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ihn vor voll quittiren wollen, weswegen er meinen Vater die dazu benötigten Gelder auszahlet, sich als Compagnon mit ihm zu handeln engagiret, und nachdem er so wohl dieser, als meiner Schwester wegen einen schrifftl. Contract mit dem Vater geschlossen; selbigen dahin bewegt, immer nach haus in meine Geburts-Stadt zu reisen, und alle Sachen richtig zu machen, binnen welcher Zeit Peterson mit meiner Schwester ordentlich Verlöbniss und Hochzeit halten, und bald darauff nachfolgen wolle. Demnach war gestern Abend das Verlöbniss celebrirt, und meiner Schwester Hand in Petersons Hand gelegt worden, jedoch weil dieselbe dabei ganz ohnmächtig gewesen, und auf öffteres Befragen, kein Ja-Wort sagen können oder wollen, hatte der dabei anwesende Priester den Kopff geschüttelt und gesagt: Mit dergleichen Verlöbnissen habe ich nichts zu tun; war auch alsobald zum haus hinaus gegangen. Dem ungeachtet wenden unsere bestochenen Freunde allen Fleiss an, meine Schwester nur dahin zu vermögen, dass sie, um den Peterson nicht gänzlich zu prostituiren, sich endlich mit zu Tische setzt, auch nachher etliche Reihen mit ihm und andern anwesenden Gästen tantzet, wiewohl ihr eben nicht gar täntzerlich zu mute gewesen. Peterson hatte sich sonsten bei dieser verdrüsslichen Affaire ziemlich politisch und vernünfftig auffgeführet, jedoch sich etliche mahl gegen die alte Amme verlauten lassen: Er wolle seine Liebste in zukunfft schon anders gewöhnen.

Dieses war also der kurtze Haupt-Innhalt von mei

ner Schwester damahligen unglückseeligen Zustande, welchen sie mir nicht so bald erzehlet hatte, als ich ihr den allerkräfftigsten Trost zusprach, und die Versicherung gab: mein alleräuserstes anzuwenden, sie aus dieser Not zu erlösen, indem mir der Himmel so viel Vermögen zugewendet, nicht allein meines Vaters gäntzliche Schulden damit zu bezahlen, sondern auch ihren ungestallten Liebsten mit feiner Haabe und Gütern vielleicht wohl zwei oder mehrmahl auszukauffen.

Sie hörete dieses mit bangen herzen als ein blosses Mährlein an, jedoch nachdem ich ihr noch weit teurere Versicherung gegeben, und nicht ehe aus diesem haus zu weichen versprochen, biss ich sie mit mir hinweg führen könnte; fing sie an etwas stärckere Hoffnung zu schöpffen, und schlich sich mit ihrer Amme ganz sachte wieder in ihre Cammer, ehe noch jemand von Petersons Leuten auffgestanden, und unserer Zusammenkunfft inne worden war.

etwa eine Stunde hernach, wurde alles völlig munter, und die Musicanten liessen sich zu meinem damahligen grössten Verdruss tapffer wieder hören, ich war bereits angekleidet, trat deswegen aus meiner Cammer heraus, und fragte nach meiner Schwester Zimmer, als wohin mich die bereits abgerichtete Amme so gleich führte. Es befand sich niemand bei ihr, als unsere Baase, indem ich aber meine Schwester weinend antraff, fragte ich alsobald, was ihre gestrige und noch itzige betrübte Aufführung zu bedeuten hätte. Indem nun meine Schwester vor Tränen nicht antworten konte: nötigte mich die Baase zum niedersitzen, und fing eine weitläufftige Erzehlung an, von derjenigen Glückseeligkeit, worein meine Schwester nicht allein sich selbst, sondern auch meinen Vater und meine eigene person setzen könnte, daferne sie ihren Eigensinn bräche, ein wenig in einen sauern Apffel bisse, und den Peterson sich gefällig bezeugte; dessen verlobte Braut sie nun ohnedem schon wäre. Was? rieff ich aus, soll meine Schwester etwa mit Gewalt den ungestallten Menschen heiraten? Das wolle der Himmel nimmermehr. Es ist nun nicht anders, antwortete meine Baase, deñ gestern Abend vor eurer Ankunft, mein Vetter, ist das Verlöbniss schon geschehen. Ei was Verlöbniss? fing nunmehr meine Schwester zu reden an, wer hat von mir ein Ja-Wort gehört? hat man nicht meine Hand mit Gewalt in seine Hand geleget? Man frage doch den dabei gewesenen Priester, was der dazu sagt. Sie beruffen sich alle auf den Contract den Peterson mit meinem Vater geschlossen, allein ich glaube die Obrigkeit in Schweden wird nicht billigen, dass ein Vater seine Tochter als eine leibeigene Sclavin verkauffen kan.

Unter diesen Gesprächen trat Peterson mit dem ganzen Gefolge seiner Freunde oder Anhänger, ins Zimmer, und weil er uns unfehlbar behorcht hatte; mengete er sich alsofort in unser Gespräch und sagte zu mir: Monsieur! ich hätte vermeinet, ihr wäret als ein getreuer Sohn eures Vaters, und als ein guter Freund gekommen, dessen Glück und mein Vergnügen zu befördern, allein wie ich aus wenigen Worten gemerckt, so raisoniret ihr so unglücklich als eure capriçieuce Schwester. Monsieur! gab ich etwas hitzig zur Antwort, wir haben vielleicht, als freigebohrne Kinder ehrlicher Eltern, nicht geringe Ursache eurer Aufführung, person und ganzen Wesens wegen, capriçieus zu sein, und mich wundert nicht wenig, dass ihr euch des besitzenden Reichtums wegen unterstehen wollet, ein honettes Frauenzimmer mit Gewalt in euer Ehe-Bette zu zwingen.

Es geschicht nicht mit Gewalt, versetzte er, sondern sehet! hier ist der mit mir geschlossene Contract eures leibl. Vaters, und hier sind die Handschrifften über diejenigen Gelder, welche ich ihm bereits vorgeschossen habe, auch noch ein weit mehrers vorzuschiessen willens bin. Hiermit zohe er etliche Briefschafften aus seiner tasche hervor, welche ich mit flüchtigen Augen überlase, jedoch bald darauff sagte: Der Väterliche Contract kan meine Schwester zu nichts verbindlich machen, unterdessen ist es billig dass euch eure vorgeschossenen Gelder mit Danck und Interesse wieder bezahlet werden. Seid ihr, sprach er hierauff mit einer hönischen und hässlichen Gebärde, etwa ein solcher Capitaliste, der diese Gelder heute, oder längstens binnen 8. Tagen an mich bezahlen, oder einen Bürgen schaffen kan, so nehmet eure Schwester und