1731_Schnabel_088_36.txt

auf selbige Stunde. Er bezeigte sich ungemein vergnügt dabei, und belachte nichts mehr als des Præceptors LiebesAvantüre, nebst dem wohlgetroffenen Hosen-Tausche. Wein und Confect liess er genug bringen, da er aber merckte, dass ich nicht viel trincken wolte, weiln in dem gestrigen Rausche eine Haare gefunden, welche mir alle die andern auf dem Kopffe verwirret, ja mein ganzes Gemüte in tieffe Trauer gesetzt hatte, sprach er: Mein Freund! habt ihr Lust in meine Dienste zu treten, so will ich euch jährlich 30. dukaten Geld, gute Kleidung, auch Essen und Trincken zur Gnüge geben, nebst der Versicherung, dass, wo ihr Holländisch und Englisch reden und schreiben lernet, eure Dienste in weiter nichts als Schreiben bestehen sollen.

Ich hatte allbereit so viel Höflichkeit und Verstand gefasset, dass ich ihm augenblicklich die Hand küssete, und mich mit Vergnügen zu seinem Knechte anbot, wenn er nur die Gnade haben, und mich ehrlich besorgen wolte, damit ich nicht dürffte betteln gehen. Hierauf nahm er mich sogleich mit in sein Quartier, liess meine Sachen aus dem Gast-hof holen, und behielt mich in seinen Diensten, ohne dass ich das geringste tun durffte, als mit ihm herum zu spatziren, weiln er ausser mir noch 4. Bedienten hatte.

Ich konte nicht erfahren, wer mein Herr sein möchte, biss wir von Bremen ab und in Antwerpen angelanget waren, da ich denn spürete, dass er eines reichen Edelmanns jüngster Sohn sei, der sich bereits etliche Jahr in Engelland aufgehalten hätte. Meine Verrichtungen bei ihm, bestunden anfänglich fast in nichts, als im guten Essen und Trincken, da ich aber binnen 6. Monaten recht gut Engell- und Holländisch reden und schreiben gelernet, muste ich diejenigen Briefe abfassen und schreiben, welche mein Herr in seines Herrn Vaters Affairen öffters selbst schreiben sollte. Er warff wegen meiner Fähigkeit und besonderen Dienst-Geflissenheit eine ungemeine Liebe auf mich, erwehlete auch, da er gleich im Anfange des Jahrs 1646. abermals nach Engelland reisen muste, sonsten niemanden als mich zu seinem Reise-gefährten. Was aber das nachdencklichste war, so muste ich, ehe wir auf dem Engelländischen Erdreich anlangeten, in Weibes-Kleider kriechen, und mich stellen, als ob ich meines Herrn Ehe-Frau wäre. Wir gingen nach Londen, und logirten daselbst in einem Gast-hof, der das Castell von Antwerpen genannt war, ich durffte wenig aus dem haus kommen, hergegen brachte mein Herr fast täglich fremde Mannes-Personen mit sich in sein Logis, wobei ich meine person dermassen wohl zu spielen wuste, dass jedermann nicht anders vermeinte, als, ich sei meines Herrn junges EheWeib. Zu seiner und meiner Aufwartung aber, hatte er zwei Englische Mägdgen und 4. Laqueien angenommen, welche uns beide nach Hertzens Lust bedieneten.

Nachdem ich nun binnen etlichen Wochen aus dem grund gelernet hatte, die person eines Frauenzimmers zu spielen, sagte mein Herr eines Tages zu mir: Liebster Julius, ich werde euch morgenden Nachmittag, unter dem Titul meines Eheweibes, in eine gewisse Gesellschafft führen, ich bitte euch sehr, studiret mit allem Fleiss darauf, wie ihr mir alle behörige Liebkosungen machen wollet, denn mein ganzes Glück beruhet auf der Comœdie, die ich jetzt zu spielen genötiget bin, nehmet einmal die Gestalt eurer Amtmanns-Frau an, und caressiret mich also, wie jene ihren Mann vor den Leuten, den Præceptor aber mit verstohlenen Blicken caressiret hat. Seid nochmahls versichert, dass an dieser lächerlich-scheinenden Sache mein ganzes Glücke und Vergnügen hafftet, welches alles ich euch redlich mit geniessen lassen will, so bald nur unsere Sachen zu stand gebracht sind. Ich wolte euch zwar von herzen gern das ganze geheimnis offenbaren, allein verzeihet mir, dass es biss auf eine andere Zeit verspare, weil mein Kopff jetzt gar zu unruhig ist. Machet aber eure Dinge zu unserer beider Vergnügen morgendes Tages nur gut.

Ich brachte die ganze hierauf folgende Nacht mit lauter gedanken zu, um zu erraten, was doch immermehr mein Herr mit dergleichen Possen ausrichten wolte; doch weil ich den Endzweck zu ersinnen, unvermögend war, ihm aber versprochen hatte, allen möglichsten Fleiss anzuwenden, nach seinem Gefallen zu leben, machte sich mein Gemüte endlich den geringsten Kummer aus der Sache, und ich schlieff ganz geruhig ein.

Folgendes Tages, nachdem ich fast den ganzen Vormittag unter den Händen zweier alter Weiber, die mich recht auf Engelländische Art ankleideten, zugebracht hatte, wurden mein Herr und ich auf einen neu-modischen Wagen abgeholet, und 3. Meilen von der Stadt in ein propres Garten-haus gefahren. Daselbst war eine vortreffliche Gesellschafft vorhanden, welche nichts beklagte, als dass des Wohltäters Tochter, Jungfer Concordia Plürs, von dem schmertzlichen Kopff-Weh bei uns zu sein verhindert würde. Hergegen war ihr Vater, als unser Wirt, nebst seiner Frauen, 3. übrigen Töchtern und 2. Söhnen zugegen, und machten sich das gröste Vergnügen, die ankommenden Gäste zu bewirten. Ich will diejenigen Lustbarkeiten, welche uns diesen und den folgenden Tag gemacht wurden, nicht weitläufftig erwehnen, sondern nur so viel sagen, dass wir mit allerlei speisen und Geträncke, Tantzen, Springen, Spatziren-gehen und Fahren, auch noch andern Zeitvertreibungen, allerlei Abwechselung machten. Ich merckte, dass die 3. anwesenden schönen Töchter unseres Wohltäters von vielen Liebhabern umgeben waren, mein Herr aber bekümmerte sich um keine, sondern hatte mich