und Abends Bet-Stunde halten muste. Welcher von seinen Gesinde dergleichen nicht mit Andacht besuchen und abwarten wolte; durffte auch weder zur Arbeit noch zu Tische kommen. Ich vor meine person hatte dem besten Vorteil darbei, denn vors erste erlangte ich nunmehr erstlich einen rechten Begriff vom Christentum, vors andere war mein Meister so gütig, mir bei müssigen Stunden das Lesen, Schreiben und Rechnen umsonst lernen zu lassen, als wovor ich ihm noch in dieser Stunde nebst seiner Familié tausendfachen geist. und leibl. Seegen wünsche. Anbei versäumete ich aber im Hand-Wercke wenig Stunden, sondern hielt mich dermassen wohl, dass mein Meister vollkommen zufrieden war, es rückte zwar die Zeit meines Losssprechens allgemach herbei, allein es wolte sich so wenig mein Herr als der erste Meister wieder ein, stellen. Dem ungeachtet wurde mein frommer Lehr-Meister gar nicht verdrüsslich darüber, sondern liess mich gehöriger Zeit zum Schlösser-Gesellen machen, jedoch mit dem Vorbehalt, dass ich ihm noch andertalb Jahr um halbes Lohn dienen sollte.
Ich konte zwar mich nicht genungsam verwundern, dass mein Herr seine Parole nicht besser hielte, da mir aber vorgestellet wurde, wie derselbe in frembden Ländern durch besondere Angelegenheiten gar leichtlich aufgehalten werden könnte, gab ich mich zufrieden, erzeigete meinem Wohltäter allen schuldigen Gehorsam, hatte auch hierbei nicht den geringsten Schaden, indem mich mein Meister in die andere Werckstadt setzte, wo ich nicht allein das Stahlund Eisen-schneiden, sondern auch nebst diesen, andere künstliche Arbeit verfertigen lernete.
Demnach blieb ich an statt der andertalb, ganzer drei Jahre, über meine Lehr-Zeit, bei dem Meister, sammlete auch binnen der Zeit über 40 tl. baar Geld, weil ich mich in keine liederlichen Compagnien eingelassen, sondern die müssigen Stunden auf das Schreiben, Rechnen u. Lesung guter Bücher gewendet, ausserdem aber eine solche christliche LebensArt angenommen hatte; wie mir solche nicht allein von meinem frommen Lehr-Meister, sondern auch von Gottseeligen Lehrern und Predigern angewiesen worden.
Nach Verlauff dieser Jahre riet mir mein ehrlicher Meister selbst, die Wanderschafft anzutreten, mich einige Zeit in der Frembde umzusehen, nachher wieder zu ihm zu kommen, da er denn allenfalls nach Möglichkeit vor mein Glück sorgen wolte.
Ich will ihnen, meine Herrn, mit Erzehlung meines hin und wieder lauffens und anderer begebenheiten, welche gemeiniglich den reisenden Handwerckss-Purschen vorzustossen pflegen, nicht verdrüsslich fallen, weilen solche wenig besonderes in sich halten, jedoch kan nicht unangemerckt lassen, dass ich etliche Jahr hernach meine Mutter ohnweit Dressden in sehr erbärmlichen Zustande antraff. Denn der steltzbelnige Bösewicht hatte sie nicht allein durch tägliches prügeln endlich ganz krum und lahm gemacht, sondern hernach mahls gar mit 3 Kindern sitzen lassen. Sie erkante selbst, dass sie diese Straff-Gerichte gewissermassen mit ihrer unziemlichen Aufführung verdienet, gestund auch, dass sie von dem Bösewichte beredet worden, mich und meinen Bruder, als eine rechte Raben-Mutter, sitzen zu lassen, worüber sie nachher tausend Tränen vergossen, zumahlen da ihr das letztere grausame Verfahren bei Qverfurt auf dem Jahrmarckte, nicht aus den gedanken kommen, vielemehr das Hertze immer sagen wollen, ich hätte mich aus Verzweiffelung selbst ersäufft. Von meinem jüngsten Bruder konte sie mir ebenfalls Nachricht geben, dass derselbe sich in Leipzig bei einem vornehmen mann als Laqvay in Diensten befände, wie und von wem derselbe erzogen worden, wuste sie aber nicht zu sagen, indem ihr böses Gewissen nicht zu gelassen hätte, sich ihm zu erkennen zu geben.
Die bittern Tränen meiner leiblichen Mutter löscheten in einem Augenblicke das verhassete Angedencken ihres mir und meinem Bruder zugefügten Jammers aus, so dass ich mein halbes Vermögen an baaren Gelde an sie und mein Stieff-Geschwister wandte, indem ich 60 tl. baar Geld in ein Spital zahlete uñ nach Versprechung, hinfüre nebst meinem Bruder ein mehreres zu tun, die Versicherung erhielt, dass meine Mutter nicht allein biss an ihr Ende wohl verpflegt, sondern auch vor ihre drei Kinder gesorgt werden sollte, dieselben, mit zunehmenden Jahren, bei gute Leute zu bringen.
Nachdem solches alles wohl bestellet war, reisete ich hurtig nach Leipzig und traff daselbst meinen Bruder in einer grauen Liberei mit gelben Aufschlägen an. Er war von herzen erfreuet, mich wieder zu sehen und eben so begierig die Histoire von meiner Auferziehung, als ich, die von der seinigen anzuhören. Solchergestallt berichtete er mich: wie er, nachdem auch ich ihn verlassen, um sein Brod zu verdienen erstlich die Gänse, hernach die Schweine hüten müssen, wäre aber jederzeit so unglücklich gewesen, dass ihm ein oder etliche Stück an der Zahl gefehlet, weswegen ihn endlich die Leute fortgejagt hätten. Also muss er sich von neuen aufs Betteln legen, ist auch so glücklich in die Weltberühmte Stadt Leipzig zu kommen, wo er seine Nahrung in der Leute Häusern sehr behutsam sucht, um den Feinden der Bettel Leute nicht in die hände zu fallen. Eines Tages bettelt er in den, haus sehr reicher und vornehmer Leute, indem aber das Gesinde wegen vieler Geschäffte sich nich bemühen will ihm eine Gabe zu reichen, kömt ein kleiner Knabe, der meinem Bruder gern ein Almosen gegeben, wenn er nur Geld bei sich gehab hätte, wie er denn alle seine Schubsäcke aussucht, aber nichts finden können. Demnach laufft das Kind in die stube, holet zwei silberne Löffel und heisst meinen Bruder damit fortgehen. Dieser gehet zwar in etwas auf die seite, biss der kleine Knabe von seiner,