versahe, lieff er sich meinen Degen dermassen gewaltsam unter dem arme in die Brust hinnein, dass er, vermutlich wegen einer Hertz-Wunde augenblicklich umfiel, und nach wenigen Zucken die Seele ausbliess. Ich sprach zu den beiden Anwesenden Secundanten: Messieurs nehmet euch so viel, als es sein kan, dieses entleibten Deutschen an, denn ich weiss, dass der Gürtel, den er auf seinem blossen leib trägt, die Mühe belohnen wird. Hiermit bekümmerte mich weiter um nichts, sondern gab meinem Pferde die Sporn, und jagte nebst meinem Diener so hurtig als möglich nach den Gräntzen der Österreichischen Niederlande zu. Selbige erreichten wir ohne eintzigen Anstoss, da doch sonsten ohne Pass hindurch zu kommen eine ziemliche Kunst war.
Ich hätte die gröste Ursache und schönste gelegenheit gehabt, dasiger Orten die bissherige schändliche Lebens-Art zu quittiren, und hergegen eine honorable krieges-Charge anzunehmen; allein die gebundene Lebens-Art schien mir ein Eckel zu sein. Jedoch, weil ich über 3000. Taler an Golde und Jubelen bei mir führte, gefiel mir endlich: Bald bei diesen, bald jenen Käyserlichen Regimente Curassirer, als Volontair herum zu schwermen, wobei meine Profession, nämlich das verfluchte Spielen zu exerciren, sich tägliche gelegenheit fand.
Endlich nachdem ich von dem vielen Gelde nicht mehr als 200. spec. dukaten an meinen Vetter und Lehrmeister übermacht, stiess mir ohnweit Luxemburg die abermahlige Fatalitæt zu, einen Officier, des beim Spiele entstandenen Streits wegen, zu erstechen, also nahm ich die Flucht aufs neue nach Franckreich, streiffte erstlich in vielen andern Städten herum, und kam endlich im Winter des 1720ten Jahres wieder nach Paris, alwo damahliger zeiten, lauter Lermen, wegen der so frewlen Spitzbuben war. Um nun nicht etwa in dergleichen Verdacht zu kommen mietete ich mich bei einem deutschen Zucker-Becker ein, und führte wieder meine Gewohnheit ein ziemlich ordentliches Leben, liess mich aufs neue in ein und andern, zur Matesi gehörigen und mir beliebigen Künsten unterrichten, da aber das Spielen nicht unterlassen konte, so spielete jedennoch fast gezwungen, ziemlich ehrlich, war auch darbei zuweilen ungemein glücklich. Mein Wirt war, ungeachtet dessen, dass er die Protestantische mit der Catolischen Religion verwechselt hatte, in allen seinen äuserlichen Wesen ein grund redlicher Mann, und erzeigte mir gegen billige Bezahlung alle gefälligkeit, ich bedaurete selbst zum öfftern, wenn sich ein klein Füncklein recht gesunde Vernunfft bei mir spüren liess, dass ich mich nicht entschliessen könnte nach haus zu reisen, und eine ordentliche Lebens-Art anzufangen, denn das Hertze wolte mir zum voraus sagen, dass dergleichen Aufführung endlich ein beklecktes Ende nehmen würde. Allein solche gute gedanken wurden fast augenblicklich als von einem Sturmwinde zerstreuet, hergegen kam mir die eingewohnte Weise immer süsser vor, so lange biss ich eines Abends, ebenfalls des Spiels wegen, in einer Rencontre, mit zweien Degens zugleich durchstochen, sonsten am leib auch sehr übel zerhauen wurde.
Man schaffte mich vermittelst einer Sänffte andern Tages in mein Logis, wo ich die Ehre hatte, von vielen deutschen Clavaliers besucht zu werden, weil ein jeder glaubte, ich sei derjenige, vor welchen ich mich ausgab, und weil keine sonderlichen Schrifften unter meinen Sachen angetroffen wurden, so konte dessfalls um so viel weniger verraten werden. Es waren ein Medicus und 2. Chirurgi über mir, welche aber wieder die gewöhnliche Art der Franzosen schlechten Trost gaben, deswegen begunte mein Gewissen auf einmal aufzuwachen, so dass ich vor Angst in gäntzliche Verzweiffelung gefallen wäre, wenn nicht ein gewisser Cavalier meine Hertzens-Bangigkeit gemerckt, und mir dieser wegen den Prediger eines gewissen Luterischen Abgesandtens zugebracht hätte. Selbiges war ein ungemeiner Mann, der mein Gewissen solchergestalt zu rühren wuste, dass ich ihm endlich, wie fast alle Zeichen meines heran nahenden Todes vorhanden waren, ein offenhertziges Bekäntniss meiner bissherigen Lebens-Art, und darbei den grossen Zweiffel zu vernehmen gab: Ob ein solcher Mensch wie ich, annoch Vergebung und Gnade bei GOtt erlangen könne? Demnach war er fast eine ganze Nacht hindurch bemühet, mich aus der Verzweiffelung zu reissen, und auf die rechte Strasse zu bringen, da ich nun gegen Morgen, eine ernstliche Reue, Busse und Glauben durch Worte und Gebärden zeigte, absolvirte er mich, und reichte mir nachher in aller Stille das Hochwürdige Abendmahl, worauf ich ungemeine Linderung, so wohl an den Leibes- als Gewissens-Wunden fühlete, und ein Gelübde tat, welches so viel in sich hielt: Dass, wenn mich GOtt diesesmahl beim Leben erhalten würde, ich so gleich nach wieder erlangter Gesundheit, alles mein Geld und Gut unter die Armen teilen, und nichts mehr davon übrig behalten wolte: als was ich zur Reise in mein Vaterland höchst vonnöten hätte, daselbst wolte ich denn auch, die, meinem Vetter über machten 200. spec. dukaten und den Wert von den übrigen übel erworbenen Reste, an Kirchen, schulen, und arme Leute verwenden. Bald nach diesem getanen Gelübde, liess sichs mit meinen Schäden zu schleuniger Besserung an, die Aertzte fiengen an besser zu trösten, sagten aber frei heraus, dass wenn ich vollkommen curiret sein wolte, sie, um den Eiter aus der Brust-Höle zu zapffen, über den kurtzen Rippen eine Oeffnung machen müsten.
Ich gab meinen Willen drein, stunde die höchst schmertzliche Cur aus, und wurde also nach wenig Wochen vollkommen gesund. Allein wer sollte es wohl glauben? dass, so bald sich die verlohrnen Kräffte wieder eingestellet