohin ich den Juden bestellet hatte, der uns endlich durch einen beschwerlichen, jedoch glücklichen Weg in sein haus und in ein solches Zimmer brachte, wo zwischen 2. Wänden kaum eine person geraumlich sitzen, man aber gar kein Tages-Licht sehen konte, sondern wenn man sehen wolte, muste auch bei hellem Tage ein Licht darinnen angezündet werden. Es waren auch zu oberst nur einige schieff-lauffende Löcher darinnen, damit der Dampff und Dunst heraus gehen konte; der Länge nach war endlich vor 3. Personen zum Liegen Platz genug darinnen, doch meine Landsmännin sagte: Wenn ich allhier lange verbleiben soll, bin ich unfehlbar des Todes.

Allein, der Jude hatte seine Streiche klug genug gemacht, und da binnen 3. Tagen weder haus-Suchung geschahe, noch sonst ein Rumor vorging, liess er uns zuweilen etliche Stunden in einem Neben-Zimmer