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tut uns in der heil. Schrifft klärlich zu wissen, was vor Freude im Himmel sei über einen Sünder der Busse tut; deswegen müste derjenige ein Gottesvergessener ruchloser Mensch sein, welcher euch als einen solchen Menschen, an dem GOtt seine heilsame Gnade ganz sonderbar offenbahret hat, geringer als andere Menschen achten wolte. Wenn wir ingesammt unser Gewissen fragen und nach dem gesetz prüfen, so wird sich wohl kein einziger finden, der sich eines besonderen Vorzugs vor andern sündhafften Menschen rühmen kan. Ach ich befürchte leider, dass Manasse, Paulus und andere dergleichen Heilige, an jenem Tage zwar genug Sünden- aber nicht so viel Buss- Genossen antreffen werden.

Unter solcherlei Gesprächen rückten endlich die düstern Abend-Stunden herbei, weswegen alle Auswärtigen von den werten Stephans-Raumer Freunden, vor alles genossene Vergnügen, danckbarlicheu Abschied nahmen, und sich auf den Weg zu ihren eigenen Wohnungen begaben. Dergestallt erreichte nun auch der Altvater nebst seinen haus-Genossen seine Beqvemlichkeit auf der Alberts-Burg, indem wir uns ingesammt bald darauff zur Ruhe begaben. Einige Tage hernach, da der Drechsler Herrlich, mir einen wohlgemachten Bauer vor meinen schönen Vogel überbrachte, und zur Danckbarkeit von dem Altvater mit dem allerbesten Weine tractiret wurde, liess sich derselbe von mir bereden, dem Altvater zum Zeitvertreibe seine, nämlich

Des Drechsslers herrliche Lebens-Geschicht

zu erzehlen, und zwar folgender massen:

Ich bin fing er an, im Jahr 1693. in einem kleinen Städtgen, von armen Eltern erzeuget worden, denn mein Vater ernehrete sich, meine Mutter und mich, als sein eintziges Kind, mit Handlangen und Botschafft lauffen, brachte aber doch damit immer so viel vor sich, dass wir nicht allein satt zu essen, sondern auch notdürfftige Kleider anzuziehen hatten, so bald aber ich kaum mein zehendtes Jahr erreicht, spannete mich mein Vater schon zu allerhand Arbeit an, hergegen wurde an gar kein Schulgehen gedacht, sondern mein Vater war vollkommen zufrieden, dass mir die Mutter das Vater Unser, den christlichen Glauben, die Tischund etliche andere Gebete nach der Larve herbeten gelernet, meinete auch, mit den übrigen Glaubens-Articuln hätte es schon noch Zeit, biss das Jahr herzu käme, da dergleichen Jungens zum Abendmahle gehen müsten, denn seine Eltern waren mit ihm auf gleiche Weise verfahren, und hatten ihm weder schreiben noch lesen lernen lassen.

Mittlerweile fügte sichs: dass mein Vater, bei einem vornehmen mann, der ein neues haus bauen liess, ein gut Stück Arbeit bekam, woran meine Mutter und ich mit Hand anlegen mussten, weil nun dessen Kinder, wenn ihr Informator dieselben in das neue haus spatzieren führte, sich öffters mit mir ins Gespräch einliessen, so bat ich einsmahls den jüngsten, mir ein fein gross Buch zu schencken, denn ich hätte gute Lust das Lesen zu erlernen. Der Knabe fragte mich, ob ich denn in die Schule ginge, und wer mir das Lesen lernen sollte? Ich aber gab zur Antwort: zum Schulgehen hätten wir kein Geld, dem aber ungeachtet, wolte ich das Lesen doch wohl lernen, wenn ich zusähe wie es andere Leute machten. Er fing an zu lachen, und erzehlete mein gespräche seinen zweien andern Brüdern, welche mir ein schön gross Buch zu schencken versprachen, wann ich auff den Abend vor ihre Tür kommen, und selbiges abholen wolte. Ich war nicht faul, sondern ging zu bestimmter Zeit hin, empfieng auch, von ihnen einen sehr grossen Folianten von zusammen gebundenen Leichen-Predigten, und versteckte selbigen, aus Furcht vor meinem Vater, zu haus unter die Treppe.

So bald mein Vater früh Morgens um die gehörige Zeit an die Arbeit gegangen, mir und meiner Mutter nachzukommen befohlen, nahm ich mein Buch unter den Arm, ging nach der Stadt-Schule zu, und erkundigte mich, in welcher stube der oberste Schulmeister Schule hielte. Indem mich nun ein jedweder, und zwar nicht ohne trifftige Ursachen, vor einen einfältigen, ja sehr dummen Jungen hielt, und vermeinete, ich hätte das grosse Buch etwa an den Rector zu bringen, so wiese man mich in Prima, wo ich nach zweimahligen Anklopffen, die tür selbst eröffnete, mit baarfussen Beinen und abgenommener Mütze hinein trat, dem Rector aber ganz dreuste und ohne alle Weitläufftigkeit, mit diesen Worten anredete: Guten Tag Herr! die Leute haben mir gesagt, dass ihr der oberste Schulmeister seid, und den Jungens mehr lernet als die andern kleinen Schulmeisters, darum wolte ich euch bitten, ihr soltet mich vor Geld und gute Worte lesen lernen, denn ich habe mir 5. Groschen weniger einen Dreier Geld gesammlet, das will ich doch dran wagen, wenn es fein bald geschehen kan, weil ich nicht viel Zeit drauff wenden kan, denn mein Vater braucht mich alle Tage notwendig, dass ich ihm muss helffen Steine auslesen, und in den Schubkarn schmeissen. Die in der klasse sitzenden grossen Kerls, fiengen über meine kauderwelsche Rede, gräulich zu lachen an, jedoch nachdem ihnen der Rector mit einer ernstafften Gebärde das Stillschweigen auferlegt, fragte er mich sehr freundlich: Mein Sohn, wer hat dich hergeschickt? Es hat mich niemand hergeschickt gab ich zur Antwort, sondern ich bin von mir selbst gekommen, weil ich Lust habe vor Geld und gute Worte in diesem buch lesen zu lernen. Es ist gut, mein Sohn, versetzte der Rector, allein gehe hin und bringe erstlichen ein kleines A.B.C. Buch her, so will ich vor