1731_Schnabel_088_290.txt

zu machen, jedoch, weil ich ein wenig gar zu viel dürres Reiss-Holtz und Spane in den Ofen mochte gesteckt haben, schlug die Flamme dergestallt plötzlich zum Ofen heraus, dass ich mich genötiget sah, vor Angst und Schrecken, Feuer zu schreien. Mein jüngerer Bruder lieff im blossen Hembde zum haus heraus in eine andere wohnung, mir aber, der ich schon etwas wasser in den Ofen gegossen, kamen noch andere Leute, und zwar eben zu rechter Zeit zu Hülffe, denn das Feuer hatte schon oben zwei oder drei Balcken angezündet, jedennoch wurde in der Geschwindigkeit alles völig gelöschet. Dem ungeachtet kam fast alles Volck aus dem Dorffe zusammen gelauffen, ihrer etlichen schryen: Werffet die Mord-Brenner ins Feuer! andere: Lasst uns die Bettel-Bagage ins – – Nahmen verbrennen! wieder andere, die mich von ferne, als einen Koch, der den Brei verdorben, mit niedergeschlagenen Kopffe stehen sahen, rieffen: Haschet, haschet doch jenen grössten Schelm, haltet ihn fest, dass er nicht entlauffe!

Bei so gestallten Sachen, hielt ich, meiner damahligen grossen Einfallt ungeachtet, dennoch darvor, dass es die gröste Torheit wäre, wenn ich mich hiesiges Orts lange auffhielte, machte mich deswegen auf die baarfussen Beine, und lieff über einen sehr langen Stein-Damm, dermassen hurtig nach der Stadt zu, als ob das angezündete Feuer selbst hinter mir drein schlüge. Da ich aber auf der Höhe vor der Stadt endlich keine Verfolger hinter mir sah, verging die Angst ziemlicher massen, ja ich ging ganz getrost eine lange Strasse in der Stadt hinauff und bemerckte, indem die Leute gleich aus der Kirche gegangen kamen, dass viele darunter waren, welche sich sehr mitleidig über meine elende Bekleidung ganz blossen Füsse bezeigten, deñ bei damahliger, annoch anhaltenden starcken Kälte, lag noch ziemlich viel Schnee und Eiss auf den Strassen. Endlich war ein Apotecker, den ich Herr Stolle nennen hörete, so barmhertzig mich vor seinen Laden zu ruffen, und mir ein paar alte Strümpffe und Schue zu zu werffen. Auf sein Befragen, wegen meiner Eltern und anderer Beschaffenheiten, erzehlete ich ihm alles auffrichtig, biss auf die eintzige letzte Feuer-Begebenheit, weswegen er nicht allein aus fernern Mittleiden, wir ein noch sehr gutes Camisol gab, sondern auch verursachte: dass die daherum wohnenden Nachbarn, ihre milde Hand auch auftaten, und mich mit ein paar alten Hembden, einer rauchen alten Mütze, Handschuen, auch noch mehrern Strümpffen beschenckten.

Ein Gastwirt am Marckte erlaubte, mich in seiner stube zu erwärmen, und liess mir speisen und Geträncke reichen, wobei ich abermals genötiget wurde, meine begebenheiten zu erzehlen, da aber solches noch nicht einmal geschehen, berichteten etliche dabei sitzende reisende Leute: dass ihnen schon gestern, ein solcher Mann wie ich meinen Stief-Vater beschrieben hatte, nahe vor der Stadt Halle begegnet wäre, wie nun auf mein ferneres Befragen, mit dem Steltz-fuss und dem Deckel-Korbe, welchen er auf einem Holtz-Wagen sitzend neben sich stehen gehabt, alles sehr eigentlich zutraff, durffte ich keinen fernern Zweiffel tragen, dass dieses mein ungetreuer StiefVater gewesen, der allem Ansehen nach, uns armen Kinder verlassen wolle.

Jedoch ich fassete einen behertzen Schluss denselben zu verfolgen, reisete deswegen in Gesellschafft vieler andern Leute, noch diesen Tag auf Halle zu, konte aber die Stadt nicht völlig erreichen, sondern muste in dem nächst gelegenen Dorffe bleiben. Am Oster heil. Abend früh aber, kam ich nicht nur in die Stadt Halle, sondern erfuhr auch nach vielen herum lauffen, von zweien seit etlichen Jahren her wohl bekandten lahmen Bettel-Leuten, dass sie meinen StiefVater so wohl als meine leibliche Mutter mit dem kleinen kind, in dieser Stadt Allwosen einsammlend, angetroffen; weil es aber schon ziemlich späte, und die Stadt mir allzuweitläufftig vorkam, versparete ich das fernere Auffsuchen biss auf Morgen. Allein, ungeachtet ich am ersten und andern Oster-Feiertage, allen möglichen Fleiss anwandte, meine Eltern anzutreffen; so war doch alles vergebens, weswegen bei herein dringender Nacht in einer jenseitigen Vorstadt mein Nacht-Qvartier suchen muste. Ich hatte den Tag über nicht nur verschiedene mahl gute Leute angetroffen, welche mich mit überflüssigen speisen versehen, sondern auch über dieses bei nahe 3. Ggr. an kleiner Müntze eingesammlet, weswegen ich in der Herberge gar wohl vor mein Geld zehren konte. Nachdem sich aber bei später Nacht noch viele andere Bettel-Leute daselbst versammlet, und ich ihnen die ursache meiner Reise entdeckt, versicherten mich einige, dass ihnen dieses vergangenen Nachmittags mein steltzfüssiger Stief-Vater nebst Mutter und kind in einem Dorffe zwischen Halle und Qverfurt begegnet, und zu vernehmen gegeben hätten, wie sie gesonnen wären, den berühmten Qverfurtischen Marckt auf der EselsWiese abzuwarten. Demnach machte ich mich mit anbrechenden Tage in Gesellschafft eines blinden Mannes, den ein Junge von meinem Alter führte, und noch zweier andern Land-Streicher auf den Weg nach Qverfurt, und erreichte nebst ihnen vor Abends ein Dorff, welches kaum eine halbe Stunde von der berühmten so genandten Esels Wiese abgelegen war.

Ich machte mich Mittwochs am ersten Jahr-Markkts-Tage sehr früh auf, und war so glücklich binnen zwei oder drei Stunden, von vornehmen staates- und andern Leuten, mehr als 5. Ggr. zusammen zu betteln, wobei meine Augen sich sehr fleissig nach meinen Eltern umsahen, und endlich mit ganz besonderen Freuden dieselben auf dem