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sondern war vergnügt mit dem was ich schon hatte, und wolte mein Leben nicht in Gefahr setzen, indem mir die Einwohner zu St. Salvator erzähleten: dass die tieffer im land wohnenden Brasilianer würckliche Menschen-Fresser wären, sie schlachteten die Gefangenen gleich dem Viehe ab, wüsten von keiner Religion, ja sie hätten in ihrer ganzen Sprache kein eintzig Wort welches einen GOtt bedeutete; beteten hergegen den Teuffel an und erholten sich bei demselben Rats, jedennoch hätte man an ihnen wahrgenommen dass sie ihre Seelen vor unsterblich hielten. Sie wohneten nicht in Häusern, sondern in blossen Lauber-Hütten, schlieffen nicht in Betten, sondern in Netzen, und ihre gewohnliche Speise bestünde aus Brod, welches aus dem Meel einer Wurtzel Mendioca genandt, gebacken würde.

Alles dieses jagte mir so viel Schrecken ein, dass ich allen denen so mich zum Partei gehen mit nehmen wolten, abschlägige Antwort gab; es blieb auch in Wahrheit mancher ehrlicher Mann von den mitgekommenen Europäern bei solchen Parteigängereien aussen, der vielleicht von den wilden Brasilianern ist gefressen worden.

Hergegen blieb ich mehrenteils zu haus in meinem Logis, bat dann und wann gute Freunde zu mir, die meiste Zeit aber vertrieb ich mit Bücher lesen oder mit Grillen über meine Fatalitäten, hierbei pressete mir das Angedencken über meine zurück gelassenen lieben Kinder zum öfftern viele 1000 Tränen aus.

Eines Tages kam ein junger Kauffmann, der ein gebohrner Schwede, eben nicht allzu fein von gesicht doch jederzeit sehr gefällig gegen mich gewesen war, unverhofft auf meine kammer und traff mich in der grössten Bestürtzung an, denn ich weinete eben und die 3 Contrafaits, als meiner seel. Liebste und dieser meiner beiden Kinder lagen vor mir auf dem Tische. Ich gab meinen Aufwärter so gleich Befehl, ein und anderes herbei zu bringen, um diesen jungen, jedoch sehr reichen Schwedischen Kauffmann behörig zu bewirten; mitlerweile wirfft dieser seine Augen auf die Contrafaits und fragte so gleich: Mein Herr! was sind das vor Bildnisse? Dieses erste sagte ich, ist meine ohnlängst verstorbene Liebste, die andern beide stellen meine 2 zurück gelassenen Kinder vor. Ihr habt, gab der Schwede darauf, eine sehr schöne Frau gehabt, aber die Tochter ist noch weit schöner, wo befindet sich dieselbe? Voritzo, war meine Antwort, in Stockholm bei meiner Befreundtin. Glückseelig ist mein Vaterland, sprach er, eine solche seltene Schöne in sich zu haben. Ihr schertzet oder flattiret sehr, mein Herr sagte ich, denn da ich 2 mahl in Schweden gewesen bin, so kan versichern, dass ich weit schönere Gesichter darinnen angetroffen habe. Hierauf lenckte ich den Discours auf Handlungs-Affairen, der Schwede aber schien mir auf einmal ganz melancholisch zu werden, welches er dem getrunckenen Coffeè Schuld gab, deswegen ich ihm ein gut Glass Wein vorsetzte. Er trunck davon, sagte aber: mein Herr ihr habt einen recht guten Wein, aber so gut ist er doch nicht als der Canari, von welcher Sorte ich eine ziemliche Qvantität in meinem Logis liegen habe, weil es noch sehr hoch am Tage, so seid so gütig, mit mir dahin zu spatzieren, zumahlen da es nicht gar weit ist.

Auf oft wiederholtes Bitten liess ich mich endlich bereden mit ihm in sein Logis zu gehen, wo ich fand, dass er nicht gelogen, sondern einen ganz vortreflichen Wein hatte. Er erzeigte mir alle nur erdenkkliche Höflichkeiten, gab mir Nachricht von seinem ganzen Zustande und Wesen, zeigte eine gewaltige Menge Säcke die mit Gelde angefüllet waren, (dergleichen ich in meinem Wohlstande auch wohl so viel, und wohl noch mehr beisammen gehabt hatte) Summarum er offenbahrete mir sein ganzes Hertze, weswegen ich bei dem guten Weine endlich auch treuhertzig wurde und ihm ebenfals mein ganzes Hertze offenbahrete. So bald er solchergestalt alles von mir erfahren, sagte er: Mein Herr! ich habe mehr, als ein vernünftiger Mensch in der Welt vertun kan, bin also im stand euch so viel vorzuschiessen, als ihr vonnöten habt eure Schulden völlig zu bezahlen und die Handlung von neuen anzufangen, bin auch bereit, euch so gleich 50000 Tlr. auf eure Handschrift zu zahlen, daferne ihr versprecht, mir eure schöne Tochter, deren Portrait ich heute gesehen, zum Ehe-Gemahl zu geben. Ich bitte euch, mein Herr! gab ich zur Antwort, fanget keine Sache an die euch etwa hernach gereuen möchte, sehet doch erstlich die person selbst an, ob sie so beschaffen, wie sie der Mahler abgeschildert. Es ist zwar wahr, sagte Peterson, dass die Mahler zuweilen flattiren, allein ich fühle in meinem herzen, nachdem ich das Bild erblickt, ganz besondere Regungen und bin zufrieden, wenn die person nur halb so schöne, als sie abgeschildert ist. Ich gab mir viele Mühe, ihm diesen so plötzlich aufsteigenden liebes-Appetit zu verweisen, biss wir wieder nach Europa kämen; da ich denn selbst mit ihm nach Stockholm reisen und ihm meine Tochter persönlich zeigen wolte, allein er liess nicht ab, biss er mir 50000 Tlr. gegen eine blosse Handschrift so zu sagen aufgedrungen und den väterlichen Consens von mir erpresset hatte. Mit der Braut getrauete er sich bald fertig zu werden, inmassen sich, seinen gedanken nach, ein Frauenzimmer durch kostbare Geschencke am allerleichtesten zur Liebe bewegen liesse.

Da ich nach haus kam, waren die 50000 Tlr. schon daselbst, wobei einer von seinen Dienern die Wache hielt, und folgenden Morgen kam Peterson ganz früh, trunck mit