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Zeit genug dazu hätten. Auf diese Vorstellungen gab endlich meine Mutter ihren Willen drein, und liess mich mit ihm fortfahren, nachdem er noch eine gewaltige Geld-Summe in Antwerpen aufgenommen, und meiner Mutter vorgesagt hatte, binnen 8. oder 9. Monaten vier mahl so viel davor zurück zu bringen. Allein, es war nicht an dem, dass er dieses mahl so bald wieder kommen konte, denn wir nahmen unsern Lauff nach Ost-Indien zu, und ich befand in der Tat wahr zu sein, dass ich auf dem Schiffe von obgemeldten Studioso, der sich Bredder nennete, und vor dem einige junge baron durch die allermeisten Reiche und Länder von Europa geführt hatte, eben so viel, ja noch mehr lernen konte, als zu haus, denn mein Vater hatte nicht allein viele nützliche Bücher vor mich mitgenommen, sondern Mons. Bredder hatte auch eine ziemliche Menge derselben bei sich, um mich in den vornehmsten Europäischen HauptSprachen gründlich zu unterrichten, und firm zu machen. Ausser diesen tractirte er die Historie, Geographie, und einige Stück aus der Matesi mit mir, kurz, er brachte mich binnen 3. Jahren, die wir unterwegs und in Ost-Indien zubrachten, durch seinen und meinen unermüdeten Fleiss so weit, dass ich obgedachte Europäische Haupt-Sprachen nicht allein fertig lesen und schreiben, sondern auch verstehen und reden konte, und weiln sich Leute von verschiedenen Nationen auf unsern Schiffe befanden, so hatte mein Vater ein besonderes Vergnügen darüber, dass ich fast mit einem jedweden in seiner Mutter-Sprache ganz ordentlich sprechen konte.

Mein Vater war diesesmahl in seinem Handel und Wandel auch dergestalt glücklich gewesen, dass er ein grosses Gut erworben, deswegen mit grossem Vergnügen zurück reisete, um meiner Mutter, die sich, wie leicht zu erraten, unter der langen Zeit unsers Wegseins genungsam gegrämet, eine besondere Freude zu machen. Allein, über welchen das Verhängniss einmal beschlossen hat, ihn unglücklich zu machen, der muss es wohl sein und bleiben, das erfuhr unter allen, die wir auf dem Schiffe befindlich waren, mein Vater am allermeisten.

Denn als wir auf dem Rückwege zwischen den Canarischen Insuln und Africanischen Küsten hinfuhren, überfiel uns einer der grausamsten Stürme, das Schiff zerscheiterte an den Klippen, wurde in die Tieffe des Meeres versenckt, mein Vater, Informator und ich nebst noch 6. Personen aber, wurden an die Africanischen Küsten getrieben, wo wir zwar unser Leben erretteten, jedoch die Freiheit verlohren, indem wir uns den Maroccanern als Sclaven ergeben mussten.

Der eintzige Trost in diesem Jammer-stand wäre wohl noch dieser gewesen, wenn mein Vater, Informator und ich hätten beisammen bleiben können, so aber kauffte mich wenig Tage nach unserer Anländung ein vornehmer Maroccanisch-Kayserl. Bedienter den Menschen-Fischern ab, und nahm mich in seinem Geleite mit an den Kayserlichen Hof nach Mequinez. Es tractirte mich dieser mein Herr, um welchen ich täglich sein muste, ziemlich gütig, ich bekam auch bessere Kleidung und speisen als seine andern Sclaven, weiln ihm nicht allein meine äuserliche Gestalt besser als der andern gefiel, sondern er sich auch ein besonderes Vergnügen daraus machte, dass ich verschiedene Sprachen zu reden wuste. Dieses eintzige war mir sehr verdrüsslich, dass, wenn er speisete, und ich neben ihm kniete, er seine an den Gerichten beschmutzten Finger allezeit an meine lockigen, damahls noch ganz blonden Haare abwischte, denn die Maroccaner brauchen weder Messer, Gabel noch Löffel, sondern essen bloss mit den Fingern, und zwar auf der Erden sitzend.

Eines Abends sagte er zu mir, ich sollte mich in dieser Nacht mit allem Fleiss baden, reinigen und salben, weil ich morgen früh neue Kleidung anziehen sollte, indem er willens wäre, mich mit an den Kayserl. Hof zu nehmen. Ich folgte seinem Befehle, und morgendes Tages seiner person nach, wuste aber nicht, was er mit mir vor hatte, biss ich sah, dass er mich nach gehabter Audienz an den alten 73. jährigen Kayser Mulei Ismael verschenckte. Es war mir vorher gesagt, dass ich mich vor denselben auf die Erde, und zwar auf den Bauch, niederlegen müste, welches ich denn auch tat, da aber der alte Kayser einige fragen erstlich in Spanischer und hernach in Englischer Sprache an mich getan, und ich dieselben in beiderlei Sprachen beantwortet hatte, indem ich den Kopff, so wie ein Hund nur ein wenig die Höhe reckte, hiess er mich endlich aufstehen, da mir denn mein bissheriger Herr einen Winck gab, auf den Knien vor dem Kayser liegen zu bleiben, allein, dieser war so gnädig, mit der Hand ein Zeichen zu geben, dass ich gerade auftreten sollte. Hierauf fragte er mich abermals in Spanischer Sprache, aus welchem land ich gebürtig, wess Standes und Herkommens, und auf was vor Art ich in die Sclaverei geraten wäre? Ich beantwortete alles der Wahrheit gemäss, und wurde endlich, nachdem er ein besonderes gnädiges Wohlgefallen über meine person bezeugt, auch in Maroccanischer Sprache Ordre gegeben, wie ich verpflegt werden sollte, in ein Zimmer geführt, wo noch 3. andere Europäische Knaben, nämlich 2. Spanier und ein Portugiese von Geburt, die alle 3. kaum 16. Jahr alt, sich unter der Aufsicht eines Maroccanischen Lehrmeisters befanden, der sie in dasiger Rechts-Gelehrsamkeit, der Grammatic, Poesie, Stern-Seher- und Stern-DeuterKunst, wie auch in vielen andern Wissenschafften, hauptsächlich aber in