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sehr wenig Zeit zum Spielen übrig blieb. Was dieses vor eine Marter vor einen solchen Jungen, wie ich, war, ist nicht auszusprechen, denn mein gröstes Vergnügen bestund darinnen, mit den Bauer-Jungens auf dem Dorffe, die Saue und den Kräusel zu treiben, oder solche Spiele zu spielen, welche die Jahrs-Zeit unumgänglich zu erfodern schien. Mein Vater hingegen war dergestallt unbarmhertzig, dass er mir wöchentlich kaum zwei Stunden dazu vergönnete, und zwar auf allerhöchste Vorbitte meiner Mutter, welche befürchtete, das liebe Kind möchte ganz und gar zusammen wachsen. Selbst das verdrüssliche Schicksaal konte den harten Sinn meines Vaters, aus mir, einen recht vollkommenen Schulmeister zu machen, nicht brechen, denn ungeachtet in meinem 12ten Jahre die Künste schon am ganzen leib, dergestalt auszubrechen begunten, dass es schien, als ob ich lauter Gelencke, und in jedem Gelencke doppelte und dreifache Courage hätte, so erbarmete sich doch mein Vater nur in so weit, mich zwar eine Zeit lang mit der Schneider- und Leinweberei zu verschonen, hergegen muste ich von Morgen an biss auf den Abend dermassen �ber den Büchern liegen, dass meiner Mutter angst und bange wurde: ich möchte mit der Zeit etwa gar ein advokat oder ein Narr werden, als welchen Leuten sie am allergrämsten war, denn ein advokat hatte sie um eine reiche Erbschafft gebracht, und ihr erster Mann war von einer liederlichen Vettel, vermittelst eines liebes-Truncks, zum Narren gemacht und angereitzt worden, meine Mutter zu verlassen, und mit der Hure davon zu lauffen. Indem ich nun ein rechtes, so zu sagen, Pferde-mässiges Gedächtniss hatte, konte ich nicht allein in meinem 13ten Jahre fast alle Evangelia und Episteln, sondern über dieses, welches zu verwundern, alle Declinationes und Conjugationes auf dem Nagel herbeten, der lieben Psalmen zu geschweigen, denn mein Vater ärgerte sich solchergestalt fast über nichts mehr, als dass der König David nicht zum wenigsten noch ein paar hundert mehr gemacht hätte. In der Schneider- und Leinweber-Kunst war ich auch, seinen gedanken nach, weit avancirt, dass er mich ohne ferneres Bedencken hätte können zum Meister machen lassen, deswegen fehlete nichts weiter, meine erfahrne person sich substituiren zu lassen, als das eintzige, nämlich, dass ich nicht 8. oder 10. Jahre früher auf die Welt gekommen wäre.

Mittlerweile sah der Pfarrer und die Gemeine, ich weiss nicht aus was vor Ursachen, meinen 63. jährigen Vater vor älter an, als er sich selbst zu sein bedünckte, und da sonderlich der Gemeine nicht anstund: dass ich fast alle Sonntage an seiner statt cantorirte, meine Mutter aber wöchentlich mehr als 5. Tage den Schulmeister agirte, weil der Vater indessen die bestellte Schneider- oder Leinweber-Arbeit abwarten muste; so kam es durch ein und andere Verdrüsslichkeiten endlich dahin, dass meinem Vater aus dem Consistorio ein Substitute gesetzt wurde, und zwar, dem Vorgeben nach, aus keiner andern Ursache, als: weil sich die Gemeine anheischig gemacht, in ihre Kirche eine Orgel bauen zu lassen, die mein Vater gar nicht, der Stubtifute aber desto besser spielen könnte.

Mein Vater wolte diesen Schimpff durchaus nicht verdauen, so bald aber unsere Gemeine den Anfang zum Orgel-Baue machen liess, lieff er mit mir, fast alle Tage, 3. Viertel Meilwegs in die nächste Stadt, um in seinem hohen Alter, annoch das Orgel-Spielen zu erlernen, und hiermit bei bevorstehender Orgel-probe seinen Stubtifuten über den Tölpel zu werffen, meine Gelahrtafftigkeit, muste von dem höchst intonirten Stadt-Organisten, vor wöchentliches baares Geld, Käse, Butter, junge Hühner und andere Dinge ohngerechnet, auch lectiones nehmen, allein, wir hatten kaum die Claves kennen, und den Choral: O wir armen Sünder etc. spielen lernen, als mein Vater, der täglichen Strapazen wegen, bettlägerig wurde, und bald hernach verstarb. Mit ihm wurde zugleich meine Hoffnung auf den zukünfftigen Schul-Dienst unseres Dorffs, nebst meiner ganzen Organisten-Kunst zu grab getragen, und so bald meine Mutter nebst den zwei jüngsten, annoch unverheirateten Schwestern, das Schul-haus quittiren muste, muste auch ich mich beqvemen, bei dem mann meiner ältesten Schwester, der ein Schneider-Meister in der Stadt war, in die Lehre zu treten, ungeachtet mein ganzes Hertze, ich weiss nicht warum, einen hefftigen Eckel vor diesem Handwercke hatte.

Es verdross mich hefftig, dass ich nunmehr erstlich ganz von neuen anfangen, und einen Schneider-Jungen abgeben sollte, allein, die Lehre währete nicht viel über 6. Wochen, denn so bald sich mein hochtrabender Herr Schwager ein wenig zu mausig machen, und mich, der ich schon vor Geselle arbeiten, auch zur Not ein Kleid zuschneiden konte, allzu Jungenhafft tractiren wolte, warff ich ihn eines Tages die Scheere nach dem Kopffe, und lieff zu meinem andern Schwager dem Leinweber. Dieser missbilligte des Schneiders hochtrabendes Verfahren, und beredete mich, bei ihm als Leinweber in die Lehre zu treten, mit dem Versprechen, mich täglich noch ein paar Stunden im Schreiben, Rechnen und Latein informiren zu lassen, damit ich mit der Zeit etwa die Hand nach einem Ehren-amt ausstrecken könnte. Über dieses liess er mich, aus seinem alten blauen Mantel, von Fuss auf neue kleiden, und diese Manu mea gemachte Montur, stunde mir in meinen eigenen Augen dermassen wohl an, dass ich nicht geringe Ursache zu haben