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Ficke hat, möchte er zu leichte sein, und vielleicht, wenn zumahl der Hencker sein Spiel hätte, wohl gar einmal in das Ventil hinnein geschluckt werden. Mit dem andern groben Bengel aber ist es gar nichts, und was das Hauptwerck abermals ist, so sind beide auch nicht musicalisch, wie ich. deswegen glaube steiff und feste, Ew. Hochwürd. und Hochgelahrteiten, werden in Betrachtung meiner person und angebohrnen Geschicklichkeit, mir dieses Kirchen- und Ehren-Amt, vor allen andern gönnen, wie ich mich denn dieserwegen gleich zum voraus bedancken will, damit Sie der Mühe überhoben sind, noch eine DancksagungsSchrifft von mir durchzulesen, ich aber ebenfalls fernerer Schreiberei und Aufwands entübriget sei. Wegen der Bestallung, die sich jährlich auf 10. fl. etliche Scheffel Getrayde ohne die Accidentien von Braut-Messen und dergleichen beläufft, will ihnen die sorge alleine überlassen, weil ich schon weiss, dass sie an dieser alten Stifftung, die noch ans den katolischen Wesen herrührer, keine Aenderung machen, sondern es bei den alten Löchern lassen werden, doch bleibet Ihnen unverwehrer, eine Zulage entweder an baaren Gelde oder Geträyde zutun, weil ich von dato an beständig sein und bleiben will

Ew. Hochwürd. und Hochgelahrteiten

Meiner insonders Hochgeehrsten Herren

gehorsamer Bürger und Calcante

bei Freude und Leid

Michel Conrad N.

Es ist leicht zu erachten, dass die mächtigen Beförderer über dergleichen einfältiges und doch hochtrabendes Memoriale nicht wenig werden gelacht haben, jedoch er bekam das Fiat gleich auf der Stätte, mit der einzigen Bedingung, dass er sich von dem Stadt-Organisten erstlich sollte tentiren lassen. Dieser nun war ein ganz besonderer Spaas-Vogel, und mochte entweder das Memoriale selbst gelesen, oder wenigstens den ganzen Inhalt gehöret haben, mitin wurde mein Schwager, der vielleicht noch nicht Zwirn genug im Kopff hatte, vollends zum Narren gemacht, denn weil er wegen seiner probe durchaus ein schrifftliches Attestat von dem Organisten verlangete, erhielt er endlich folgendes: Ich Endes unterschriebener bekenne durch diese, dass Meister Michel Conrad N. bei seiner abgelegten Calcanten-probe sehr wohl, und fast besser, als sein Antecessor bestanden, denn nachdem er von mir durch alle musicalische Regeln, die einem Kunstet fahrnen Calcanten zu observiren nötig sind, durchgenommen worden, so habe an ihm nichts auszusetzen gefunden, als dass er nicht so leicht moll als dur treten, oder, nach der Kunst zu schreiben, spielen kan, welches sich aber bei fernern Exercitio schon geben wird, denn der Mann hat in Wahrheit sehr feine Maniren an sich, welche sich ein anderer, der nicht von Jugend auf die Füsse unter dem Weber-stuhl gehabt, nicht so leicht angewöhnen möchte. Ubrigens ist er auch gegen andere ganz Unwissende in der Music gar sonderlich erfahren. Welches alles zu Steuer der Wahrheit mit Hand und Siegel bekräfftiget

N.N.

bestalter Stadt-Organiste.

In folgenden zeiten hat dieser Organist fast immer seinen Schertz mit diesem gelehrten Calcanten getrieben, und ihm gemeiniglich die Tone angezeiget, aus welchen er treten solle, so dass derselbe auf die gedanken gerät, das Werck könne unmöglich recht gehen, wenn er nicht vorher mit dem Organisten behörige Abrede genommen hätte. Jedoch einesmahls, da der Organist unpass, und der Cantor, welcher ein sehr mürrischer Mann war, die Orgel zur Music selbst spielen muste, kam mein Schwager eiligst hervor gelauffen, und fragte den Cantor: aus welchem Tone das Stücke ginge, ob es dur oder moll, auch was es vor Tact wäre? der Cantor, welchem der Kopff eben nicht recht stunde, wurde desto verdrüsslicher, und und tretet eure Bälge, oder ich werde euch die Wege weisen. Mein Schwager wolte dem ungeachtet lange nicht von der Stelle gehen, biss ihn endlich des Cantors zornige Gebärden zurück in die Bälg-kammer trieben, dieser wegen aber rührete er dennoch keinen Balg an, worüber der Cantor, welcher wohl zehnmahl geklingelt hatte, immer rasend zu werden gedachte, denn die Music sollte angehen, und in der Kirche wunderte sich ein jeder Mensch über das lange Stillschweigen. Er schickte einen Schüler nach dem andern fort, um den Calcanten zum Treten anzumahnen, oder selbst die Bälge zu treten, allein dieser stiess einen jeden zurück, der ihm ins Handwerck fallen wolte, schwur auch hoch und teuer, er träte eher keinen Balg, biss ihm der Cantor sagen lassen, aus welchem Tone die Music gehen, und was es vor Tact sein sollte. Ich erbarmte mich endlich, nachdem ich erfahren, woran es läge, über meinen wurmsichtigen Schwager, tat, als ob ich dem Cantor gefragt und erfahren hätte: dass das musicalische Stücke aus dem fis moll ginge, und 5/4tel Tact wäre, daher er sich endlich bewegen liess, die Bälge zu treten, der Cantor aber war dergestalt zum Eiffer, hergegen die Musicanten und Concertisten zum greulichen Gelächter gereitzt worden, so, dass immer eine Saue nach der andern heraus kam, biss endlich alles stecken blieb, und das ganze Stück von neuen angefangen werden muste. So bald endlich die Music mit Kummer und Not verbracht war, liess der Cantor einem Schüler den Glauben spielen, er aber lieff als eine Furie hinter in die Balg-kammer, um meinen Schwager einen tüchtigen Ausputzer zu geben, da ihm nun dieser kein Wort verschwieg, liess sich der Cantor vom Zorne dergestalt übermeistern, dass er dem Calcanten ein paar Maulschellen gab, dieser restituirte dieselben cum lnteresse, warff auch des Cantors schwartze Peruque zum Schall