Freund bereden, mit in sein eigenes Logis zu ziehen, wo ich schöne gelegenheit, aber fast täglich solche Personen um mich hatte, welche den Krams-Vögeln gar nicht, den Galgen-Vögeln aber desto ähnlicher sahen. Le Pressoir brach endlich beim Truncke, und zwar, da wir ganz allein beisammen waren, mit dem ganzen Geheimnisse heraus, dass nämlich er und seine gefährten Cartouchianer, auf deutsch Mitgesellen der aller berühmtesten Spitz-Buben-Bande unter allen wären, die dermahlen auf der ganzen Welt florirten.
Ich erschrack hierüber von herzen, und zwar dermassen, dass mir der kalte Schweiss austrat, denn im Augenblicke stelleten sich alle Gehenckten, Geräderten, Gevierteilten, Gebrandmarckten, Gestäupten und dergleichen vor mein gesicht, die ich nicht nur von eben dieser Bande in Paris, sondern auch von Jugend auf an andern Orten Mord und Diebstahls wegen executiren sehen. Le Pressoir merckte einige Bestürtzung an mir, sagte deswegen: Schämet, euch Monsieur! bei so vortrefflichen Leibes-Gaben ein solch feiges Gemüte zu haben. Bedencket doch wer heute bei Tage sein Glück auf festen Fuss setzen will, muss wahrhafftig viel Geld haben, die Art, wo mit wir selbiges zu erwerben suchen, scheinet zwar etwas desperat und schimpflich, allein das letztere zumahl, ist eine leere Einbildung, weil einige von den grössten Monarchen das Gewerbe, sich mit Gewalt zu bereichern, öffentlich, wie armen Schlucker aber dasselbe nur heimlich treiben. Ach! sprach er noch, es sind viele von unserer Bande hinweg geschlichen, die mit ihrem darbei erworbenen Gute, teils in Deutschland, Engelland, Holland und andern Ländern, sich auf Lebens-Zeit vergnügte Ruhe-Städte zubereitet haben.
Solche gespräche führeten wir biss in die MitterNacht, ich versprach dem le Pressoir die Sache zu beschlaffen, und dessfals Morgen mit dem frühesten den Schluss zu fassen, ob ich mich ihrem Obristen wolte præsentiren lassen. Allein mein Sünden-Maass lieff ohnedem schon über, und weil die Göttliche Barmhertzigkeit vielleicht noch viele Grausamkeiten zu verhüten, mich aber zu einiger Erkäntniss zu bringen gesonnen, fügte es dieselbe dergestallt, dass le Pressoir diese Nacht ausgekundschafft, nebst mir im ersten Schlaffe überfallen, gebunden und ebenfalls ins Chastelet geführt wurde.
Hieselbst wurden mir alle meine Kleider biss auf die Hosen und Hembde abgezogen, ingleichen der Barchent Gürtel, worin mein Gold und Kleinodien vernehet waren, und den ich jederzeit auf dem blossen leib trug, abgerissen, so dass von allen übelerworbenen Gute nichts in meiner Gewalt blieb, als ein kleiner Diamant-Ring etwa 15. taler wert und dann 6. gehenckelte Gold-Stücke, die in einer verborgenen Hosen-Ficken stacken, und etwa 30. taler austrugen. Man warff mir zwar an statt meiner schönen Kleider etliche andere Stücke zu, welche unfehlbar etwa ein gehenckter oder geräderter Dieb zurück gelassen hatte, allein ich wolte selbige nicht eher anziehen, biss mir endlich des Nachts die grimmige Kälte allen Eckel vertrieb, denn es war gar ein verzweiffelt kaltes, stinckendes und niedriges Gewölbe im untern Stockwercke, worin man mich an entsetzlich starcken Ketten gefangen hielt.
Wenig Tage hernach wurde ich ins Verhör gebracht, wo ich mich zwar, was die Cartouchianer anbetraff, aufs beste zu verantworten suchte, allein um so viel desto schlechter Gehör fande, ja die Sache wurde dergestallt eiffrig getrieben, dass ich zu meinem Trost, ein vor allemahl den Bescheid bekam, entweder binnen dreien Tagen reinen Wein einzuschencken oder der allerentsetzlichsten Tortur gewärtig zu sein, zu desto grösseren Schrecken aber muste dabei sein, da ein anderer, mir unbekanter Cartouchianer von zweien Henckern aufs allerentsetzlichste gefoltert wurde, welches mir eine dermassen hefftige Empfindlichkeit verursachte, dass ich auf der Stelle hätte verzweiffeln mögen.
nunmehr, so bald ich wieder in mein dunckeles gefängnis geführt worden, hielt mir erstlich der Satan die Kuh-Haut, ja ich möchte sagen eine Elephanten-Haut vor, worauf alle meine von Jugend auf begangenen Sünden, mit den aller kläresten aber desto nachdrücklichsten Schrifften angezeichnet waren. Dass Eisen-Geschmeide an meinen Händen, Füssen und ganzen leib zu zerbrechen, war mir eine ganz leichte Sache, ja ich trug dasselbe deutlich zu sagen meinen Verwahrern nur zum Spotte. Alleine durch die Mauer zu brechen schien desto unmöglicher, deswegen bewegte mich die ausserordentliche GewissensAngst zur völligen Verzweiffelung, so dass ich gänzlich beschloss, mich in folgender Nacht ohne ferneres Bedencken selbst ums Leben zu bringen, es geschehe auch auf was vor Art als es wolle. Denn, ungeachtet ich in meinen Gewissen der Cartouchianer wegen ziemlich reine war, so propheceiete mir doch die Tortur, und dann das gemeine Sprichtwort: Mit gefangen mit gehangen, ein klägliches Ende. Demnach erwartete ich mit Schmertzen, biss der Kercker-Meister Nachts, um etwa 10. Uhr, zum letztenmahle nach mir gesehen hatte, wandte hierauf mittelmässige Kräffte an, und zerbrach binnen einer halben Stundte, nicht allein alles an mir habende Eisenwerck, sondern drehete auch die Schlösser und gelencke von den Handund Bein-Schellen glücklich ab, so dass ich mich hiervon völlig befreiet befand. Hierauf tappte mit den Händen nach einem Haacken herum, woran ich mich mich vermittelst meiner Strumpff Bänder zu hängen suchte, indem aber warff der Mond seine Strahlen durch ein Vierteil-Elen breites Lufft-Loch, welches jedennach mit einem starcken eisernen Stabe verwahret war. Selbigen Stab riss ich mit äuserster Mühe aus den Steinen heraus, weltzte einen grossen Klotz an das Lufft-Loch und bemerckte: dass selbiges nicht über 6.