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Schiffe machten. Ich wolte die ehemalige Schärffe gebrauchen, allein, Jean le Grand trat nunmehr öffentlich auf, und sagte: Es wäre keine Manier, Frei-Beuter also zu tractiren, ich sollte mich moderater aufführen, oder man würde mir etwas anders weisen.

Dieses war genug geredet, mich völlig in Harnisch zu jagen, kaum konte mich entalten, ihm die Fuchtel zwischen die Ohren zu legen, doch liess ihn durch einige annoch Getreuen in Arrest nehmen, und krumm zusammen schliessen. Hiermit schien es, als ob alle Streitigkeiten beigelegt wären, indem sich kein eintziger mehr regte, allein, es war eine verdammte List, mich, und diejenigen, die es annoch mit mir hielten, recht einzuschläffern. Damit ich es aber nur kurz mache: Einige Nachte hernach machten die Rebellen den Jean le Grand in der Stille von seinen Ketten loss, erwehleten ihn zu ihrem kapitän, mich aber überfielen sie des Nachts im Schlaffe, banden meine hände und Füsse mit Stricken, und legten mich auf den untersten schiffes-Boden, wo zu meinem Lebens-Unterhalte nichts anders bekam als wasser und Brod. Die Leichtfertigsten unter ihnen hatten beschlossen gehabt, mich über Boord in die See zu werffen, doch diejenigen, so noch etwa einen halben redlichen Bluts-Tropffen im leib gehabt, mochten diesen unmenschlichen Verfahren sich eifferig widersetzt haben, endlich aber nach einem abermals überstandenen hefftigen Sturme, da das Schiff nahe an einem ungeheuern Felsen auf den Sand getrieben worden, und nach 2. Tagen erstlich wieder Flott werden konte, wurde ich, vermittelst eines kleinen Boots, an dem wüsten Felsen ausgesetzt, und muste mit tränenden Augen die rebellischen Verräter mit meinem Schiffe und Sachen davon seegeln, mich aber von aller menschlichen Gesellschafft und Hülffe an einen ganz wüsten Orte gänzlich verlassen sehen. Ich ertrug mein unglückliches Verhängniss dennoch mit ziemlicher Gelassenheit, ungeachtet keine Hoffnung zu meiner Erlösung machen konte, zudem auch nicht mehr als etwa auf 3. Tage Proviant von der Barmhertzigkeit meiner unbarmhertzigen Verräter erhalten hatte, stellte mir deswegen nichts gewissers, als einen baldigen tot, vor Augen. nunmehr fing es mich freilich an zu gereuen, dass ich nicht auf der Insul Bon air bei dem grab meiner liebsten Salome, oder doch im vaterland, das Ende meines Lebens erwartet, so hätte doch versichert sein können, nicht so schmählich zu sterben, und da ich ja gestorben, ehrlich begraben zu werden; allein es halff hier nichts als die liebe Gedult und eine christliche Hertzhafftigkeit, dem tod getrost entgegen zu gehen, dessen Vorboten sich in meinem Magen und Gedärme, ja im ganzen körper nach aufgezehrten Proviant und bereits 2. tägigem Fasten deutlich genug spüren liessen.

Die Hitze der Sonnen vermehrete meine Mattigkeit um ein grosses, weswegen ich an einen schattigten Ort kroch, wo ein klares wasser mit dem grössten Ungestüm aus dem Felsen heraus geschossen kam, hiermit, und dann mit einigen halbverdorreten Kräutern und Wurtzeln, die doch sehr sparsam an dem rings herum ganz steilen Felsen anzutreffen waren, konte ich mich zum Valet-Schmause auf der Welt noch in etwas erquicken. Doch unversehens hörete die starcke wasser-Flut auf einmal auf zu brausen, so, dass in Kurtzen fast kein eintziger wasser-Troffen mehr gelauffen kam. Ich wuste vor Verwunderung und Schrecken nicht, was ich hierbei gedencken sollte, brach aber in folgende wehmütige Worte aus: So muss denn, armseeliger Wolffgang! da der Himmel einmal deinen Untergang zu beschleunigen beschlossen hat, auch die natur den ordentlichen Lauff des Wassers hemmen, welches vielleicht an diesem Orte niemals geschehen ist, weil die Welt gestanden hat, ach! so bete denn, und stirb. Ich fing also an, mit weinenden Augen, den Himmel um Vergebung meiner Sünden zu bitten, und hatte den festen Vorsatz, in solcher heissen Andacht zu verharren, biss mir der tot die Augen zudrückte.

Was kan man doch vor ein andächtiger Mensch werden, wenn man erstlich aller menschlichen Hülffe beraubt, und von seinem Gewissen überzeugt ist, dass man der Göttlichen Barmhertzigkeit nicht würdig sei? Ach! da heist es wohl recht: Not lernet beten. Doch ich bin ein lebendiger Zeuge, dass man die Göttliche Hülffe sodann erstlich rechtschaffen erkennen lerne, wenn uns alle Hoffnung auf die menschliche gänzlich entnommen worden. Doch weil mich GOtt unfehlbar zu einem Werckzeuge ausersehen, verschiedenen Personen zu ihrer zeitlichen, noch mehrern aber zu ihrer geistlichen Wohlfart behülfflich zu sein, so hat er mich auch in meiner damahligen allergrösten Lebens-Gefahr, und zwar folgender Gestalt, wunderlich erhalten:

Als ich mich nach Zurückbleibung der WasserFlut in eine Felsen-Klufft hinein geschmieget, und unter beständigen lauten Seuffzen und Beten mit geschlossenen Augen eine baldige Endigung meiner Quaal wünschte; hörete ich eine stimme in Teutscher Sprache folgende Worte nahe bei mir sprechen: Guter Freund, wer seid ihr? und warum gehabt ihr euch so übel? So bald ich nun die Augen aufschlug, und 6. Männer in ganz besonderer Kleidung mit Schiessund Seiten-Gewehr vor mir stehen sah, kam mein auf der Reise nach der Ewigkeit begriffener Geist plötzlich wieder zurücke, ich konte aber, ich glaube, teils vor Schrecken, teils vor Freuden kein eintzig Wort antworten, sie redeten mir deswegen weiter zu, erquickten mich mit einem besonders wohlschmeckenden Geträncke und etwas Brodt, worauf ihnen meine gehabten Fatalitäten kürtzlich erzehlete, um alle möglichste Hülffe, gegen bevorstehende Gefahr zu verhungern anhielt, und mich anbei erkundigte, wie es möglich wäre, an diesem wüsten Orte solche