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ihm geführten Reden, sehr freundlich befragte, gab zur Antwort: dass er ihr die Irrtümer der Römisch-Catolischen Kirche entdecket hätte, welches mir sehr lieb zu vernehmen war. Allein meine Leichtgläubigkeit zeigte mir hernach ganz andere Irrtümer, denn da ich früh Morgens nach meiner Liebste sehen liess, die in der Höhe ihre besondere Cammer hatte, war dieselbe über alle Berge, und hatte den Schlüssel zu unsern Reise-Coffre, in einen auf den Tisch gelegten Brief gesiegelt, der folgendes Innhalts war:

Monsieur Lademann,

Ich habe euch biss auf diese Stunde vor einen frommen, tugend- und gewissenhafften Menschen erkannt, der allein, wegen seiner Treue und Redlichkeit, von der schönsten person auf der Welt geliebet zu werden verdienet. Allein, nehmet mir nicht übel, dass ich, euren gedanken nach, eine Untreue an euch ausübe. Es ist mir unmöglich, mich mit euch zu verehligen. sollte ich dieserwegen eine Ursache anzugeben gezwungen sein; so wüste keine andere vorzubringen als diese: dass es mir unmöglich ist: ungeachtet ich an euren ganzen Wesen nichts auszusetzen weiss. Ich glaube, dass euch der dessfalls verursachte geringe Verdruss weit leichter vorkommen wird, als wenn ihr Zeit-Lebens mit mir in einer unvergnügten Ehe leben soltet. Eures mir getanen Schwures seid ihr hiermit quittirt, quittiret dargegen auch meine leichten Versprechungen. Macht euch keine Mühe, mich aufzusuchen, denn ich weiss gewiss, dass ihr meine person so wenig finden als zwingen sollet. Von euren Sachen habe mit Wissen und Willen nichts mitgenommen, hergegen etwas von den meinigen zum Andencken, nebst 200. Tlr. vor gehabte Mühe und Reise-Kosten, in Coffre zurück gelassen. Lebet wohl, vergebet mir meinen Fehler, den ich als eine Sclavin des Schicksaals zu begehen, mich gezwungen sehe, und glaubet, dass ausserdem Zeit-Lebens verbleibet

eure danckbare Freundin

Lucia N.

Ich hätte verzweiffeln mögen, da ich diesen Brief, so zu sagen, in einem Atem mehr als 10. mahl überlesen hatte, die Post rückte angespannet vor die Tür, ich aber konte mich unmöglich resolviren, mit zu reisen, sondern blieb noch da, in Hoffnung, meine Geliebten auszuforschen, allein die Mühe war vergebens, über dieses, weil die Wirts-Leute ein heimliches Gespötte über meine Klagen trieben, so merckte ich gar bald, dass die Karte falsch gespielet worden, ärgerte mich zwar nicht wenig darüber, bedachte aber doch letztlich: dass bei unveränderlichen Sachen die Vergessenheit das beste Mittel sei, und reisete ganz verwirrt in mein Geburts-Dorff, wo mich mein getreuer Vormund, der gute Pfarr-Herr, durch vernünfftige Vorstellungen, endlich bald wieder zu frieden stellte. Meine Mutter war mittlerweile gestorben, zwei Schwestern sehr gut verheiratet, die jüngste dienete beim Pfarr-Herrn, der Bruder aber, welcher ebenfalls geheiratet, und bereits zwei Kinder gezeuget, hatte das Väterliche haus angenommen, worauf mein Erbteil noch stunde, weil ich aber über 400. Tlr. Geld mit brachte, legte ich selbiges meistenteils an Feld-Güter, übergab selbige dem Bruder zur Verwaltung, weil sich der Pfarr-Herr zum Aufseher Zinsen vorlegte, welches ich jedoch, nachdem ich der jüngsten Schwester 30. Tlr. und jeder andern 20. Tlr. zum Hochzeit-Geschencke vermacht, unter seinen Händen liess, zur Danckbarkeit aber ihm verschiedene ansehnliche haus-Rats-Stücke fournirte, und nachher wieder in die Welt ging.

Es begegnete mir binnen etlichen Jahren nichts besonders, ausserdem dass ich von meinem Verdienste noch ein klein Capital von 140. Tlr. an meinen lieben Herrn Pfarrer übersandte. Bald darauf kam mir die Luft an: meinen ehemahligen Compagnon, den Orgel-Bauer im Hessen-land zu besuchen, um zu erfahren, wie vergnügt er mit seiner lieben Nonne lebte, auch ob er nichts von meiner Begebenheit vernommen hätte. Allein, unterwegs hatte ich im wald das Unglück, von den Zigeunern ausgeplündert und biss aufs Hembde ausgezogen zu werden. Die etliche 20. Tlr., so ich bei mir hatte, wären endlich, in Betrachtung dass ich mein Leben als eine Beute darvon trug, zu vergessen gewesen, allein es kränckte schmertzlich sehr, dass ich von einem Dorffe biss zum andern betteln muste, und doch kaum so viel erbetteln konte, meine Blösse mit alten Lumpen zu bedecken. Endlich kam ich in ein grosses Dorff, wo meine erste Frage nach der Pfarr-wohnung war, weil doch von rechtswegen die Einwohner derselben am barmhertzigsten sein sollen.

Ich pochte an, eine Magd öffnete die Tür, und hiess mich, auf mein Andringen: dass der Herr Pfarrer, einem von den Zigeunern ausgeplünderten Handwerkks-Purschen, mit ein paar alten Schuen helffen sollte; ein wenig warten. Die Tür blieb etwas offen stehen, deswegen konte ich von ferne die Priester-Frau im haus sitzen sehen, welche ein kleines Kind auf dem Schosse, ein ander grösseres aber vor sich stehen hatte, und mit beiden aufs liebreichste spielete. Aber, ach Himmel, wie wurde mir zu Mute, da ich an dieser Priester-Frau, meine ehemahlige Geliebte Lucia erkandte. Ja, sie war es selbst leibhafftig, und also fehlete wenig, dass ich nicht in Ohnmacht gesuncken wäre, jedoch ob schon dieses nicht geschahe, so blieb ich hergegen ganz entgeistert, mit halb hinweg gewendeten gesicht vor der tür stehen, konte mich auch kaum ermuntern, da mir die Magd ein paar ganz feine Schue, ein paar schwache