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in aller früh, durch einen Schlösser an die Mauer hefften lassen, gab es gleich, noch ehe es Mittag wurde, einen ziemlichen Lermen bei einigen Geistlichen, noch mehr aber bei den vornehmsten Personen in der Stadt; so dass mich gleich nach der Mahlzeit der Ober-Pfarrer zu sich ruffen liess, und in Gegenwart des regierenden Burgemeisters, wie auch des Hospital-Vorstehers befragte: Wer mir die erlaubnis gegeben vor meinen Vater, der zwar ein ehrlicher Mann, jedoch nur ein armer Tagelöhner gewesen, ein so prächtiges und kostbares Epitaphium zu setzen? Ich gab hierauff zur Antwort, dass damit nicht der geringste Pracht, sondern nur eine Marque meiner kindlichen Liebe, und nechst diesen meiner wenigen erlangten Geschicklichkeit, gesucht würde, die Kostbarkeit wäre sehr geringe, indem ich nicht mehr als etwa 20. Ggr. vor Farben und Gold dran gewendet, die Arbeit aber vor gar nichts rechnete, über dieses, da mein Vater nach Aussage seines Beicht-Vaters, und zwar in Erwegung dessen, dass er kein Schrifftgelehrter gewesen, ein besonderes löbliches Ende genommen, als ein frommer Christ auf das Verdienst Christi gestorben, auch ihrem eigenen Zeugnisse nach als ein redlicher Mann gelebt, so sähe ich nicht, warum man ihm und mir dergleichen Ehren-Gedächtniss nicht gönnen wolle. Sie fertigten mich hierauff mit dem Bescheide ab: Die Sache käme ihnen etwas spitzig und verdächtig vor, erforderte also fernere Uberlegung und Untersuchung, ich sollte inzwischen gehen und weiterer Verordnung gewärtig sein. Wenig Tage hernach, schickte mir der Burgemeister einen schrifftlichen Befehl zu, des Innhalts: Ich sollte ohne ferneres Einwenden, und zwar bei 10. Tlr. Strafe, binnen 24. Stunden, das Väterliche Epitaphium selbst herunter nehmen; alldieweilen selbiges, bei ein und andern Leuten, viele anzügliche Reden und Anmerckungen, nebst diesen noch andere Bedencklichkeiten verursachte: oder gewärtig sein, dass solches auf den Verweigerungs-Fall, durch andere Personen abgeworffen würde. Ich konte mich ganz und gar nicht darein finden was die eigensinnigen Leute darunter suchten, zog derohalben nicht allein meinen Pflege-Vater den Rector, sondern auch den untersten Stadt-Priester, als meinen Beichtvater, ingleichen einen klugen Advocaten zu Rate, welche mich sämmtlich instigirten, dessfalls von dem Burgemeister nähere Erklärung zu fordern, immittelst aber allenfalls, wieder die Herabwerffung des Bildes solennissime zu protestiren, und mich auff den Ausspruch des Ober-Consistorii zu beruffen, wobei sich der advokat sogleich erbot, meine Sache den Rechten nach auszuführen, und mir vor allen Schaden zu stehen. Demnach wurde ich ohnvermutet in einen Process verwickelt, und zwar gegen sehr gewaltige Leute, jedoch ich gewann denselben, solchergestallt: dass nicht allein meines Vaters Epitaphium stehen bleiben, sondern auch mein Gegenpart mir alle verursachten Kosten ersetzen muste. Ich hätte damit zufrieden sein, und fein geruhig leben können, zumahlen da die Leute der Stadt, ein gutes Concept von meiner wenigen Geschicklichkeit fasseten, und mir nach und nach viel Geld zuwendeten, allein eine heimliche Rachgier verleitete mich zu allerhand losen Streichen. Denn als mir hernachmahls ein und andere in die Stadt-Kirche bedürfftige Drechsler-Arbeit verhandelt worden, konte ich meinen Lohn nicht eher empfangen, biss mich, auf des Ober-Pfarrers und des Kirchen-Vorstehers ungestümes Zureden, endlich erklärete in den Kauff, noch ein ausgschnitztes Bild über den BeichtStuhl zu machen. Man gab mir dieserwegen einen Kupffer-Stich vom Pharisäer und Zöllner im Tempel, ich wandte vielen Fleiss dran, muss aber selbst offenhertzig bekennen, dass unter dem Bilde des Pharisäers: unser Ober-Pfarrer, und dann unter dem Zöllner: der Kirchen-Vorsteher, beide nach ihrer eigentlichen Physiognomie, dergestallt accurat getroffen waren, als ob sie leibeten und lebten. Es fehlete nicht viel, man hätte mir dieserwegen einen neuen Process an den Halss geworffen, denn der Burgemeister war mein abgesagter Feind geworden, jedoch es mochte ein gewisser kluger Mann ins Mittel getreten sein, welcher durch einen andern Bildhauer und Mahler die Gesichter ganz und gar verändern lassen, so dass sich weiter niemand beschweren durffte. Bei herannahenden Weihnachts-Feste, da meine Handwercks-Genossen gemeiniglich allerhand Spiel- und Possenwerck vor die Kinder zu machen pflegen, war ich auch nicht der letzte meine curieusen Inventionen, deutlicher aber zu sagen Schraubereien, auf den Laden heraus zu setzen, ich will aber nur diejenigen beschreiben, welche mir den meisten Verdruss verursachten. Es præsentirte sich demnach die Gerechtigkeit auf einer Schaukel sitzend. An statt der Binde, welche sie sonsten um die Augen zu tragen pflegt, hatte ich ihr eine Brille ohne Gläser auf die Nase gesetzt. In der rechten Hand führte sie: ein in der Scheide steckendes Schwerdt, wenn aber die Scheide abgezogen wurde, kam ein ordentlicher Pflug-Reidel zum Vorscheine. Die lincke Hand hielt eine Wage, deren eine Schale, von dem darinnen liegenden Zehl-Brete, aufs tieffste niedergezogen war; da hingegen in der andern hoch hinauff gezogenen Schale, ein Buch mit der Auffschrifft Corpus Juris lag. Auff beiden Seiten dieser in der Schwebe hängenden Gerechtigkeit stunden zwei kleine Knaben, welche, so offt man unten an der Machine ein Rädgen drehete, die Gerechtigkeit hinter und vorwärts schauckelten, der zur rechten hatte das Wort: Gunst, der zur lincken aber Ungunst an seiner Brust geschrieben stehen. Ferner hatte ich einen Mann in Priester-Habite, dessen Mess-Gewand von SchaafsFelle gemacht, der Priester-Rock aber mit WolffsPeltze gefüttert war. An dem buch, welches