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ist die berühmte Stadt Magdeburg, wo mein Vater als ein Zimmermann viele Jahre nach einander gearbeitet, eine Frau genommen, zwei Kinder mit derselben gezeuget, und endlich bei einem schweren Baue sein Leben eingebüsset hat. Ich war damahls etwa 9. mein jüngster Bruder aber 6. Jahr alt, und weil mein Vater durch seine Arbeit, die er unter andern Zimmer-Meistern nur als Geselle verrichtet, wenig Schätze sammlen, sondern mit genauer Not die Seinigen erhalten können, mussten wir uns, nachdem das wenige Geräte verkaufft und auffgezehret war, bequemen, nebst unserer Mutter den BettelStab zu ergreiffen, denn weil meine Mutter eine arme frembde Dienst-Magd, mein Vater aber ebenfalls ein frembder gewesen, so fand sich kein eintziger Freund, der eines oder das andere Kind auffnehmen oder ernähren wolte. Dennoch suchten wir unser Brod, von einem Dorffe und Stadt zur andern, mit Beten und Singen vor der Leute Türen; dass aber solchergestallt, zuweilen viel Kummer und Not mit untergelauffen, ist leichtlich zu erachten, jedoch meine Mutter, welche um selbige Zeit etwa 32. biss 33. Jahr alt war, gedachte sich ihr Elend zu erleichtern, indem sie einen abgedanckten Soldaten heiratete, welcher seines abgeschossenen Beins wegen, zu Pferde im land herum bettelte. Ob sie sich ordentlich mit ihm copuliren lassen, weiss ich zwar nicht, aber allen Ansehen nach, waren sie rechte Ehe-Leute, u. meine Mutter erzeigte ihrem neuen, wiewohl sehr wunderlichen und jachzornigen mann alle gehorsamliche Ehr-Furcht, so dass sie wegen der allzustarcken ehelichen Liebe, die Kindliche gegen uns ihre beiden Söhne zu vergessen schien, dessen die täglichen Schläge ein sattsames zeugnis abstatteten, zumahlen wenn wir armen Knaben, des Abends, nicht gnugsame Pfennige, Brod und andere Victualien-Stücken einbrachten; denn es ist zu merken, dass ich und mein Bruder bereits gewöhnet worden, ganz besondere Streiffereien zu tun, und Abends in der bestimmten Bettel-Herberge einzutreffen. Die verfluchte Schind-Mehre, nämlich das Pferd unsers Stief-Vaters, verfrass fast mehr als wir sämmtlich erbetteln konnten, und dennoch liess sein Hochmut nicht zu, selbiges zu verkauffen, endlich aber, da der Klapper-Storch bei meiner Mutter einkehren wolle, und sie fast nicht mehr fort kommen konte, blieben wir ohnweit Zörbig in einem Dorffe, Radegast genannt, liegen, wo der Stieff-Vater sein Pferd an einem Bauer vor 11. Tlr. verkauffte, sich nebst uns in ein klein Bauer-haus einmietete, und nebst meiner Mutter das Korbmacher Handwerck anfieng, als in welchem er ziemlich erfahren zu sein schien. Wenige Zelt hernach kam meine Mutter in die Wochen, und wie ich hörete, so setzte es, noch ehe das neugebohrne Schwesterlein gebohren wurde, bei dem Pfarrer ziemliche Verdrüsslichkeiten, des Trau-Scheins wegen, jedoch weil sich meine Eltern, ich weiss nicht auf was vor Art zu entschuldigen wusten, wurde zwar endlich das Kind getaufft, ihnen aber auferlegt, entweder binnen 6. Wochen ihren Trau-Schein und andere gute Zeugnisse zu schaffen, oder sich aus dem Dorffe zu packen. Meine Mutter gab vor, so bald es ihre Kräffte zuliessen, selbst eine Reise nach Magdeburg zu tun, um von dar die Zeugnisse ihres ehrlichen Lebens und Wandels, unterwegs auch einen neuen Trau Schein, von demjenigen Dorff-Priester, der sie getrauet, abzuholen; weil sie den ersten ungefähr verlohren hätte. Jedoch weil es noch vor Weihnachten also im härtesten Winter war, verzog sich ihre Reise biss kurz vor den Oster-Feiertagen, da sie denn endlich nebst ihrem kleinen säugenden kind dieselbe antrat, und noch vor dem Feste wieder zu kommen versprach. Der Stief-Vater war inzwischen sehr fleissig, und machte in der nahgelegenen Stadt Zörbig, alle seine Korbmacher-Arbeit zu Gelde. Mittwochs vor Ostern aber, da die Mutter noch nicht zu haus war, schaffte er die letzten Stücke in die Stadt, und welches mir am bedencklichsten vorkam, so packte er so wohl meiner Mutter, als sein eigenes angeschafftes Geräte, in einen grossen Deckel-Korb, verband denselben sehr fest, und liess ihn mit in die Stadt fahren: hätten ich oder mein Bruder gefragt was dieses bedeuten sollte; würde es unfehlbar entsetzliche Schläge geregnet haben, deswegen schwiegen wir stille, er aber gab uns gute Worte, und versprach: noch vor Abends wieder zu kommen, wir sollten aber ja durchaus nicht aus dem haus gehen, sondern sein fleissig Korb-Höltzer schnitzeln, denn die Mutter würde heute oder Morgen ganz gewiss zurück kommen, und uns Magdeburger Semmeln mitbringen. Demnach gaben wir uns zufrieden, zumahl da er wieder seine Gewohnheit, den Brod-kammer Schlüffel stecken gelassen, in welcher noch 4. Haussbackene Brodte, nebst ein halb Schock Käse, etwa zwei Pfund Butter, nebst Möhren, Rüben und andern Koch-speisen lagen.

Wir kochten, speiseten, und bedieneten uns alle beide nach Hertzens-Lust, sahen auch öffters zur Tür hinaus nach der Mutter, allein es wolte sich selbige, so wohl als der Stief-Vater, weder diesen noch folgenden Tag einstellen. Wir schlieffen am CharFreitage, biss fast gegen Mittag, da ich mich aber endlich befürchtete, der Vater oder Mutter möchten mir bei ihren plötzlichen Eintritte in die kalte stube, einen übeln guten Morgen bieten, erhuben sich die ausgeruheten Glieder aus dem, nicht mit Schwanssondern Schweins-Federn ausgestopffen Bette, worauff ich mich bemühete eine tüchtige warme stube