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vermeinete, mir etwas rechts einzubilden.

Immittelst schien es doch, als ob es mir bei diesem Schwager besser gefallen wolte als bei dem ersten, denn ich durffte nur nach Belieben, so viel als ich wolte, arbeiten, und weil er etliche Gesellen sitzen hatte, die die schönsten Arten von Damassken und andern Zeugen machten, so fielen mir dabei verschiedene Kunst-Griffe in die Augen.

Bei so gestallten Sachen war es Schade, dass mein Schwager ein ganz heimlicher Narre war, denn weil er etwas weniges schreiben und im Donate Mensa decliniren gelernet, liess er sich den Dünckel einkommen, es wäre niemand als er, würdiger, mit ehesten ein Viertels-Meister, hernach Rats-Herr, und endlich gar Burgemeister in der Stadt zu werden. Alldieweiln aber sein ganzes Vermögen nur in einem kleinen haus und dann in den Weber Stühlen versteckt war, gleichwohl zu dergleichen Aemtern, ein grosses haus, nebst Brau-Ackern und andern liegenden Gründen erfordert wurden, mochte er sich vielleicht im Traume haben vorkommen lassen: als ob in seinem Keller ein Schatz vergraben wäre. deswegen streckte der arme Schlucker sein ganzes Vermögen dran, diesen Schatz, von berühmten Schatz-Gräbern heben zu lassen, allein, je mehr er sich darbei in recht hefftig drückende Schulden gesetzt, je stärcker fand er sich auf die letzte betrogen, so dass er, ehe man sich dessen versahe, nebst meiner Schwester, 4. Kindern und allen haus-Gesinde, worunter auch meine Personalität begriffen war, ganz plötzlich aus dem haus gestossen wurde, und kaum die auf dem leib tragenden Kleider mit hinweg nehmen durffte.

Demnach fahe ich mich genötiget, meiner Mutter, welche sich nebst meinen beiden jüngsten Schwestern, in der Stadt bei einem Posamentirer, der zugleich ein Rats-Herr war, eingemieter hatte, die besten Worte zu geben, dass sie mir nur die tägliche Kost und einigen Vorschub reichte, mich in der StadtSchule auf das Studiren zu legen. Sie liess sich beschwatzen, kauffte mir einen alten blauen Mantel, nebst etlichen dazu gehörigen Büchern, und ich fing solchergestalt ohne allen Schertz an, auf einen DorffPriesters-Dienst loss zu studiren, hatte jedoch den beständigen Trost darbei, dass zum wenigsten ein DorffSchulmeister aus mir werden müste, weil ich aus vielen Umständen vermerckte, dass meines Vaters Geist zweifältig in mir wohnete.

Jedoch, ehe ich von meinen eigenen Angelegenheiten weiter rede, muss ich vorher melden, wie es meinem ehrlichen Herrn Schwager Leinweber ergangen: Dieser nun fand sich nicht allein von seiner Schwieger-Mutter, dem Schwager Schneider; sondern auch von allen andern Befreundten, seines törichten Wesens halber, gänzlich verlassen, muste daher nebst seiner Frauen bei andern Meistern ums Lohn arbeiten, damit nur das tägliche Brod vor ihre, und der 4. Kinder Mäuler verdienet würde. Ich glaube, der arme Tropff zog sich diese verdrüssliche Lebens-Art dergestalt zu Gemüte, dass er vollends ein, oder etliche Sparren zu viel oder zu wenig bekam, welches daraus abzunehmen, weil er kurtze Zeit hernach um den erledigten Calcanten-Dienst, bei der Geistlichkeit und dem Stadt-Rate, ein selbst elaborirt und eigenhändig-geschriebenes Memorial folgendes Inhalts eingab: Hoch-Ehrwürdige, Hochgelahrte, Hoch-Achtbare, Hochweise, Hocherfahrne, Hochgeehrteste Herren und

mächtige Beförderer.

Ich Endes unterschriebener Bürger, Zeug- und Leinweber allhier, bin in Erfahrung kommen, dass der menschenfressende tot, welcher nach Syrachs und anderer frommen Lehrer Ausspruche, keine person ansiehet, vor etlichen Tagen ihren daher gewesenen Calcanten oder Orgel-Bälgen-Treter, den Wohlehrbaren und Nahmhafften, Meister N.N. mit seiner Sense, als einen frischen Kraur-Strunck abgehauen und ins Grab geworffen hat; alss worüber Dieselben, wie nicht unbillig, in grosses Leidwesen versetzt worden, denn es verdriesset ja wohl dem Müller, wenn ihm ein Esel umfallt, warum sollte es denn nicht nahe gehen, wenn ein ehrlicher Mann und frommer Kirchen-Bedienter, in seinen besten Jahren, die Beine, wormit er, wie mir gesagt worden, die Bälge über 13. Jahr getreten, in chen Untersuchung anheim gestellet und gegeben sein lassen, ob ihn der Doctor, durch das vor etlichen Wochen eingegebene Vomitiv oder Brech-Pulver, die Schwindsucht verursacht, oder ob er sich dieselbe, vielleicht durch seinen überflüssigen Fleiss, an den Halss getreten hat. Denn der gute Mann wolte zwar, wie ich selbst öffters gesehen habe, seine Geschicklichkeit gar zu sehr zeigen, allein es fehlete ihm am besten, denn er war nicht musicalisch. Mit mir hat es gar eine andere Beschaffenheit, denn ich kan nicht allein alle Chorale nach der Tabulatur und Noten auswendig, sondern spiele auch selbst etwas auf der Geige, wiewohl ohne Ruhm zu melden. Ew. Hoch

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würdige, Hochgelahrteiten etc. etc. werden also nach ihren ziemlichen verstand gleich mercken, dass ich um den Calcanten-Dienst anhalten will, und hierinnen fehlen sie nicht, deñ es ist bei meiner höchsten Treue mein rechter Ernst, weil ich durch böse LeuteBeschmeisser vor kurtzer Zeit sehr ins Armut gebracht worden bin. Ich weiss zwar aus gewissen Uhrkunden sehr wohl, dass auch ein anderer Bürger und Schneider alhier, und denn wiederum ein Holtzhauer, um dieses Ehren-Aemtgen herum gehen, wie die Katzen um den heissen Brei, allein, ich kan es Meinen Hochgeehrtesten Herrn mir guten Gewissen nicht raten, mir diese Leute vorzuziehen, denn wenn der erste sein Bügel-Eisen nicht in der