Welt anzutreffen, will ich eben nicht auscalculiren, sondern folglich berichten: dass meine Reise von daraus, zu meinem ehemahligen Compagnon, dem Orgel-Bauer, ging. Diesen ehrlichen Mann traff ich zwar seiner Handtierung wegen, in sehr guten stand an, denn er hatte volle Arbeit und starcken Verdienst, allein, was seine Ehe anbetraff, so lebte er im grössten Unvergnügen, denn weil er, seiner Profession gemäss, zum öfftern etliche Tage ausserhalb des Hauses sein muste, hatte sich seine allzuhitzige Frau, indessen andere Bedienung angeschafft, der gute Mann hatte sie zwar zu verschiedenen mahlen bei nahe auf der Tat erwischt, allein doch keine hinlängliche Ursachen zur Ehescheidung und völligen Beweiss ihrer übeln Aufführung wegen beibringen können. deswegen ist leichtlich zu erachten, was vor gut Geblüte aus dergleichen herrlicher Lebens-Art entstehen kan? Ach wie froh war ich, dass die unerforschliche Fügung des himmels mein Hertze von dergleichen Kummer frei gehalten hatte, denn meiner Lucia wäre wegen dergleichen um so viel desto weniger zu verdencken gewesen, weil sie von Jugend auf zu allem Staat und Delicatessen erzogen, des armen Orgel-Bauers Frau aber, war nur eine Schusters-Tochter, und als ein armes Mägdgen, wegen ihrer schönen stimme, aus Gnaden ins Closter genommen worden.
Ich sah kein Mittel, diese beiden Ehe-Leute zu vereinigen, muste im Gegenteil vermercken: dass eins dem andern die empfindlichsten Hertzens-Stiche, mit Worten und Gebärden versetzte, deswegen nahm in wenig Tagen Abschied von ihnen, und muste mir wider meinen Willen, von dem annoch beständigen Hertzens-Freunde, 10. harte Taler zum Geschencke aufdringen lassen. Dieses Geld aber war mir nicht so lieb, als die vortrefflichen Risse und neuen Erfindungen in seiner Profession, welche er mir schrifftlich communicirte, und dessfalls ferner mit mir zu conversiren versprach.
Von dar aus setzte ich meine Reise eiligst fort, um noch vor dem Winter, etwa in einer Niederländischen grossen Stadt, Arbeit zu bekommen. Es traff auch ein, nachher hielt vor ratsam, die vornehmsten Holländischen Städte zu besehen, und in dieser oder jener, etwa auf ein halbes Jahr oder weniger, Arbeit anzunehmen, solches habe so lange getrieben, biss mir endlich gegenwärtiger Herr kapitän Wolffgang in Amsterdam, die allergröste Begierde erweckte, unter ihm eine Reise zur See zu tun, welches mich denn biss auf diese Stunde nicht gereuet hat, auch wohl nimmermehr gereuen wird, weil ich einen solchen ergötzlichen Ort, solche vortreffliche Leute, und denn ein solches liebes Weib gefunden, dergleichen Kostbarkeiten sonsten sehr schwerlich in andern Welt-Teilen beisammen anzutreffen sind. Also ist mein eintziger Wunsch, mich der erlangten Glückseeligkeit durch meiner hände Werck vollkommen würdig zu machen, und dann, wo es möglich sein könnte, meinem lieben Vormunde, dem Pfarr-Herrn meines Geburts-Dorffs, so wohl auch denen Geschwistern einige Nachricht von meinem Zustande, das zurück gelassene Geld aber ihnen zur Teilung anheim zu geben. Hiermit endigte unser ehrlicher Lademann die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, seine geliebte haus-Frau Margareta deckte deswegen den Tisch, und bewirtete die sämmtlichen Gäste, worzu noch der Gross-Vater Stephanus aus dem feld kam, aufs herrlichste. Nach der Mahlzeit aber, da es noch sehr hoch Tag war, verschaffte der Alt-Vater Albertus uns versammleten annoch die Lust
Des Müllers Krätzers Lebens-Geschicht
zu vernehmen, als welcher dieselbe folgender massen her erzehlete:
Ich bin, meine Herrn, nunmehr ein Mann von 37. Jahren, mein Vater war ein Fluss-Müller an der Mulda, der in meinem 4ten Jahre, und zwar in seinen besten Jahren, im Flusse, da er dem Grund-Eise fort helffen wollen, das Leben eingebüsset, deswegen nahm meine Mutter einen andern Mann, ich aber nebst zwei ältern Geschwistern bekam an demselben einen sehr strengen Stief-Vater, der, weil er ein Reformirter, meine Mutter aber, so wie ihr voriger Mann, Luterisch, und uns 3. Kinder auch in solcher Religion auferziehen wolte, seinen dessfalls geschöpfften Verdruss nicht bergen konte, sondern bald nach der Hochzeit Mutter und Kinder wie die Hunde tractirete, so lange, biss sich dieselbe endlich beqvemete, ihm nach zu geben, und uns Kinder in dem Reformirten Glauben aufzuziehen. Sie hatte solchergestalt so wohl als wir, eine Zeit lang Friede im haus, jedoch nicht gar lange, denn weil mein Stieff-Vater den verzweiffelten Brandtewein allzu sehr liebte, wurde derselbe, wenn er sich zuweilen darinnen übernommen, fast ganz rasend, so, dass sich keins von den Seinigen im haus durffte sehen lassen. Meine Mutter war also, und zwar mit ihrem mercklichen Schaden, zu spät innen worden: dass sie das Abraten guter Leute, wegen der Heirat mit diesem Menschen, verlacht hatte; Allein, nunmehr halff nichts als die liebe Gedult. Den ältesten Bruder hatte dieser böse Mann ganz zu Schande geschlagen, so, dass er wegen Gebrechlichkeit zu keiner starcken Arbeit etwas nutzte, sondern das Schneider-Handwerck lernen muste. Mit mir wäre er unfehlbar auf gleiche Weise verfahren, allein, ich lieff mit heimlicher Bewilligung meiner Mutter, im zwölfften Jahre darvon, wurde von meines Vaters Bruder, der ebenfalls ein Müller, und zwar an der saal, von guten Mitteln war, aufgenommen, und nicht allein zum Handwercke angeführet, sondern auch zur Luterischen Schule gehalten, so, dass ich bald hernach zum heiligen Abendmahle gehen konte.
Es schien, als ob ich zum Müller gebohren