die Treppe herunter kommenden Mutter in die stube gejagt ist, macht sich darauf an die vornehme Frau, überreicht derselben die von ihrem kleinen Sohne empfangenen Löffel und bittet sich davor etwas zu Essen aus, weil er wohl merckte, dass diese Gabe vor ihm zu kostbar wäre, und vielleicht Gefahr bringen könnte.
Die vornehme Dame ziehet sich die Redlichkeit, und den Verstand meines Bruders dermassen zu Gemüte, dass, nachdem sie diesen Streich ihrem EheHerrn erzehlet, beiderseits Ehe-Leute die Güte haben, meinen damahls etwa 15 jährigen Bruder, zu ihren Bedienten auf zu nehmen, von Fuss auf neu kleiden, hiernächst im Lesen, Schreiben und Rechnen informiren zu lassen. Er war noch biss auf selbigen Tag in Diensten dieser vortrefflichen Leute, welche seine auf vielerlei Art probirte Treue, alljährlich reichlich belohneten, und weil er ausserdem so glücklich gewesen, bei einer Lotterie über andertalb hundert Taler zu gewinnen, befand er sich in sehr guten stand.
Nachdem ich ihm aber erzehlet, auf was vor Art ich unsere Mutter und Stief-Geschwister versorgt, war dieser mein Bruder nicht allein so redlich mir 30 tl. baar Geld wieder zurück zu geben, sondern versprach auch, gleich nach geendigter Messe, eine Reise an den Ort ihres Auffentalts zu tun und zu ihrer desto bessern Verpflegung fernere Anstallten zu machen. Wir blieben also über 14 Tage beisammen, binnen welcher Zeit ich der Herrschafft meines Bruders, meine Avanturen eigenmündig erzehlen, und davor ein Geschencke von 12 harten Talern annehmen muste. Es fehlete mir an keiner gelegenheit in Leipzig Arbeit zu bekommen, weil ich aber grosse Lust hatte die berühmtesten Städte in Böhmen und Schlesien zu besehen, nahm ich den Verlass mit meinem Bruder ihm fleissig zu schreiben, nachher aber Abschied und reisete meinem Vorsatze zu folgen fort. Es begegnete mir binnen zwei Jahren eben nichts besonders, nach der Zeit aber der allersonderbarste Streich. Denn als ich eines Tages in einer Römisch Catolischen Stadt in der Marter-Woche den Processionen zusahe, wurde ich von ohngefehr meinen ehemahligen Herrn unter der grossen Versammlung des Volcks gewahr, wuste aber anfänglich nicht ob ich meinen Augen trauen sollte, biss mir endlich sein alter Reut-Knecht, Martin genannt, hinter ihm zu gesicht kam. Ich verwandte kein Auge von beiden, biss ich sie als Leute, die einander ganz und gar nichts anzugehen schienen, in den besten Gastof eintreten sah, wo sich gleich ein grün und weiss gekleideter Laqvay zum Dienst des Herrn præsentirte. Ich erkundigte mich so gleich bei vielen Leuten, wer dieser Herr sei, und erfuhr: dass er sich vor einen Schwedischen Baron von Lilienfeld ausgäbe. In betrachtung dass, es seine alte Weise gewesen, bald diesen bald jenen Nahmen zu führen, verursachte mir dieses, dass er sich letztens in Ulm vor einen Herrn von Franckenstein ausgegeben, weniges Nachdencken, nahm aber gelegenheit den alten Martin auf zu suchen und mit ihm in Geheim zu sprechen, auch denselben zu bitten, mich bei seinem Herrn zu melden. Martin erfreuete sich von herzen über meine Gegenwart, eröffnete von seinen und seines Herrn Zustande so viel, als er sich bei demselben zu veranworten getrauete, warnete mich aber in zeiten, gegen niemanden mercken zu lassen, dass er, nämlich Martin, in des Baron Lielienfelds Diensten stünde, oder gestanden hätte, noch vielweniger sollte ich von dessen voriger Lebens-Art etwas erzehlen, biss mir der Herr selbst mündlichen Unterricht gegeben hätte. Solchem nach kam ich bei spätem Abende zur Audience, der Herr Baron war ganz allein in seinem Zimmer, verschloss dasselbe gleich nach meinem Eintritte und empfieng mich nicht etwa als einen ehemaligen Bedienten oder Bettel-Jungen, sondern als seinen leiblichen Sohn oder Bruder. Ich wurde allerdings beschämt über dergleichen unerwartete Höflichkeit und liebes-Bezeugungen, nachdem er mich aber ein grosses Glass Mein aus zu trincken genötiget, muste ich ihm erzehlen wie es mir seit seiner Abreise so wohl in Ulm als anderer Orten ergangen sei. Er stellte sich, da ich mit Reden fertig war, höchst vergnügt über mein ganzes Wesen an, erzehlete mir auch, wie er damahls auf seiner Rück-Reise aus Franckreich von herzen gern wieder in Ulm bei mir sein und mir aus der Lehre helffen wollen; allein er hätte ohnweit Ulm das Unglück gehabt einen Deutschen Cavalier im Duell zu erstechen, wesshalben er sich nach der Zeit vor der ganzen umliegenden Gegend hüten müssen. An meinen Meister hätte er zwar mehr als 12 Briefe abgesendet, jedoch da derselbe, wie er jetzt von mir vernommen, darvon gelauffen, so wäre kein Wunder, dass er nicht die geringste Antwort darauf erhalten. Nach fernern weitläufftigen und biss in die späte Nacht gewährten Gesprechen fragte er mich kurz, ob ich mir indessen, biss er sich auf seine Güter zur Ruhe begäbe, wolle gefallen lassen, bei ihm Laqvayen-Dienste anzunehmen, weil der Kerl, den er jetzt bei sich hätte, nichts nützte, dieserwegen morgendes Tages seinen Lauf-Zettel haben sollte. Ich erkandte mich schuldig demjenigen, der den ersten Grund-Stein zu meiner zeitlichen Wohlfahrt gelegt, alle gefälligkeit zu erweisen, zumahlen da mir, meinen gedanken nach, die sichere Rechnun machen konte; von ihm auf Lebens-Zeit wohl versorgt zu werden. Demnach wurde sein bissheriger Laqvay abgeschafft und ich bekam nebst der Charge, eine kostbar stark mit Silber bordirte Liberei, wöchentlich aber auf meine person 2 tl. Zehrungs Geld und in Hoffnung 20 tl. Jahr-Lohn.
Mein Herr hielt sich bei nahe