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Hier weht kein seichter Wollust-Wind. Hier kan so leicht kein eitler Wahn betrügen. Hier wird die schwerste Arbeit leicht. Hier ist ein irrdisch Paradiess. Hier schmeckt, was andern bitter scheint, Recht Zucker süss. Hier wird der Nahme, Freund, Mit Ernst und Wahrheit ausgesprochen; Hier ist ja, ja, und nein ist nein. Hier wird durch falschen Schein Kein zugesagtes Wort gebrochen, Hier hört man nichts von Gräntz- und andern Streite. Denn kurz gesagt: wir sind vergnügte Leute.

Aria.

Wucher, Hoffart, eitler Tand,

Setzen sonst das beste Land

Leicht in volle Glut und Brand,

Himmel steure diesen Feinden,

Dass sie uns vertrauten Freunden

niemals ins Gehege gehen.

Lass uns nach der alten Weise,

Uns zum Nutzen, dir zum Preise

Ihnen kräfftig widerstehn.

Da Capo.

Recit.

Bleib weg von uns du toller Kleider-Pracht! Hier wird dein Gauckel-Spiel ins Fäusigen

ausgelacht.

Was helffen uns Brabandsche Spitzen, Die nicht einmal zu guten Zunder nützen? Was sollen Frantzen, Knötgen, Gold und Silber

Band?

Was nützt die Seiden-Waare? Was, die gekräuselten und falschen Haare? Hat nicht so mancher kluger Geist Dergleichen Werck, auch wo es Mode heist: Vor Quackelei und Affen-Spiel erkannt? Drum wollen wir bei unsrer Einfalt bleiben, Und doch die Zeit In süssester Zufriedenheit Ganz fein vertreiben? Die Frömmigkeit sei unser schönstes Feier-Kleid, Und Tugend unser alle tages-Gewand; Hiernächst wird See und Land Schon so viel Flachs und Tiere geben: Worvon, so lange wir auf Erden leben, Weib, Kind und Mann Die Kleidung rein und zierlich haben kan.

Aria.

So sind wir denn alle nach Wunsche zufrieden,

So lange die Wurtzel des Ubels nicht grünt.

Zwar sind wir nicht alle von Fehlern befreiet,

Der Saame, den Satan in Eden gestreuet,

Wird wider Vermuten gar öffters erquick;

Jedennoch durch Fasten und Beten erstickt.

Indessen wird vieles was Eitel vermieden,

Das manchen vor diesen zum Falle gedient.

Da Capo.

Es ist unbeschreiblich, was diese unvermutete Neuigkeit vor ein ganz besonderes Vergnügen in aller Anwesenden herzen verursachte, ja es ist leichtlich zu glauben, dass die auf der Insul gezogen und gebohren, unsern lieben Litzberg, als welcher eben die vortreffliche Music machte, ganz erstaunend bewundert haben, denn weilen seit anno 1661. da ein naseweiser Affe des Alt-Vaters eintziges musicalisches Instrument, nämlich die vom Lemelie ererbte Cyter zerlästert, niemand weiter das geringste von einem Säyten-Spiele gehöret hatte, war die Verwunderung desto grösser. Es hatte aber Mons. Litzberg nebst dem Tischler Lademannen, schon seit einem halben Jahre her, jedoch in aller Stille und Heimlichkeit an diesem Instrumente gearbeitet, ehe sie dasselbe, sonderlich der Säyten wegen zum stand gebracht, jedoch dergleichen inventieusen Köpffen wie diese beiden hatten, muste so zu sagen alles nach Wunsche gehen, denn wie ich nachher gesehen, war von ihnen eine solche Menge allerlei Säyten bereitet worden, und zwar aus den Därmen der wilden und zahmen Ziegen, wie auch anderer Tiere, dass man wohl noch 200. dergleichen Instrumente, als dieses, welches die ziemliche, doch in etwas weniges veränderte Gestalt einer Laute zeigte, hätte damit beziehen können.

Mons. Litzberg spielete hierauf, zu unserm Vergnügen, noch verschiedene andere artige Stücke, und accompagnirte wechselsweise mit seiner anmutigen stimme, bis endlich der liebe Alt-Vater gegen Mitternacht hierdurch in einen süssen Schlaff gebracht wurde, weswegen wir übrigen uns nach ihm richteten, und sämtlich die Ruhe suchten, folgenden Tages aber nach eingenommenen Frühe-Stücke erstlich gegen Mittag wiederum von einander reiseten.

Zeitwährender Wein-Lese machten wir uns sämtlich bald in dieser, bald in jener Pflantz-Stadt ein und andere vergnügte Veränderung, so bald aber dieselbe vorbei, alles eingesammlet, und zur neuen BestellZeit behörige Anstalt gemacht war, ersuchte ich den Alt-Vater mir nebst andern Europäern und denen, so ausser dem noch Lust dazu hatten, eine Fahrt zur See auf die benachbarte Insul Klein-Felsenburg zu tun. Er liess sich durch unablässiges Anhalten endlich bereden, zumahlen da der Vater David Julius, alias Rawkin, sich zum schiffes-Patrone anbot, deswegen wurde das in der Bucht liegende Schiff, binnen wenig Tagen völlig ausgebessert, worauf wir sämtlichen letzt angekommenen Europäer, ausgenommen Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang uns am 28. Apr. 1727. embarquirten, und die Reife bei guten Wetter und Winde antraten. Es war eben kein allzustarcker Hazard dergleichen Fahrt vorzunehmen, denn wir gelangeten in wenig Stunden auf der lustigen Insul Klein-Felsenburg, und zwar in dem vortrefflichen Hafen an, welcher auf dem beigefügten KupfferStiche mit A bezeichnet ist. Der Ort, wo wir bequemlich aussteigen konnten, ist mit B. bemerckt, und hieselbst baueten wir sämtlichen an der Zahl 36. Personen, in der Geschwindigkeit 6. geraumliche LauberHütten von abgehauenen Baum-Aesten auf, vergassen auch nicht, aus denen 3. mitgenommenen kleinen kanonen, eine dreimahlige Salve zu geben, um unsern Freunden in Gross-Felsenburg kund zu tun: dass wir glücklich angelandet wären, worauf uns dieselben gleichfalls dreimahlige Antwort gaben.

Diesen ersten halben Tag brachten wir also mit Untersuchung der Nordlichen Gegend zu, durchstreifften dieselbe, so weit uns die ziemlich angelauffenen wasser-Flüsse das Gehen erlaubten, nämlich wie auf dem Kupffer-Stiche zu sehen, von B. zu C.D.E.F.