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Leute anzutreffen, die meine Mutter-Sprache redeten? Sie bezeugten durch Gebärden ein besonderes Mitleiden wegen meines gehabten Unglücks, sagten aber: Guter Freund, sorget vor nichts, ihr werdet an diesem wüste und unfruchtbar scheinenden Orte alles finden, was zu eurer Lebens-Fristung nötig sein wird, gehet nur mit uns, so soll euch in dem, was ihr zu wissen verlanget, vollkommenes Genügen geleistet werden.

Ich liess mich nicht zweimahl nötigen, wurde also von ihnen in den Schlund des wasser-Falles hinein geführt, wo wir etliche Stuffen in die Höhe stiegen, hernach als in einem finstern Keller, zuweilen etwas gebückt, immer aufwarts gingen, so, dass mir wegen unterschiedlicher einfallender gedanken angst und bange werden wolte, indem ich mir die 6. Männer bald als Zauberer, bald als böse, bald als gute Engel vorstellete. Endlich, da sich in diesem düstern Gewölbe das Tages-Licht von ferne in etwas zeigte, fassete ich wieder einen Mut, merckte, dass, je höher wir stiegen, je heller es wurde, und endlich kamen wir an einem solchen Orte heraus, wo meine Augen eine der allerschönsten Gegenden von der Welt erblickten. An diesem Ausgange waren auf der Seite etliche in Stein gehauene bequeme Sitze, auf deren einen ich mich niederzulassen und zu ruhen genötiget wurde, wie sich denn meine Führer ebenfals bei mir niederliessen, und fragten: Ob ich furchtsam und müde worden wäre? Ich antwortete: Nicht sonderlich. Hatte aber meine Augen beständig nach der schönen Gegend zugewand, welche mir ein irdisch Paradiess zu sein schien. Mittlerweile bliess der eine von meinen Begleitern 3. mahl in ein ziemlich grosses Horn, so er an sich hangen hatte, da nun hierauf 6. mahl geantwortet worden, ward ich mit Erstaunen gewahr, dass eine gewaltige starcke wasser-Flut in dem leeren WasserGraben hergeschossen kam, und sich mit grässlichen Getöse und grausamer Wut in diejenige Oeffnung hinein stürtzte, wo wir herauf gekommen waren.

So viel ist es, Messieurs, sagte hier der kapitän Wolffgang, als ich euch vor diessmahl von meiner Lebens-Geschicht erzehlet haben will, den übrigen Rest werdet ihr bei bequemerer gelegenheit ohne Bitten erfahren, geduldet euch nur, biss es erstlich Zeit darvon ist. Hiermit nahm er, weil es allbereit ziemlich spät war, Abschied von den andern, mich aber führte er mit in seine Cammer, und sagte: Mercket ihr nun, mein Sohn, Monsieur Eberhard Julius! dass eben diese Gegend, welche ich jetzt als ein irrdisches Paradiess gerühmet, dasjenige Gelobte Land ist, worüber euer Vetter, Albertus Julius, als ein Souverainer Fürst regieret? Ach, betet fleissig, dass uns der Himmel glücklich dahin führet, und wir denselben noch lebendig antreffen, denn den weitesten teil der Reise haben wir fast zurück gelegt, indem wir in wenig Tagen die Linie passiren werden. Hierauf wurde noch ein und anderes zwischen mir und ihm verabredet, worauf wir uns beiderseits zur Ruhe legten.

Es traff ein, was der kapitän sagte, denn 5. Tage hernach kamen wir unter die Linie, wo doch vor dieses mahl die sonst gewöhnliche excessive Hitze nicht eben so sonderlich war, indem wir unsere ordentliche Kleidung ertragen, und selbige nicht mit leichten Leinwand-Kitteln verwechseln durfften. Unsere Matrosen hingegen vergassen bei dieser gelegenheit ihre wunderlichen Gebräuche wegen des Tauffens nicht, sondern machten bei einer lächerlichen Masquerade mit denenjenigen, so die Linie zum ersten mahle passirten, und sich nicht mit Gelde lösen wolten, eine ganz verzweiffelte Wäsche, ich nebst einigen andern blieb ungehudelt, weiln wir jeder einen Species Taler erlegten, und dabei angelobten, Zeit Lebens, so offt wir an diesen Ort kämen, die Ceremonie der Tauffe bei den Neulingen zu beobachten.

Die vortrefflich schöne Witterung damahliger Zeit, verschaffte uns, wegen der ungemeinen Windstille, zwar eine sehr langsame, doch angenehme Fahrt, der gröste Verdruss war dieser, dass das süsse wasser, so wir auf dem Schiffe führeten, gar stinckend und mit eckeln Würmern angefüllet wurde, welches Ungemach wir so lange erdulden mussten, biss uns der Himmel an die Insul St. Helenæ führte. Diese Insul ist von gar guten Leuten, Englischer Nation, bewohnt, und konnten wir daselbst nicht allein den Mangel des Wassers, sondern auch vieler andern Notwendigkeiten ersetzen, welches uns von herzen wohlgefiel, ungeachtet wir binnen denen 12. Tagen, so wir daselbst zubrachten, den Geld-Beutel beständig in der Hand haben mussten.

Wenn der kapitän den wollüstgen Leuten unsers schiffes hätte zu gefallen leben wollen, so lägen wir vielleicht annoch bei dieser Insul vor Ancker, indem sich auf derselben gewiss recht artig Frauenzimmer antreffen liess, allein er befand, ehe sich dieselben ruinirten, vor ratsam, abzuseegeln, da wir denn am 15. Octobr. den Tropicum Capricorni passirten, wo die Matrosen zwar wieder eine neue Tauffe anstelleten, doch nicht so scharffe Lauge gebrauchten, als unter der Linie.

Wenig Tage hernach fiel ein verdrüssliches Wetter ein, und ob es wohl nicht beständig hintereinander her regnete, so verfinsterte doch ein anhaltender gewaltigdicker Nebel fast die ganze Lufft, und konnten wir um Mittags-Zeit die Sonne sehr selten und trübe durch die Wolcken schimmern sehen. Wenn uns der Wind so ungewogen als das Wetter gewesen wäre, hätten wir uns des übelsten zu befürchten gnugsame ursache gehabt, doch dessen gewöhnliche Wut blieb in ziemlichen Schrancken, obgleich der Regen und Nebel biss in die dritte Woche anhielt.

Endlich zerteilte sich zu unsern allerseits