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solchergestalt auch alle unsere Reise-gefährten bewillkommet waren, bat der kapitän meine frembden Vettern, dass einer von ihnen hinauf steigen, dem Altvater seinen Gehorsam vermelden, anbei erlaubnis bitten sollte, dass er Morgen frühe, mit Aufgang der Sonnen, nebst 14. redlichen Leuten bei ihm einziehen dürffe. Es lief also Augenblicklich einer hurtig davon, um diese Commission auszurichten, die übrigen zwei aber setzten sich nebst uns zum Feuer, ein Glass Canari-Sect zu trincken, und liessen sich vom kapitän erzehlen, wie es uns auf der Reise ergangen sei.

Ich vor meine person, da in vergangenen 2. Nächten nicht ein Auge zugetan hatte, konte nunmehr, da ich den Hafen meines Vergnügens erreicht haben sollte, unmöglich mehr wachen, sondern schlieff bald ein, ermunterte mich auch nicht eher, biss mich der kapitän beim Aufgange der Sonnen erweckte. Meine Verwunderung war ungemein, da ich etliche 30. ansehnliche Männer in frembder doch recht guter Tracht um uns herum sah, sie umarmeten und küsseten mich alle ordentlich nach einander, und redeten so feines Hoch-Teutsch, als ob sie gebohrne Sachsen wären. Der kapitän hatte indessen das Früh-Stück besorgt, welches in Coffeé, Frantz-Brandtewein, Zucker-Brod und andern Confituren bestund. So bald dieses verzehret war, blieben etwa 12. Mann bei unsern Sachen, die übrigen aber gingen mit uns nach der Gegend des Flusses, bei welchen wir gestern Abend gewesen waren. Ich ersahe mit gröster Verwunderung, dass derselbe ganz trocken war, besonn mich aber bald auf des Capitains vormahlige Erzehlung, mitlerweile stiegen wir, aber ohne fernern Umschweiff, die von dem klaren wasser gewaschenen Felsen-Stuffen hinauff, und marchirten in einer langen, jedoch mit vielen fackeln erleuchteten, Felsen-Höle immer aufwärts, biss wir endlich ingesammt als aus einem tieffen Keller, an das helle Tages-Licht herauff kamen.

nunmehr waren wir einigermassen überzeugt, dass uns der kapitän Wolffgang keine Unwahrheiten vorgeschwatzt hatte, denn man sah allhier, in einem kleinen Bezierck, das schönste Lust-Revier der Welt, so, dass unsere Augen eine gute Zeit recht starr offen stehen, der Mund aber, vor Verwunderung des Gemüts, geschlossen bleiben muste.

Unsern Seel-Sorger, Herr M. Schmeltzern, traten vor Freuden die Tränen in die Augen, er fiel nieder auf die Knie, um dem Allerhöchsten gebührenden Danck abzustatten, und zwar vor die besondere Gnade, dass uns derselbe ohne den geringsten Schaden und Unfall gesund anhero geführt hatte. Da er aber sah dass wir gleiches Sinnes mit ihm waren, nahm er seine Bibel, verlass den 65. und 84. Psalm Davids, welche beiden Psalmen sich ungemein schön hieher schickten, Betete hierauf einige kräfftige Gebete, und schloss mit dem lied: Nun dancket alle GOTT etc. Unsere Begleiter konnten so gut mit singen und beten als wir, woraus sogleich zu mutmassen war, dass sie im Christentum nicht unerfahren sein müsten. So bald wir aber dem Allmächtigen unser erstes Opffer auf dieser Insul gebracht, setzten wir die Füsse weiter, nach dem, auf einem grünen Hügel, fast mitten in der Insul liegenden haus zu, worin Albertus Julius, als Stamm-Vater und Oberhaupt aller Einwohner, so zu sagen, residirte.

Es ist unmöglich dem Geneigten Leser auf einmal alles ausführlich zu beschreiben, was vor Annehmlichkeiten uns um und um in die Augen fielen, deswegen habe einen kleinen Grund-Riss der Insul beifügen wollen, welchen diejenigen, so die Geometrie und Reiss-Kunst besser als ich verstehen, passiren zu lassen, gebeten werden, denn ich ihn nicht gemacht habe, etwa eine eingebildete Geschicklichkeit zu zeigen, sondern nur dem curieusen Leser eine desto bessere idee von der ganzen Landschafft zu machen. Jedoch ich wende mich ohne weitläufftige Entschuldigungen zu meiner Geschichts-Erzählung, und gebe dem Geneigten Leser zu vernehmen: dass wir fast eine Meilwegs lang zwischen einer Alleé, von den ansehnlichsten und fruchtbarsten Bäumen, die recht nach der Schnur gesetzt waren, fortgingen, welche sich unten an dem ziemlich hoch erhabenen Hügel endigte, worauf des Alberti Schloss stunde. Doch etwa 30. Schritte lang vor dem Ausgange der Alleé, waren die Bäume mit Fleiss dermassen zusammen gezogen, dass sie oben ein rechtes Europäisches Kirchen-Gewölbe formirten, und an statt der schönsten Sommer-Laube dieneten. Unter dieses ungemein propre und natürlich kostbare Verdeck hatte sich der alte Greiss, Albertus Julius, von seiner ordentlichen Behausung herab, uns entgegen bringen lassen, denn er konte damals wegen eines geschwollenen Fusses nicht gut fortkommen. Ich erstaunete über sein Ehrwürdiges Ansehen, und venerablen weissen Bart, der ihm fast biss auf dem Gürtel herab reichte, zu seinen beiden Seiten waren noch 5. ebenfalls sehr alt scheinende Greisse, nebst etlichen andern, die zwar etwas jünger, doch auch 50. biss 60. Jahr alt aussahen. Ausser der Sommer-Laube aber, auf einem schönen grünen und mit lauter Palmen- und Latan-Bäumen umsetzten platz, war eine ziemliche Anzahl erwachsener Personen und Kinder, alle recht reputirlich gekleidet, versammlet.

Ich wüste nicht Worte genug zu ersinnen, wenn ich die zärtliche Bewillkommung, und das innige Vergnügen des Albert Julii und der Seinigen vorstellen sollte. Mich drückte der ehrliche Alte aus getreuem herzen dermassen fest an seine Brust, dass ich die Regungen des aufrichtigen Geblüts sattsam spürte, und eine lange Weile in seinen Armen eingeschlossen bleiben muste. Hierauff stellte er mich als ein Kind zwischen seinen Schooss