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wenig Tage hernach bei uns ein, und ich entsetzte mich selbst, ihn in solcher Gestalt zu erblicken, allein dem ungeachtet wolte er durchaus von meiner Tochter nicht ablassen, die Baase hatte er durch Geschencke auch dergestalt auf seine Seite gebracht, dass diese ihm in allen Stücken das Wort redete und so gar die empfindlichen Worte gebrauchte: Da meine Sachen so stünden, müste sich die Tochter nicht weigern in einen sauren Apfel zu beissen. Im Gegenteils gingen mir die Jammer-Klagen meiner Tochter und die übrigen Grillen dergestalt im kopf und herzen herum, dass ich fast völlig melancholisch und so gar Bettlägerig wurde. Endlich fing meine Tochter an etwas aufgeräumter zu werden, und stellte sich, mir zu Gefallen, an, als ob sie den Peterson nunmehr ganz wohl leiden könnte, auch die Heirat mit ihm nicht ausschlagen wolte, sie liess sich auch von ihrer Baase und ihm bereden, dass wir ingesammt, sonderlich mir zum Vorteil, um die Luft zu verändern, nach Niekœpping fuhren. Daselbst als ich sah dass sich meine Tochter mit Peterson ziemlich wohl vertragen konte, bekam ich meine vorige Gesundheit bald wieder, sie war darüber sehr erfreuet, es mag ihr aber wohl nicht wenig Mühe gekostet haben, den innerlichen Kummer zu verbergen.

nachher wurde ich mit Peterson völlig eins, dass wir mit einander in Compagnie handeln wolten und er versprach mir trefliche Vorteile schloss einen ordentlichen Contract mit mir und bewegte mich dahin, wieder nach haus zu reisen, um alles wohl einzurichten, ihm aber die Freiheit zu lassen, mit meiner Tochter so bald es sich schickte Hochzeit zu machen; worauf er denn mit den Geld-Säcken nachkommen und mich völlig ausser Schulden setzen wolte. Ich reisete demnach von Niekœpping ab und wieder nach haus, hatte auch nicht die geringste Ursache an Petersons Versprechen zu zweiffeln, denn er war in mehr als zu guten stand selbiges zu halten, doch war mein Hertze unterwegs immer voll lauter Unruhe und Bangigkeit, auch noch einige Tage da ich schon zu haus war und meine Sachen in guten stand fand, biss Herr H.W. ohnverhofft von Hamburg abermals ankam und mir nicht allein die fröliche Zeitung von der Wiederkunfft meines Sohnes, sondern auch gar gewaltige Geld-Summen und Wechsel-Briefe mit brachte, als womit ich alle meine Creditores gedoppelt hätte bezahlen köñen. Ich bezahlete aber auch alles redlich mit gewöhnlichen Interesse und blieb solchergestalt keinem Menschen einen Scherf schuldig, weswegen aller Augen in der ganzen Stadt auf mich sahen, mich wieder vor einen grossen Mann achteten, jedoch nicht wusten, wie das Ding zugehen möchte. Herr H.W. hielt sich eine ziemliche Zeit bei mir auf, und wolte gern die Ankunfft meiner Kinder aus Schweden abwarten, denn er und ich zweiffelten nunmehr nicht, dass der Bruder die Schwester auslösen und mitbringen würde. Wir schrieben auch beide verschiedene Briefe nach Schweden, allein ich glaube dass dieselben entweder durch unsere Anverwandtin, oder durch Petersons Vorsicht unterschlagen sein. Endlich sah sich Herr H.W. seiner eigenen wichtigen Geschäffte wegen genötiget, nachdem ich ihn vor seine Mühe wohl vergnügt, von mir zu reisen und ungefähr 3 Wochen hernach, kamen mir meine Kinder eines Abends ohnverhofft, da ich mit meinem alten guten Freunde Herrn O. im Schacht spielete plötzlich um den Halss gefallen, worüber ich eine solche jählinge Freude empfand, dergleichen ich Zeit Lebens gehabt zu haben, mich nicht leicht zu erinnern weiss. Was sonsten das übrige meiner Geschichten anbelanget, wird ihnen, meine Herren! vielleicht schon guten Teils bekannt sein, oder ich will selbiges zur andern Zeit erzählen, weiln uns die eingebrochene Nacht ins Bette weiset.

Hiermit endigte mein Vater den kurtzen Bericht von seinem Lebens-Lauffe, und wir begaben uns insgesammt zur Ruhe, weil wir sehr stille See hatten, so bald wir aber den Tropicum Cancri passirt waren, erhub sich auf einmal ein solcher gewaltiger SturmWind und Regen, dass wir ingesammt nicht anders glaubten, als in dieser Gegend zu verderben; von Donnern und Blitzen höreten und sahen wir nichts, nur der Sturm-Wind erregte die Wellen dergestalt, dass wir alle Augenblicke vermeinten, von denselben verschlungen zu werden, wie uns denn ausser diesem der grausame Regen die gröste Beschwerlichkeit verursachte. Dritten Tages hörte es zwar auf zu regnen, allein der Wind stürmete desto schärffer, so, dass man nirgends ruhig stehen oder liegen konte. Unser Frauenzimmer wurde sehr unpässlich, meine Schwester aber recht tödtlich kranck, und ob wir gleich derselben die kostbarsten Artzeneien, nach Anweisung unsers sehr verständigen schiffes-Barbiers, eingaben, so wolte doch nichts anschlagen, sondern es wurde am 9ten Tage, da das Stürmen noch immer fort währete, so schlimm mit derselben, dass wir an ihrer Aufkunfft zweiffelten. Dahingegen es sich mit den andern Krancken ziemlich besserte. Mein Vater und ich waren dieserwegen aufs äuserste betrübt, ihr Bräutigam aber, Mons. Schmeltzer, ganz trostloss, so, dass er sich fast nicht zu fassen wuste. Keiner unter allen zeigte bei diesen gefährlichen und betrübten Umständen mehr Courage, als Herr Herrmann, ungeachtet dieses seine erste Reise zur See war. Lieben Freunde! sagte er zum öfftern, glaubt es nicht, dass wir unglücklich sein werden, GOtt kennet uns, und seine Güte und Barmhertzigkeit ist viel zu gross, als dass er uns verderben sollte; trauet doch derselben nur wenigstens so hertzhafft als ich. Er war auch in diesem Stücke ein guter Prophete, denn meine Schwester wurde nicht allein wieder besser sondern