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der Arabischen Sprache unterrichtete.

Diese 3. Pursche erfreueten sich ungemein, noch einen Mit-Consorten ihres Unglücks zu bekommen, und weil wir alle 4. gut mit einander sprechen konnten, wurden wir gar bald gute Freunde. Ich bekam so gleich so kostbare Liberei als wie sie; wir wurden von 2. mohrischen Knaben bedienet, speiseten nebst unserm Informatore allein, und hatten alle Mahlzeiten 8. Gerichte nebst dem besten Geträncke, jedoch keinen Wein, denn es heist, die Maroccaner dürffen keinen Wein trincken, ungeachtet vortreffliche WeinStöcke in diesem Reiche anzutreffen, so, dass öffters 2. Männer kaum einen Weinstock umklafftern können, und die Beeren an den Trauben offt grösser als die Hüner-Eier sind. Weil ihnen aber dieses edle Gewächse so gar sehr appetitlich vorkömmt, kochen sie die Trauben, und præpariren ein besonderes Geträncke daraus, welchem sie einen andern Nahmen, ihrer Kehle aber ein herrliches Labsaal damit geben.

Jedoch von meinen und meiner Mit-Consorten Abwartung und stand ferner zu reden, so wurden wir solchergestalt nicht anders als würckliche Leib-Pagen des Kaysers tractiret, taten aber sehr wenig Dienste, sondern hatten die Woche kaum 3. oder 4. mahl einige Stunden Aufwartung, nur dass uns der Kayser zuweilen sehen möchte. Sonsten mussten wir alle Morgen eine Stunde vor der Sonnen Aufgang aufstehen, uns reinigen und völlig ankleiden, denn es schlieffen zwei und zwei in einem Cabinet auf herrlichen Betten und Matratzen, der Mohren-Junge aber lag auf der Erde zu unsern Füssen auf einer schlechten Matratze als ein Hund, unser Herr Hofmeister schlieff auch in einem besonderen Cabinet, sein Bedienter ebenfalls in einer kleinen Bucht darneben. Gleich mit, oder um die Zeit der Sonnen Aufgang, fing unser Hofmeister in unserer Gegenwart an, das Morgen-Gebet nach Art der Mahometaner zu tun, verlass hierauf ein Stück aus dem Alcoran, erklärete die schweresten Puncte desselben, und gab sich viel Mühe, uns allen vieren die Haupt-Stücke der Mahometanischen Religion beizubringen, allein, wie ich bald merckte, war keiner unter uns, der zu diesem Glauben inclinirte, wir höreten zwar alles mit an, fasseten seine Lehre, gaben auf seine fragen richtige Antwort, allein, ohne allen Ernst, jedoch durfften wir nicht das geringste Gespötte daraus machen, wenn wir nicht aufs allerstrengste gezüchtiget werden wolten, welches meine 3. Cameraden zum öfftern erfahren hatten.

Nachdem die Andachts-Stunde verbracht, gingen die Lectiones in diesen und jenen Wissenschafften an, welche 3. Stunden währeten, hernach hatten wir die Freiheit, uns im Garten oder auf dem Spiel-platz, oder wenn es garstig Wetter war, auf dem SpielSaale, mit allerhand Spielen zu divertiren. In der Mittags-Stunde speiseten wir, durfften uns hernach wieder eine Stunde Motion machen, mussten so dann abermals 3. Stunden die Lectiones abwarten, hatten nachher biss zu Untergang der Sonnen wieder erlaubnis zu spielen, endlich aber nochmahls eine Mahometanische Bet-Stunde halten, und alsobald zu Bette gehen.

So war meine Lebens-Art damals beschaffen, allein, in den erstern Wochen vergoss ich tausend Tränen, teils über meinen Vater, von welchen ich nicht wuste, wo er hingekommen war, teils wegen meiner Mutter, die solchergestalt ihres Mannes, Sohnes und so vieler schönen Güter auf einmal beraubt war, teils über mich selbst, dass ich in solchen Zustand geraten, und meine Studia nicht recht nach Europäischer Art fortsetzen, vielweniger mich in meinem Christentume rechtschaffen üben konte, indem ich kein eintziges Christliches Buch hatte, jedoch mir die vornehmsten Glaubens-Articul, Gebete und Gesänge, die ich auswendig gelernet, um selbige nicht zu vergessen, alle aufschrieb, und selbige in Abwesenheit unsers Hofmeisters oder sonsten an einem geheimen Ort repetirte, auch meine Cameraden sonderlich damit erfreuete, ungeachtet sie Römisch-Catolischer Religion waren, und noch niemals so, wie ich schon offtermahls, das Heil. Abendmahl empfangen hatten, welches letztere bei diesen meinem Zustande immer mein bester Trost war.

Mittlerweile bezeigte unser Hof- und Lehr-Meister eine besondere Freude über mich, dass ich nicht allein die Arabische und Marroccische Sprache so leicht fassen, und ehe ein Jahr verging, beide fast fertig reden und schreiben, auch die in derselben geschriebenen Bücher ganz wohl exponiren konte. Bei den übrigen Wissenschafften spürete er ebenfals keinen dummen Kopff an mir, sondern ich kan, ohne Ruhm zu melden, wohl sagen, dass er noch vieles mit grosser Begierde von mir erfragte und lernete, weil ich ihm denn auch jederzeit sehr höflich begegnete, liebte er mich vor den andern allen am meisten, und sagte zum öfftern: Blac! ihr könnet in wenig Jahren an unsers Kaysers hof einer der grössten Ministers werden, wenn ihr euch zu unserer Religion bekennet, und beschneiden lasset; Allein, so offt ich von diesem letzteren hörete, erstarrete mir alles Blut in meinen Adern.

Wenige Zeit hernach, hatte eben dieser unser Hofund Lehr-Meister, seiner eigenen Ehre wegen, verlanget, dass über uns seine 4. Scholaren ein Examen angestellet werden möchte, welches denn auch geschahe, indem sich 6. der gelehrtesten Maroccaner (die wenigstens davor gehalten wurden) bei uns einstelleten, und das zeugnis erteileten, dass wir es alle schon sehr hoch, ich aber es am allerweitesten gebracht hätten.

Allein, eben dieses Examen zohe sehr traurige Folgerungen nach sich, denn etliche Tage darauf wurde erstlich der jüngste Spanier, andern tages der Portugiese, 3ten Tages der ältere Spanier beschnitten