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, Schreiben und andern studien, unserm Alter nach, ein ziemliches profitiret, worüber er nebst seiner Liebsten eine sonderliche Freude bezeigte, und ausdrücklich sagte: dass er sich unsere Aufnahme niemals gereuen lassen wolte, weiln er augenscheinlich gespüret, dass ihn GOTT seit der Zeit, an zeitlichen Gütern weit mehr als sonsten gesegnet hätte; doch da wenig Wochen hernach sein Befreundter, ein Amtmann aus dem Braunschweigischen, diesen meinen bissherigen Pflege-Vater besuchte, an meinem stillen Wesen einen Gefallen hatte, meine 12. jährige person von seinem Vetter ausbat, und versicherte, mich, nebst seinen Söhnen, studiren zu lassen, mitin den Mitleidigen Priesters-Leuten die halbe Last vom Halse nehmen wolte; liessen sich diese bereden, und ich muste unter Vergiessung häuffiger Tränen von ihnen und meinem lieben Bruder Abschied nehmen, mit dem Amtmanne aber ins Braunschweigische reisen. Daselbst nun hatte ich die ersten 2. Jahre gute Zeit, und war des Amtmanns Söhnen, die doch alle beide älter als ich, auch im Studiren weit voraus waren, wo nicht vor- doch ganz gleich gekommen. Dem ungeachtet vertrugen sich dieselben sehr wohl mit mir, da aber ihre Mutter starb, und statt derselben eine junge Stieff-Mutter ins haus kam, zog zugleich der Uneinigkeits-Teuffel mit ein. Denn diese Bestie mochte nicht einmal ihre Stieff-Kinder, vielweniger mich, den sie nur den Bastard und Fündling nennete, gern um sich sehen, stifftete deswegen immerfort Zanck und Streit unter uns, wobei ich jederzeit das meiste leiden muste, ungeachtet ich mich so wohl gegen sie als andere auf alle ersinnliche Art demütigte. Der Informator, welcher es so hertzlich wohl mit mir meinete, muste fort, an dessen Stelle aber schaffte die regierende Domina einen ihr besser anständigen Studenten herbei. Dieser gute Mensch war kaum zwei Wochen da, als wir Schüler merckten, dass er im Lateinischen, Griechischen, Historischen, Geographischen und andern Wissenschafften nicht um ein Haar besser beschlagen war, als die, so von ihm lernen sollten, deswegen klappte der Respect, welchen er doch im höchsten Grade verlangte, gar schlecht. ungeachtet aber der gute Herr Præceptor uns keinen Autorem vor-exponiren konte; so mochte er doch der Frau Amtmännin des Ovidii Libr. de arte amandi desto besser zu erklären wissen, indem beide die Privat-Stunden dermassen öffentlich zu halten pflegten, dass ihre freie Aufführung dem Amtmanne endlich selbst Verdacht erwecken muste.

Der gute Mann erwehlete demnach mich zu seinem Vertrauten, nahm eine verstellete Reise vor, kam aber in der Nacht wieder zurück unter das kammer-Fenster, wo der Informator nebst seinen Schülern zu schlaffen pflegte. Dieser verliebte Venus-Professor stunde nach Mitternacht auf, der Frau Amtmännin eine Visite zu geben. Ich, der, ihn zu belauschen, noch kein Auge zugetan hatte, war der verbotenen Zusammenkunfft kaum versichert, als ich dem, unter dem Fenster stehenden Amtmanne das abgeredete Zeichen mit Husten und Hinunterwerffung meiner Schlaff-Mütze gab, welcher hierauf nicht gefackelt, sondern sich in aller Stille ins haus herein practiciret, Licht angeschlagen, und die beiden verliebten Seelen, ich weiss nicht in was vor positur, ertappet hatte.

Es war ein erbärmlich Geschrei in der Frauen Cammer, so, dass fast alles haus-Gesinde herzu gelauffen kam, doch da meine Mit-Schüler, wie die Ratzen, schlieffen, wolte ich mich auch nicht melden, konte aber doch nicht unterlassen, durch das Schlüssel-Loch zu gucken, da ich denn gar bald mit Erstaunen sah, wie die Bedienten dem Herrn Præceptor halb tot aus der nächtlichen Privat-Schule heraus schleppten. Hierauf wurde alles stille, der Amtmann ging in seine Schreibe-stube, hergegen zeigte sich die Frau Amtmännin mit blutigen gesicht, verwirrten Haaren, hinckenden Füssen, ein gross Messer in der Hand haltend auf dem saal, und schrye: Wo ist der Schlüssel? Albert muss sterben, dem verfluchten Albert will ich dieses Messer in die Kaldaunen stossen.

Mir wurde grün und gelb vor den Augen, da ich diese höllische Furie also reden hörete, jedoch der Amtmann kam, einen tüchtigen Prügel in der rechten, einen blossen Degen aber in der lincken Hand haltend, und jagte das verteuffelte Weib zurück in ihre Cammer. Dem ungeachtet schrye sie doch ohn Unterlass: Albert muss sterben, ja der Bastard Albert muss sterben, ich will ihn entweder selbst ermorden, oder demjenigen hundert Taler geben, wer dem Hunde Gifft eingiebt.

Ich meines Orts gedachte: Sapienti sat! kleidete mich so hurtig an, als Zeit meines Lebens noch nicht geschehen war, und schlich in aller Stille zum haus hinaus.

Das Glücke führte mich blindlings auf eine grosse Heer-Strasse, meine Füsse aber hielten sich so hurtig, dass ich folgenden Morgen um 8. Uhr die Stadt Braunschweig vor mir liegen sah. Hunger und Durst plagten mich, wegen der getanen starcken Reise, ganz ungemein, doch da ich nunmehr auf keinem Dorffe, sondern in Braunschweig einzukehren gesonnen war, tröstete ich meinen Magen immer mit demjenigen 24. Marien-Groschen-Stücke, welches mir der Amtmann vor 2. Tagen geschenckt, als ich mit ihm aus Braunschweig gefahren, und dieses vor mich so fatale Spiel verabredet hatte.

Allein, wie erschrack ich nicht, da mir das helle Tages-Licht zeigte, dass ich in der Angst unrechte Hosen und anstatt der Meinigen des Herrn Præceptoris seine ergriffen. Wiewohl, es war mir eben nicht um die Hosen, sondern nur