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zu werden; inzwischen hatte an guten speisen und Geträncke keinen Mangel, auch meinen vorigen, ungefähr 14. jährigen Mohren-Knaben zur Aufwartung bei mir, welcher, auf gegebenes Zeichen mit einer Klatsche, fast so offt heraus und herein kommen konte, als ihm beliebte. Die öfftern Visiten meines bissherigen Informatoris und einiger Officiers der Verschnittenen gereichten mir in dieser meiner Einsamkeit mehr zum Verdruss als zum Vergnügen, indem ihre eintzige Absicht war, mich zum Mammelucken zu machen, doch war dieses meine gröste Freude, dass mir mein bissheriger Informator nicht nur verschiedene, von mir selbst erwehlte Bücher, wie auch Dinte', Federn und Pappier mitbrachte und zuschickte.

Solchergestalt konte mir doch manche Grille vertreiben, und meine Christlichen Gebeter, Bibliche Sprüche und Gesänge, die ich auswendig wuste, aufzeichnen. Nachdem ich aber länger als 3. Wochen in diesem Behältnisse gesessen, kam eines Abends mein Mohren-Knabe, und reichte mir, nachdem er das Abend-Essen aufgesetzt, eine schlecht ansehnliche, höltzerne, versiegelte Büchse in die hände, sagte auch, (weil er als ein Unverständiger, durch meine öfftern Geschencke und andere erzeigten Wohltaten, mir sehr getreu worden war,) dass seine Schwester, mir selbige in Geheim zu überbringen, bei Leib- und Lebens-Straffe anbefohlen hätte. Ich liess Essen und Trincken stehen, ging an ein Fenster, und fand oben verschiedene grosse Gold-Stücke, in der Mitten einen zusammen gelegten Brief, unten aber ein in Gold eingefassetes Portrait eines sehr wohlgebildeten Frauenzimmers. Den Innhalt des Briefes zu lesen, war ich am allerneugierigsten, und fand denselben also gesetzt:

Wertefter Herr Lands-Mann!

Ich schätze es mir vor ein besonderes Glück und Vergnügen, euch in Wahrheit versichern zu können, dass mein Vorbitten bei dem Kayser euch allein das Leben erhalten, denn ich habe in dem Neben-Zimmer nicht nur eure an den Kayser getane Rede von Wort zu Wort angehöret, sondern auch eure person durch ein kleines Glas-Fensterlein selbsten gesehen, deswegen jammerte es mich, dass ihr sterben soltet, und brachte durch einen Fussfall und hefftiges Bitten es bei dem Kayser, welcher mir bisshero fast keine eintzige Bitte versagt, dahin, dass er euch so gleich das Leben schenckte, und mit dem gedroheten Haupt-Abschlagen nur eure Beständigkeit probiren wolte. Bleibet deswegen beständig bei eurem Christlichen Glauben, da ihr bereits eine solche starcke probe abgelegt, und kehret euch an nichts, denn auf mein Angeben seid ihr zwar gefangen gesetzt, ich hoffe aber, eure Freiheit nächstens mir guter Manier zu befördern. Von meinem eigenen Wesen will ich euch voritzo so viel eröffnen, dass ich Unglückselige, eine Ehe-Frau eines Holländischen Kauffmanns, auf der Fahrt nach Ost-Indien aber vor 3. Jahren von den See-Räubern gefangen und anhero geführt worden bin, da man nen gebracht, und zu einer unglückseligen Bett-Wärmerin des alten Kaysers machen will. Jedoch ist der Himmel mein Zeuge, dass er mich noch niemals vollkommen fleischlich berühret hat, sondern ich habe mein bestes Kleinod noch biss diese Stunde unzerbrochen erhalten. Ob mein Mann aus der Sclaverei errettet, und noch am Leben ist, habe ich nicht erfahren können, jedoch durch euch hoffe ich es auszukundschaffen, so bald ich eure Freiheit zuwege gebracht. Mittlerweile will auch schon auf Mittel bedacht sein, gelegenheit zu verschaffen, dass wir einander einmal auf eine Stunde mündlich sprechen können. Weil ich sonsten glaubte, dass ihr vielleicht eben nicht mit vielen Mitteln versehen, so habe einige Golo-Stücke beigelegt, damit ihr euch ein und anderes beliebige davor köntet einkauffen lassen, zu unterst aber liegt mein Portrait, damit ihr an selbigen möchtet erkennen lernen

Eure

redlich gesinnete

Landsmännin.

P.S. Findet ihr euch im stand, mir auf dieses zu antworten, so könnet ihr das Schreiben nur in ein ausgehöltes Wachs-Licht einhüllen, und euren kleinen Mohren anvertrauen, denn er ist getreu, so wie seine nehmet ihn nebst dem Bildnisse sehr wohl in Acht, damit wir nicht beide unglücklich dadurch werden.

Nach etlichmahliger Uberlesung dieses Briefes beschauete ich das Portrait etwas genauer, und befand dessen Lineamenten sehr schön gezeichnet, küssete selbiges aus hertzlicher Danckbarkeit gegen meine Lebens-Erhalterin, wäre auch wohl noch lange in tieffen gedanken am Fenster stehen geblieben, wenn mich nicht mein Aufwärter erinnert hätte, etwas von den aufgesetzten speisen zu geniessen. Ob ich nun gleich etwas von denselben genoss, so blieb doch beständig in tieffen gedanken über diese Avanture, konte nicht schlüssig werden, ob, wie oder was ich antworten sollte, legte mich endlich zur Ruhe, da aber um Mitternachts-Zeit mein kleiner Mohr sehr vest eingeschlaffen zu sein, allerhand Zeichen von sich gab, stunde ich wieder auf, und fassete, ebenfals in Holländischer Sprache, folgendes Antworts-Schreiben ab:

Madame!

Vor Dero besondere Gnade und Gütigkeit, die sie an mir Elenden erstlich ohne mein Wissen, nachher aber durch sichere Merckmahle erwiesen, schätze ich mich verbunden, ihnen mit meinem Blute zu dienen, Lebens mit danckbarem herzen zu erkennen bemühet sein. Wolte der Himmel, dass es Ihnen möglich wäre, mich in Freiheit zu setzen, und mir das ungemeine Vergnügen zu verschaffen, nur eine kurtze Zeit mündlich mit Ihnen zu sprechen, so sollte mir nach genommener Abrede, vielleicht nicht unmöglich fallen, Sie und mich in völlige Freiheit und in unser Vater-Land zu versetzen, denn ich habe einige, nicht so gar sehr ungereimte