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zurücke war.

Es blieben viele Leute auf der Strasse stille stehen, welche vermeineten, wir hätten sämtlich aus Wollust ein Wett-Rennen angestellet, allein da Peterson grausam zu fluchen, lästern und schimpffen anfing, merckten sie bald Unrat, der Zulauff aber wurde nur desto grösser, zumahlen da Peterson als ein rasender Mensch in des Priesters haus gelauffen kam, und meine Schwester mit Gewalt heraus zu reissen Mine machte. Der Priester, ungeachtet er mich nicht kannte, zeigte sich bei seiner Bestürtzung sehr höflich, ich gab ihm in lateinischer Sprache, ungefähr so viel zu verstehen, dass ich und meine Schwester unter seinem dach Schutz suchten, gegen einen irraisonablen Menschen, der die letztere, wieder alle Rechte, seine Ehe-Frau zu werden, zwingen wolte. Wie ihm nun dieses genug gesagt war, so wendete er sich alsofort zu Peterson, und redete denselben, wie mir hernachmahls verdeutscht wurde, also an: Mein Herr, ihr wisset die gesetz dieses Landes vielleicht nicht völlig, allein woferne euch eure rechte Hand lieb ist, so hütet euch in meinem haus den geringsten Unfug anzufangen, ihr habt in Wahrheit nicht viel gerechte Sache vor euch, deswegen lasset entweder fremden Personen ihre Freiheit, oder den Policei Richter anhero beruffen, welcher einem jeden sein Recht sprechen wird, wo nicht, so will ich selbsten einen Boten nach ihm senden, wollet ihr euch aber nicht warnen lassen, so kan ich mein haus-Recht zu beschützen, durch wenige Glocken-Schläge die Nachbarn bald zusammen ruffen lassen, werdet ihr alsdenn prostituirt oder in Schaden gebracht, so habt ihr niemanden als euch selbst die Schuld beizulegen. Nach Anhörung dieser guten Erinnerung zog Peterson alsobald gelindere saiten auf, und da er mich so wenig als meine Schwester bereden konte, wieder mit ihm zurück auf sein Gut zu kehren, begab er sich mit seinem Gefolge von dannen, ohne zu melden, ob er meine ihm getane Vorschläge in der Güte annehmen wolle oder nicht. Mir war es immittelst eine besondere Freude, dass der Schwedische Priester sehr gut deutsch sprechen konte, denn er hatte nicht allein auf der Universität Wittenberg drei Jahr lang studiret, sondern auch als FeldPrediger im Jahr 1707. in Sachsen ohnweit Bitterfeld im Quartiere gelegen. Ich erzehlete ihm von meines Vaters und meinen eigenen Geschichten so viel als vor nötig hielt, machte mich auch seines guten Rats sehr wohl bedient, indem mir die Schwedischen Reichs-gesetz, so wohl als dasiger Nation Lebensund Gemüts-Art nicht sonderlich bekant waren, denn Peterson wolte sich durchaus nicht mit uns vergleichen, sondern stellte eine würckliche Klage wieder meine Schwester an, allein selbige lief nicht so glücklich, als er wünschte, sondern wurde zu unsern grossen Vergnügen, gleich im ersten Termino beigelegt, so dass ich an Peterson, die, meinen Vater vorgeschossene Gelder, so viel er dartun konte, bezahlen, er hingegen mir den väterlichen Contract nebst den Obligationen zurück liefern muste. Solchergestalt nahm ich von dem Priester, bei dem wir uns biss zu ausgemachter Sache aufgehalten hatten, liebreichen Abschied, beschenckte ihn und seine ganze Familie reichlich, und reisete unter ausgebetener gerichtlichen Begleitung in guter Sicherheit nach Nyköpping zurücke, wo wir nur wenige Tage auf ein Seegelfertiges Schiff warten mussten, nachher aber auf selbigen in unsere Gebuhrts-Stadt überführet wurden. Ich trat mit meiner Schwester, dem Holländisch-Schwedischen Dollmetscher und denen zweien Bedienten, in einem der vornehmsten Wirtshäuser ab, wo ich mich durch den Dollmetscher vorher unter der Hand erkundigen liess, wie es um meines Vaters Wesen stünde, erfuhr aber zu meinen grössten Freuden gar bald, dass derselbe nicht nur seine Schulden völlig bezahlet, sondern auch bereits sein ehemahliges haus wieder bezogen und das Gewölbe eröffnet hätte. So bald die Abend-Demmerung eintrat, nahm ich meine Schwester an die Hand und führte dieselbe zu unser beiderseits unbeschreiblichen Vergnügen nach demjenigen haus hin, in welchen wir zum ersten das Licht dieser Welt erblickt hatten. Es war eben an einem Sonntags Abend, als wir bei unserm lieben Vater ganz unverhofft in die stube traten, da er mit einem alten guten Freunde am Tische sass und im Schach spielete. Er fing hertzlich an zu weinen, als wir ihm fast beide zugleich um den Halss fielen, so dass sich unsere Freuden-Tränen, mit den seinigen, die von Kummer und Freude zugleich ihren Ursprung nahmen, vermischeten, jedoch da ich dieses merckte, erkante ich mich schuldig, ihm so gleich, vor allen andern Dingen, zu eröffnen, dass meine Schwester annoch ledig und frei wäre, auch sich wegen des verdriesslichen Petersons nichts mehr zu besorgen hätte. wobei ihm zugleich den durchrissenen Contract nebst Petersons Quittungen in die hände lieferte, worüber mein Vater vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde. Hierauf erzehlete er von des Herrn W. von Hamburg unverhoffter Ankunfft, und wie derselbe alles was ich ihm aufgetragen treulich ausgerichtet, auch nur vor etwa drei Wochen zurück nach Hamburg gereiset wäre, immittelst hätte so wohl Herr VV. als er mein Vater selbst, verschiedene Briefe an mich und meine Schwester nach Schweden abgeschickt, es hätten uns aber selbige teils unmöglich antreffen können, teils möchten auch wohl von Peterson und unserer Baase unterschlagen sein, denn weil die letztere, biss auf die letzte Stunde Petersons Partie hielt, so war ihr noch vor dem Abschiede alle fernere Freundschafft von uns beiden aufgekündigt, die meiner Schwester anderweitig erzeigten Gefälligkeiten aber, zehnfach bezahlet worden.

Folgendes Tages liess mein Vater Anstalt zu einer grossen Gasterei machen