oder 8. Elen hoch von der Erde sei, deswegen setzte die Henckers-gedanken etwas bei seite und versuchte, ob das Loch nicht etwa binnen etlichen Stunden dergestallt auszubrechen und zu erweitern wäre, dass ich hindurch wischen könnte; die Steine waren ziemlich mürbe, also fing ich mit Hülffe des eisernen Stabes, die Arbeit dermassen hitzig an; dass endlich binnen 2 oder drei Stunden das Loch durch die Mauer so gross als nötig wurde.
nunmehr hielt ich freilich das fernere Uberlegen vor einen unnützen Zeit-Verlust, warff deswegen den eisernen Stab, als ein höchstnötiges Faust-Gewehr voraus, und schlupffte hinter drein. Der Sprung war höher herunter geschehen, als ich mir dem Augenmasse nach eingebildet hatte, demnach prasselten alle Rippen in meinem leib, weil ich sehr unsanffte auf das Stein-Pflaster gefallen war. Jedoch die weit grössere Angst erstickte endlich diese etwas kleinere und stärckte mich dermassen, dass ich nicht allein, noch eine 6. Elen hohe Mauer überklettern, sondern auch vor anbrechenden Tage, im freien feld, einen Erdfall erreichen konte, in dessen nicht allzu wohl verwahrte Höle ich meinen zerstauchten körper schmiegte und denselben fast über und über mit Erde bedeckte. Nachdem die Sonne bereits etliche Stunden geschienen, und ich mich ziemlich weit ausser denen ordentlichen Strassen zu liegen vermerckte, das kalte Lager aber fast nicht mehr ertragen konte, zerriss ich meinen ohndem genug zerfleischten Bettlers-Kittel noch mehr, und brachte alles in eine dermassen unordentliche Ordnung, dass mich ein jeder nicht nur vor den allerärmsten Bettler, sondern so gar vor einen rasenden Menschen ansehen muste. Wer mir begegnet, lieff entweder aus dem Wege, oder warff beizeiten ein Stück Geld, Brod oder andere Victualien entgegen, nur damit ich ihm vom Halse bleiben sollte, und solchergestallt practicirte mich glücklich über die Französischen Gräntzen, biss an den Rheinstrom, wo mir, von dem annoch bei mir habenden Gelde, nunmehr erstlich wieder ein Mühl-Purschen Kleid, Axt, nebst allem andern, was zu solchen stand gehörete, anschaffte.
Es liessen sich zwar immittelst in allen meinen Gliedern die Zeichen einer bevorstehenden Kranckheit mercken, allein weil ich durchaus keine Lust hatte an Catolischen Orten stille zu liegen, so setzte dennoch meine Reise biss in die Wetterau fort, und fand daselbst bei einem guttätigen Müller, gelegenheit, etwas Artzenei zu gebrauchen, welche auch in so weit anschlug, dass ich nachher die Reise biss in meine Heimat mit ziemlichen Kräfften überstehen konte.
Mein ernstlicher Vorsatz war: von nun an meine Sünden zu bereuen, und so bald ich mich zu haus mit einem frommen Seelsorger bekandt gemacht, ein christliches und GOtt wohlgefälliges Leben anzufangen, jedoch weil dieser Vorsatz dem Teuffel unfehlbar hefftig verdross, warff er mir eine abermahlige Verhinderung darzwischen. Denn so bald ich in meiner Mutter haus eintrat, machte der nunmehr ziemlich alte und desto schlimmere Stief-Vater scheele Augen, und gab unter seinen brummenden Worten so viel zu verstehen: dass ich bei demjenigen, welchen ich vor etlichen Jahren das gute Geld geschickt, nunmehr auch die Bären-Haut suchen, und darauf liegen könnte, so lange als ich wolte. Denn er könnte leichtlich mercken dass ich mehr Ungeziefer als dukaten mit brächte, welches doch würcklich erlogen war. Jedoch meine sehr alte unvermögliche Mutter empfing mich desto freundlicher, und sagte: ich sollte mich nichts anfechten lassen, denn der böse Mann, welcher sie seit so vielen Jahren her als einen Hund tractiret hätte, wäre nur darum so rasend, dass sie mit ihm kein Kind gezeuget, vor weniger Zeit aber ein Testament gemacht, ihm nur, 100 fl. mir und meinen Geschwistern hingegen nicht allein die Mühle, sondern auch alle beweglichen und unbeweglichen Güter vermacht hätte. Ich liess also des Stief-Vaters verdrüssliche Reden zu einem Ohre ein, und zum andern wieder heraus gehen, begegnete ihm auch mit möglichster Höfflichkeit, allein da ich eines Tages dazu kam, und sah: wie er meine arme alte Mutter aufs aller erbärmlichste tractirte, so, dass ihr das klare Blut über das gesicht lieff und demnach des erbärmlichen Schlagens kein Ende werden wolte; fassete ich den Mörder beim arme und stiess ihn zur Tühr hinaus, meine Mutter aber hatte ich kaum ins Bette getragen und einigermassen von Blute gereiniget, da der erboste Stief-Vater zurück kam und mich mit einem grossen Prügel dermassen über den rücken schlug, dass ich fast verzweiffeln mögen, jedoch ehe er noch dergleichen Schlag wiederholen konte, stiess ich ihn zur Tür hinaus, so dass er rücklings eine kleine Treppe herunter stürtzte und ohnmächtig liegen blieb.
Es waren etliche Mahl-Gäste gegenwärtig, welche, das mir und meiner Mutter zugefügte Unrecht mit angesehen hatten, also meinen Jachzorn um so viel desto weniger missbilligen, dem ungeachtet meinen StiefVater mit Essig und andern starcken Sachen wieder erquicken wolten, allein ob derselbige gleich die Augen auf zutun und sich in etwas zu regen begunte, so wolte doch kein Verstand wieder kommen, wir schickten nach dem Bader des Dorffs, der ihm eine Ader öffnen und sonsten mit Artzeneien zu Hülffe kommen sollte, allein ehe die Mitternachts Stunde einbrach, starb er unverhofft und plötzlich, weil, wie ich nachher erfahren, ihm das Rückgrad entzwei gebrochen war. Solchergestallt muste ich mich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde eiligst aus dem Staube machen, und weil mir die erstere einen guten Zehr-Pfennig auf die Reise gab, zugleich ein gut Pferd aus dem Stalle mit zu nehmen erlaubte, erreichte ich gar bald