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sein Deputat überhaupt wohl zubereitet empfieng.

Wenige Zeit nach der reichen Geträyde-Erndte, trat die ergötzliche Weinlese ein, welche nicht geringer war als voriges Jahrs. Unser Böttcher Garbe, hatte biss anhero seine hände nicht in Schooss gelegt, um bei dieser Zeit, mit seiner Arbeit Ehre zu erwerben, schaffte deswegen in alle Weinberge, nicht nur viel alte ausgebesserte, sondern auch ganz neue WeinFässer, welche letzteren er, als ein guter Wein-verständiger Küffer, bereits ausgelöhrt und zugerichtet hatte. Wie nun um diese Zeit alle diejenigen Insulaner, welche in ihren eigenen Fluren keinen besonderen Weinwachs hatten, denen Nachbaren zusprachen, den reichen Seegen einsammlen halffen, und zuletzt ihren beschiedenen, ja überflüssigen teil davon bekamen, so brachte ich bei der gelegenheit die meisten Tage in Roberts-Raum bei meiner Liebsten Cordula und Monsieur Harckerten zu, der, zu meiner grössten Verwunderung in aller Stille, selbsten zwei Stühle verfertiget hatte, auf welchen er seiner Frauen und meiner Liebste, das Bänder- und Bortenwürcken lehrete. Ich sah mit besonderen Vergnügen zu, wie geschickt sich meine artig Cordula hierbei zeigte, allein Harckert gab mir zu vernehmen: dass es bei dieser Arbeit nicht bleiben sollte, sondern er wolle ehestens mit Hülffe anderer guten Freunde viel grössere Stühle verfertigen, auf welchen er dem Frauenzimmer weit schönere Zeuge zu würcken, Anweisung zu geben gesonnen, denn so viel nötiges Bandwerck, als man auf dieser Insul jährlich brauchte; könnten zwei Personen fast in 2. Monaten allein verfertigen, die staates-Bänderei aber, als eine zur Hoffart und Torheit reitzende Sache, nicht ratsam einzuführen, also wäre er in zukunfft bereit, an statt solcher, in Europa sehr beliebter Dinge, seine Profession weiter auszudehnen, und allerhand zur Reinlichkeit und Beqvemlichkeit dienliche Zeuge, aus Baum-Wollen und Flächsen-Garne zu machen, und die Seide, als eine Sache, die wir ohnedem hiesiges Orts sehr sparsam hätten, zu vermeiden.

Ich konte Mons. Harckerts gedanken nicht anders als sehr vernünfftig und klug erachten, denn was war uns in diesem ohnedem mehr warm als kalten land wohl nützlicher, als das saubere Baum-Wollen- und Leinen-Geräte, welches er auf Zwillich-BarchentEannefas- und andere Arten zuwege zu bringen vermeinte. Es hatte zwar der Alt-Vater Albertus so wohl als Herr Wolffgang, noch einen ziemlichen Vorrat von kostbarn seidenen Zeuge, allein, es war schon verabredet, dergleichen Waaren, sonderlich, den zur Tändelei geneigten Frauenzimmer, also vorzubilden, als ob die bundten Farben nur vor kleine Kinder, die schwartzen und dunckeln aber vor alte Leute gehöreten, den Jungfrauen hingegen stünde die weisse Farbe als ein Zeichen ihrer Keuschheit, und denn denen Weibern andere modeste Zeuge am besten, welche ein jedes aus dem Sode von unterschiedenen Baum-Rinden, Blättern und Kräutern mit leichter Mühe selbst färben konte. Von Spitzen, Bändern, vielen Kräuseleien, Fontangen, Armbändern, Ohren-Gehencken und dergleichen unzähligen staat, welchen das Europäische Frauenzimmer sich anzuschaffen pflegt, wurde ihnen selten etwas vorgeschwatzt, und da solches ja dann und wann geschahe, wenn ein oder ander Frauenzimmer zugegen war, so wusten wir doch unsere eigenen Europäischen Lands-Leute, aus vernünfftigen Ursachen, in diesem Stücke als leibliche Schwestern oder Töchter der Frau Torheit abzumahlen.

Jedoch ich werde von unserer Kleider-Ordnung weitern Bericht zu erstatten unfehlbar bessere gelegenheit finden, deswegen will vorjetzo, um keine Verwirrung in meinem Gedächtnisse anzurichten, vermelden: dass annoch währender Weinlese-Zeit, eines Tages der Alt-Vater und Herr Magist. Schmeltzer nebst seiner Liebste, mir zu gefallen mit nach Roberts-Raum reiseten, um Monsieur Harckerten in seinem haus zu besuchen. Unterwegs sprachen wir bei Herrn Wolffgangen und Mons. Litzbergen an, um dieselben nebst ihren Weibern ebenfalls mitzunehmen, der erste liess sich gleich bereden, Mons. Litzberg aber, der den Tischler Lademann bei sich hatte, und vorgab, dass ihm derselbe etwas bequemes in seine wohnung zu machen versprochen, gelobte doch an, nebst seiner Frauen und diesem guten Freunde etwa in ein paar Stunden nachzukommen. Allein, nachdem wir uns fast den ganzen Tag über, biss etwa 2. Stunden vor Untergang der Sonnen, im Weinberge aufgehalten hatten, Mons. Litzberg aber noch nicht angekommen war, nahmen wir die von meiner Liebsten und Mons. Harckerts Frau zubereitete AbendMahlzeit ein, und höreten darauf zum noch übrigen Zeitvertreibe

Des Posamentirers Harckerts Lebens-Geschicht

aus eigener Erzehlung folgender massen an:

Ich bin, meine Herren! liess er sich vernehmen, eines Dorff-Schulmeistes Sohn aus der Ober-Laussnitz, und im Jahr 1702. gebohren. Mein Vater hatte dreierlei Professionen, er war nicht allein Schulmeister, sondern zugleich auch Schneider und Leinweber im Dorffe, so dass er, als ein sehr arbeitsamer Mann, sein Brodt wohl verdienen konte, denn wenn ein Handwerck nicht gehen wolte, so nahm er das andere vor. Ich war sein eintziger, jüngster und liebster Sohn, weil er ausser mir lauter Töchter gezeuget hatte, wovon jedoch nur 4. am Leben blieben. Seines herannahenden hohen Alters ungeachtet, vermeinte mein Vater dennoch, so lange zu leben, meine Gelahrsamkeit sich zum Stubtifuten setzen zu lassen, deswegen muste ich gleich von der Wiege an, nicht nur die Principia von der Schulmeisterei, sondern auch von der Schneider- und Leinweberei lernen. Ja mein Vater wuste, um mich zu einem recht tüchtigen mann zu machen, die Tages-Stunden dermassen einzuteilen, dass mir würcklich