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wir haben keine Zeit ihn neu zu kleiden. Augenblicklich schickte er fort, ich und meine Schwester aber wandten uns zu dem Mons. van Blac und fragten: ob er mit uns nach Ost-Indien fahren wolte? Ach! seufzete er, wenn ich so glücklich sein könnte mein Leben in Dero Diensten zu enden. Wir wollen euch, gab ich ihm zur Antwort, nicht zu unsern Diener, sondern zu einem Mit-Genossen, unsers, mit GOtt zu hoffen habenden Glücks und Vergnügens machen, auch eure zeitliche Wohlfahrt möglichstens befördern. Er küssete hierauf meinem Vater, mir, meiner Schwester und dem kapitän Horn die hände und versprach, daferne er in unserer Gesellschafft mit reisen dürffte, so bald es von ihm verlangt würde, den Eid der Treue abzulegen. Bald hernach kamen verschiedene Kleider, der kapitän Horn kauffte ein rotes, und noch ein braunes, welche beiden ihm am besten passeten, und also war unser Mons. van Blac wieder ein Kerl, der Abends mit bei uns zu Tische sitzen konte, indem wir uns seiner Gelehrsamkeit und guter Conduite wegen, auch seiner person gar nicht zu schämen hatten. Sonsten war er ein Mensch von ungefähr 30 Jahren, sah wohl aus von gesicht, und ob ihm schon die Mörder bei letzterer Rencontre 2 Hiebe ins Angesichte gegeben hatten, so hatte er doch sonsten an den Gliedern welche ebenfalls blessirt worden, nicht die geringste Lähmung.

Ich habe mich nicht umsonst bemühet, diese geringscheinende Avanture so weitläufftig zu erzählen, denn der Verfolg dieser geschichte wird zeigen, dass van Blac nachher bei unserer Gesellschafft und ganzem Geschlechte eine recht bemerckens-würdige person worden und man dabei die sonderbare Führung des Verhängnisses zu betrachten Ursache habe. Jedoch wieder auf unsere Reise zu kommen, so hatten wir, nachdem Herr G.v.B. nebst seinen Sachen im Portugiesischen Hafen Port a Port ausgesetzt war, von dar biss zu den Canarischen Insuln die allerangenehmste Fahrt, weswegen ich eines Tages meinen Vater ersuchte, mich doch zu berichten, wo er sich nach seinem gehabten Unglücke An. 1725. hingewendet, und wie es ihm sonsten unter der Zeit ergangen? Es war derselbe bereit mir zu willfahren, sagte aber, weil seine Fatalitäten eben keine besonderen Geheimnisse wären, so dürfften meine Schwester, der kapitän Horn, und die beiden Geistlichen, wie auch van Blac dieselben wohl mit anhören, weswegen ich jetzt gemeldte Personen insgesammt in unsere kammer beruffte, worauf mein Vater also zu reden anfing: Von dem kläglichen Schicksale meiner Vor-Eltern könnte ich eine weitläufftige und vielleicht nicht unangenehme Erzählung machen, auch selbige mit glaubwürdigen alten schrifftlichen Urkunden erweisslich machen, allein es mag solches biss auf eine andere Zeit versparet bleiben, und ich will voritzo nur von meiner eigenen person, auch gehabten Glücks- und Unglückks-Fällen, so kurz als möglich Bericht erstatten, damit doch ein jeder von ihnen recht wisse wer ich sei und wie das Schicksal mit mir gespielet hat.

Mein Nahme ist Franz Martin Julius, gebohren d. 13 Jun. 1680 und zwar von solchen Eltern, die eben nicht reich, jedoch bei jedermann ein gutes Gerüchte hatten, denn mein Vater Christianus Julius war Steuer- und Zoll-Einnehmer im Lüneburgischen, muss sich aber nicht viel Sportuln dabei gemacht haben weil meine Mutter nach dessen tod ausser den standesmässigen Meublen vor sich, mich und 2 Schwestern, kaum 600 Tlr. baar Geld aufzuweisen hatte, jedoch war dabei noch ein eigenes Häussgen und etwas Feld, welches ungefähr auf 1000 Tlr. geschätzt werden konte, hergegen hatte meine Mutter 800 tlr. baar Geld eingebracht.

Mein seeliger Vater starb An. 1694. da ich 14 Jahr alt war, und also vor mich noch viel zu frühzeitig. Folgendes Jahr darauf folgte ihm meine jüngste Schwester im tod nach, da sie nur 12. Jahr alt war und bald hernach verheiratete sich meine Mutter mit demjenigen wieder, der meines Vaters Dienst bekommen hatte, behielt auch mich und meine ältere Schwester Doroteen Sibyllen bei sich, indem der StiefVater ein sehr gütiger Mann war, mich nicht allein fleissig zur Schule hielt sondern auch täglich selbst etliche Stunden privatim informirte endlich aber in eine grosse Stadt zu einem vornehmen Kauff- und Handelsmanne, um bei selbigen die Handlung zu erlernen, brachte, auch hinlängliche Caution vor mich machte. Ich führte mich zeitwährenden meinen LehrJahren, ohne Ruhm zu melden, so auf, dass mein Herr und meine Eltern wohl zufrieden mit mir waren; sonsten aber passirte mir in meinen Lehr-Jahren dieser notable Streich: eines Abends da mein Herr sich mit etlichen frembden Kauff-Leuten in einem Wein-haus befand, muste ich mit der Laterne dahin gehen, denselben nach haus zu leuchten, allda hörete ich nun verschiedene Handels-gespräche, ein eintziger frembder Kauffmann aber, sass beständig in sehr tieffen gedanken, weswegen mein Herr, der vom Weine ein wenig lustig worden war, aufstund, ihn auf die Schulter klopffte und sagte: betrübet euch nicht, mein Herr! vor der Zeit, denn das Schiff kan noch glücklich zurück kommen. Ja ja! antwortete jener, mein Herr! wollet ihr mir 10000 gegen 20000 setzen. Mein Patron war ein ungemein reicher Mann und gar gewaltiger Hazardeur, weswegen er ohne langes Bedencken heraus fuhr: Wa topp! kommt das Schiff mit der Ladung zurücke, so zahlet ihr mir 20000 Tlr. ist es verlohren gegangen, so zahle ich euch 10000 Tlr. Der Frembde liess sich ebenfalls nicht lange nötigen, sondern